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16.05.10 / 00:07
Heft 10/2010 Praxis
Arztausbildung der Zukunft

Medizinstudium 2.0

Vom Pauken im virtuellen Hörsaal bis hin zum Fachlexikon als App fürs Smartphone – E-Learning gewinnt im Medizinstudium immer mehr an Bedeutung. Wie neue Lehr- und Lerntechnologien dabei helfen können, komplexe Inhalte nachhaltig und didaktisch sinnvoll zu vermitteln, war Thema beim Symposium „Medizinstudium 2.0 – Innovationen, Reformen, Perspektiven“ an der Eberhard Karls Universität in Tübingen.



Wer denkt, virtuelles Lernen ist gleich isoliertes Lernen, irrt. Im Webinar büffeln die angehenden Mediziner vernetzt. Foto: fotolia

Das Medizinstudium steht in der Kritik. Studierende, Professoren, Kliniken und Berufsverbände bemängeln die Qualität in der Lehre und sehen Defizite bei den Absolventen. Wie Studenten mittels moderner Technologien fitter für den Job werden und schon im Studium mehr Kompetenzen erlangen, wurde bei dem Symposium am 27. April, zu dem die Uni Tübingen, der Georg Thieme Verlag und das Centrum für Hochschulentwicklung geladen hatten, erörtert.

Lernen im Webinar

Hinter dem Begriff E-Learning im Zahnmedizin- und Medizinstudium stehen verschiedene Lernplattformen. „Ein großes Thema sind sogenannte Webinare, also netzbasierte Seminare zu einem bestimmten Thema. Studierende können daran von ihrem Computer aus in Echtzeit teilnehmen und sich mit Referenten und anderen Teilnehmern austauschen“, erklärte Dr. Ulrich Schmid, Leiter des Bereichs E-Business Development Aus- und Weiterbildung beim Thieme Verlag. Beim Webinar wird im virtuellen Konferenzraum über Mikro und Webcam kommuniziert. Die Lehrveranstaltung bleibt damit live, ist aber ortsunabhängig. Voraussetzung: eine starke Internetverbindung. Im Unterschied zum zeitlich gebundenen Webinar, können Vid- und Podcasts jederzeit im Netz abgerufen werden – das Live-Erlebnis und die Möglichkeit für Zwischenfragen sind damit freilich futsch. Vor allem Vorlesungen eignen sich für Audio- oder Videoaufzeichnungen. Mitschnitte lassen sich per Camcorder einfach produzieren, die Kosten sind minimal und die Verbreitung im Netz ist unproblematisch. Per Mausklick können Studenten so versäumte Veranstaltungen nachholen oder sich bestimmte Passagen noch einmal in Ruhe anschauen.

Der Einsatz von Social Media im Medizinstudium zeigt sich auch anhand der Wikis: Wissenssammlungen, die von Usern gemeinsam zusammengetragen, erweitert und gepflegt werden. Jeder Studierende hat darauf Zugriff und kann sich – oder die Kommilitonen – online mit Know-how versorgen. Fachliche Supervision ist allerdings ein Muss, damit keine falschen Infos in Umlauf geraten.

In seinem Vortrag „Studieren 2.0: Das Potenzial externalisierten Wissens im Social Web“ sagte Prof. Dr. Dr. Friedrich Hesse, Direktor des Instituts für Wissensmedien in Tübingen: „Wissensressourcen bekommen eine andere Bedeutung, sie werden nicht mehr nur konsumiert wie im Web 1.0, sondern auch produziert, und zwar im Web 2.0.“ Wichtige Plattformen für den Austausch: Wikipedia, Facebook oder Xing.

Zahnmedizin ausgezeichnet

Im Rahmen eines Posterwettbewerbs wurden bei dem Symposium 70 Projekte vorgestellt, die innovative Wege in der Medizinerausbildung gehen. Einen Preis für digitale Medien in der medizinischen Lehre erhielt Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger von der Abteilung Zahnerhaltung und Parodontologie der Universität Freiburg. Thema ihres Beitrags: „Bei laufender Zahnarztpraxis die eigene Expertise ausbauen? Der webunterstützte Postgraduierten-Studiengang MasterOnline Parodontologie macht’s möglich!“ In dem von ihr geleiteten webbasierten Studiengang können Zahnärzte berufsbegleitend den „Master of Science“- Abschluss in Parodontologie erlangen. Das Konzept: Internetgestützte Wissensvermittlung wechselt sich mit Präsenzphasen ab, in denen die Praxis trainiert wird. Die digitale Lernplattform arbeitet mit unterschiedlichen Medien: von fachlichen Skripten zum Download, Powerpoint-Vorträgen, OP-Filmen sowie Web-Based-Trainings, in denen Patientenfälle mit interaktiven Lernprogrammen erörtert werden. Zudem stehen den Teilnehmern multimediale Lernprogramme zur Verfügung, um etwa die Anatomie des menschlichen Kopfes zu studieren. Die interaktive App gibt sämtliche anatomischen Strukturen in beschrifteten Abbildungen und vertontem Filmmaterial wieder. Im Anschluss wird das Wissen im Multiple-Choice-Verfahren überprüft. Ein weiteres Herzstück des MasterOnline ist das virtuelle Klassenzimmer, in dem sich die Studierenden einmal wöchentlich treffen, um sich untereinander oder mit den Teletutoren und Referenten auszutauschen. Es werden Patientenfälle vorgestellt und diskutiert sowie Vorträge gezeigt und besprochen. Eine Konferenzsoftware ermöglicht den Austausch.

Und noch ein Projekt: In einem Modellstudiengang der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, Fachbereich Pathologie, stellen die Dozenten den Studierenden neben Vidcasts der Vorlesungen auch den „PathoCast“ zur Verfügung. Er enthält Videos von frisch aufgenommenen Befunden inklusive Theorie und Histologie. Studenten können die Videos jederzeit im Internet abrufen und auf mobile Geräte wie Notebooks und Smartphones laden, so dass sie auch unterwegs lernen können – eine Prüfungsfunktion ist mit eingebaut. Die virtuelle Materialsammlung wird ständig erweitert, um mittelfristig Lerneinheiten zu allen Organsystemen zu schaffen. Ein Video, das das pathologisch sezierte Herz zeigt, bringe im Vergleich mit einer Lehrbuchabbildung einen deutlichen Mehrwert, sagte Dr. Alberto Pérez-Bouza, Oberarzt am Institut für Pathologie an der RWTH und gleichzeitig Leiter des Projekts „Virtuelle Mikroskopie und Videopodcasting“.

PC ersetzt nicht den Prof

„Viele Studenten stehen dem Lernen mit Computern bisher skeptisch gegenüber“, gab Prof. Dr. Stephan Zipfel, Prodekan Lehre der Medizinischen Fakultät der Uni Tübingen, zu Bedenken. Sie befürchteten, dass der PC den Prof ersetzen solle. Schon jetzt sei das Zahlenverhältnis zwischen Studenten und Hochschullehrern nicht optimal. Die Dozenten müssten daher als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Das betonte auch Viktoria Ziesenitz, Medizinstudentin aus Heidelberg, in ihrem Vortrag „E-Learning und digitale Medien in der Medizin aus Sicht der Studierenden“. In Angeboten wie PathoCast sieht sie großes Potenzial, da virtuelle Patienten besser auf die Praxis vorbereiteten als ein Buch. Aber: Der PC ersetze sicherlich nicht den erfahrenen Arzt, der seine Studenten am Patientenbett unterrichtet.

Dass Studierende elektronische Angebote unterschiedlich stark in ihre Ausbildung einbeziehen, geht aus einer Umfrage des Centrums für Hochschulentwicklung, des Thieme Verlags und der Uni Tübingen im Vorfeld des Symposiums hervor. Rund 300 Studierende wurden per Web-Fragebogen gebeten, über ihre Gewohnheiten Auskunft zu geben. Die Ergebnisse: Ein Viertel der Befragten nutzt die E-Learning-Angebote der eigenen Universität mehrmals pro Woche, ein weiteres Viertel gab aber gleichzeitig an, selten oder nie darauf zuzugreifen. Am häufigsten nehmen Studierende die fachspezifischen Angebote von Google und Wikipedia wahr. Die Umfrage ergab außerdem, dass Lehrvideos und Onlinekurse noch keine große Rolle spielen: Mehr als 85 Prozent der Befragten sagten, davon keinen Gebrauch zu machen. Apps zum Testen des Wissenstands haben sich im Vergleich dazu stärker durchgesetzt: 40 Prozent nutzen diese Angebote mehrmals wöchentlich. Vor allem bei Studierenden, die unmittelbar vor einer Prüfung stehen, sind sie beliebt.

Susanne Theisen
Freie Journalistin in Köln
SusanneTheisen@gmx.ne

E-Learning im Studium

Zwei Beispiele:

• PathoCast der RWTH Aachen
www.pathocast.blip.tv

• Master Online Parodontologie der Uni Freiburg
www.masteronline-parodontologie.de



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