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01.09.07 / 00:15
Heft 17/2007 Leitartikel

Mehr Fachlichkeit einbringen



Foto: BZÄK

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Gesetzliche wie wirtschaftliche Rahmenbedingungen stellen unseren Berufsstand vor neue Herausforderungen. Die Standespolitik ist auf vielen Ebenen aktiv und stellt sich darauf ein, politische Gremien diskutieren, beraten, erarbeiten Konzepte und setzen diese um.

Genauso wichtig ist es aber, sich die zahnmedizinisch- fachliche Ebene vorzuknöpfen und dort offene Handlungsfelder zu besetzen. Die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV) hat deutlich gemacht, welcher Stellenwert diesem Gesichtspunkt zukommt. Auf der einen Seite hat sie eindrucksvoll belegt, dass den Zahnärzten in Sachen Prävention so leicht niemand etwas vormachen kann, und die Erfolge werden uns auch von der Politik immer wieder bestätigt. Auf der anderen Seite hat sie klar und deutlich aufgezeigt, wo es noch hakt: Ich nenne nur Stichworte wie die Gesundheitsfrühförderung in der Schwangerschaft oder bei Kleinkindern, die Kariespolarisierung bei Kindern, die Zunahme von Wurzelkaries und Parodontalerkrankungen bei den Älteren oder die interdisziplinäre Vernetzung, wenn es um den Zusammenhang zwischen zahnmedizinischen und allgemeinmedizinischen Erkrankungen geht.

Hier genaue präventionspolitische Zielsetzungen zu formulieren und aus den aufgezeigten Konsequenzen entsprechende Handlungsstrategien zu entwickeln, ist eine Aufgabe, die mindestens genauso gefordert ist wie der Umgang mit der – ich sage jetzt einmal bewusst provokant – „großen“ Gesundheitspolitik. Denn es sind die ureigensten zahnärztlichen Belange tangiert: der Einsatz unserer fachlichen Kompetenz, die Präventionsausrichtung unserer Tätigkeit und unsere Aufgabe als Gatekeeper in Sachen Mund- und Allgemeingesundheit. Wir müssen unsere zahnmedizinisch-fachlichen Aufgabenfelder verstärkt in unsere berufspolitische Gremienarbeit miteinbeziehen und mehr Fachlichkeit in unsere politischen Diskussionen bringen. Das betrifft die Beratungen in Ausschüssen, in der Vorstandsarbeit auf Bundes- und Länderebene und auch in der Bundesversammlung. Das betrifft aber auch jeden einzelnen Kollegen in seiner Praxis.

In Sachen Prävention sind wir gut aufgestellt und können in vielen Bereichen auf stolze Erfolge verweisen. Das zeigen beispielsweise die Aktionen, die sich gerade jetzt im September wieder bündeln. So hat inzwischen der „Monat der Mundgesundheit“ mit Prophylaxeaktivitäten für die breite Bevölkerung, gut Fuß gefasst. Der „Tag der Zahngesundheit“ mit seinen bundesweiten kleineren und größeren Aktionen ist sowieso schon der Präventions-„Klassiker“ an sich. Und die Kampagne der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) für Jugendliche, die im September in die zweite Runde geht, zeigt in ihren ersten Evaluationsauswertungen erfreuliche Ergebnisse.

Natürlich reicht das nicht, um sich zurückzulehnen und die Hände in den Schoß zu legen. Wir müssen formulieren, wo es künftig lang gehen soll – und dann handeln. Bloße Lippenbekenntnisse führen nicht weiter. Elemente der Primär-, Sekundärund Tertiärprophylaxe bedürfen eines weiteren Ausbaus.

Beispiel Risikogruppen und Kariespolarisierung: Die Vernetzung von Gruppen- und Individualprophylaxe muss noch mehr verstärkt werden, zielgruppenspezifische Betreuungsangebote müssen ausgebaut werden, einem engen Verweisungs- und integrativen Betreuungssystem kommt hohe Bedeutung zu.

Weiteres Beispiel Parodontalerkrankungen: Präventionspolitisch ist es mit Oralprophylaxe allein nicht getan. Das Ganze muss integriert werden in medizinische Aufklärung. Dazu gehören Bevölkerungskampagnen genauso wie eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Medizin. Konsequente Präventionsstrategien sind über den gesamten Lebensbogen insbesondere für das Alter zu entwickeln und in den Versorgungsalltag zu implementieren.

Bei all dem ist unsere Fachlichkeit gefordert. Damit können wir uns als Berufsstand positionieren – auf der Makroebene im gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Umfeld und auf der Mikroebene im ganz alltäglichen Umgang mit unseren Patienten.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Dietmar Osterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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