sg
16.11.10 / 00:12
Heft 22/2010 Praxis
Work-Life-Balance

Misserfolge nutzbar machen

Erfolg duldet keine Rückschläge. Überflieger kennen keine Fehler. So in etwa wird das kolportiert – von denen, die ihre Misserfolge nicht gern zugeben. Dass Erfolg meist auf zahlreichen Misserfolgen aufbaut, ist dann allenfalls eine Fußnote wert.



Wer bei Misserfolgen deren Lernpotenzial erkennt, kann gelassener mit ihnen umgehen. Foto: Meddy Popcorn - Fotolia

Funktionieren wie ein Uhrwerk? Hinter dieser Sichtweise steckt der Perfektionismus des deutschen Maschinenbaus. Ein Rad greift in das andere und die Sache läuft rund. Dabei wird vergessen, dass Menschen keine Maschinen sind und Teams keine Fertigungskette. Maschinen funktionieren vergleichsweise trivial und vorhersagbar. Aber Teams und andere menschliche Gemeinschaften lassen sich nicht wie die Flugbahn einer Rakete berechnen. Und ebenso wenig werden mit einer einzigen Spielweise alle Konkurrenten aus dem Weg geräumt. Weder beim Fußball noch im Beruf. Komplexe Systeme funktionieren anders.

Doch es fällt uns schwer, das zu akzeptieren. Alles muss gelingen. Immer. Dabei liegen stets auch Misserfolge auf dem Weg der Erfolgreichen, auch wenn die nicht gern darüber reden. Ein berühmtes Beispiel ist Abraham Lincoln. Der fiel zweimal geschäftlich auf die Nase, erlitt einen Nervenzusammenbruch, verlor insgesamt sieben Mal bei Wahlen zum Senat, zum Repräsentantenhaus und zum Vizepräsidenten, bevor er zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

Es kommt letztlich nicht darauf an, ob Menschen scheitern oder nicht, sondern darauf, wie sie mit Misserfolgen umgehen. Wenn Misserfolge die Selbstzweifel nähren, dann stehen sie in der Tat dem Erfolg im Weg. Wenn wir Scheitern aber als wertvolle Erfahrung verbuchen können, wenn wir das Lernpotenzial dahinter erfassen, dann kann es uns sogar den Weg zum Erfolg ebnen. Dieses Paradoxon beschreibt der amerikanische Coach Anthony Robbins so: „Erfolg ist das Ergebnis von guter Einschätzung. Gute Einschätzung ist das Ergebnis von Erfahrung, und Erfahrung ist oft das Ergebnis von schlechter Einschätzung.“

Über uns selbst hinauswachsen können wir nur, wenn wir auch Grenzbereiche austesten, in denen scheitern eine Möglichkeit ist. Wer nichts riskiert, wird auch nichts gewinnen.

Die Logik des Misslingens

Fehler sind aber nicht nur menschlich, sondern unvermeidlich. Gerade in einer immer komplexer werdenden Welt wäre es eine Illusion zu glauben, immer treffsicher agieren zu können. Komplexe Systeme sind schwer berechenbar. Es gibt immer mehrere mögliche Auswirkungen unserer Handlungen. Wir sind es aber gewohnt, mechanistisch zu denken. Auf eine Handlung folgt eine bestimmte Wirkung. Und wir denken meist in linearen Dimensionen: Verdoppeln wir den Input, verdoppelt sich die Wirkung. Wenn es so einfach wäre. Für exponentielle Entwicklungen haben die meisten Menschen genau so wenig ein Gefühl wie für die Tatsache, dass komplexe Systeme oft träge reagieren. Wenn eine Fortbildungsmaßnahme nicht kurzfristig zu dem gewünschten Erfolg führt, dann muss das noch lange nicht heißen, dass die Maßnahme fruchtlos war. Auch fällt es uns schwer zu verstehen, wie Feedback funktioniert. In Konflikten sehen sich oft beide Seiten als Opfer, nicht bedenkend, dass sie selbst durch ihr Verhalten auch das Verhalten der anderen Seite beeinflussen. Dies sind nur einige Beispiele, in denen Menschen versagen, weil sie wenig systemisch denken. Allzu menschlich.

Leben ist immer lebensgefährlich

Die Tatsache, dass sie scheitern können, verleitet viele Menschen dazu, möglichst wenig zu entscheiden. Damit erweisen sie sich und anderen einen Bärendienst. Zum einen besteht Management nämlich aus Entscheidungen. Entscheidungen sind verbindliche Kommunikation, wie der Soziologe Niklas Luhmann sagte. Zum anderen: Wer nicht entscheidet, zieht den sicheren Stillstand der unsicheren Veränderung vor. Und wird dann zwangläufig von der Entwicklung früher oder später überrollt. Denn komplexe Systeme sind immer in Veränderung begriffen.

Es muss uns klar sein: Wir können nur Dinge wirklich entscheiden, die wir eigentlich nicht entscheiden können. Entscheidungen unter Sicherheit und ohne Risiken sind keine echten Entscheidungen. Wir wüssten dann ja, was uns erwartet, und da gäbe es nichts mehr zu entscheiden.

Sicherheit ist also eine Illusion. Wir können zwar versuchen, Risiken zu minimieren, aber wir können sie nicht beseitigen. Wer vollständige Sicherheit anstrebt, wird Entwicklung unmöglich machen.

Hier hilft uns nur die eigene menschliche Erfahrung weiter. Und die vermehrt sich auch durch Misserfolge. Wer denen immer aus dem Weg geht und nicht das Lernpotential dahinter wittert, vergibt die Chance perfekter zu werden. Das heißt nicht, dass man über jeden Stein stolpern sollte, der auf dem Weg liegt. Man sollte aber dann, wenn man stolpert, die Lektion nicht verpassen.

Dr. Constantin Sander
Business Coach
Felix-Wankel-Straße 5, 69126 Heidelberg

INFO

Misserfolge managen – fünf Tipps

• Sehen Sie dem Feind ins Auge: Reden Sie Misserfolge nicht klein, sondern stellen Sie sich ihnen selbstkritisch.

• Oft ist die Sicht des Problems schon das Problem: Verschwenden Sie nicht zu viel Zeit damit, sondern suchen Sie nach Lösungen.

• Schütten Sie nicht das Kind mit dem Bade aus: Zweifeln Sie nicht an Ihren Zielen, sondern suchen Sie nach besseren Wegen, diese zu erreichen.

• Steter Tropfen höhlt den Stein: Bleiben Sie hartnäckig. Ohne freundliche Penetranz bleiben Sie auf halbem Weg stecken.

• „If you loose, don’t miss the lecture.” Erkennen Sie das Lernpotenzial in Misserfolgen. Sonst wären sie wirklich nutzlos.

INFO

Umkehr der Betrachtungsweise

• Abschied vom kausalistischem Denken. Stattdessen: Lernen, zirkulär zu denken. Scheinbare Ursachen ebenso als Wirkungen sehen und umgekehrt.

• Weniger mit Zuständen, sondern mehr mit Prozessen beschäftigen. Es interessiert wenig was ist, sondern mehr, in welche Richtung es sich entwickelt.

• Stetiges Wachstum gibt es in komplexen Systemen nicht. Hypes sind immer von kurzer Dauer. What goes up, must come down. Je steiler das Wachstum, umso heftiger der Absturz. In vernetzten Systemen wird Wachstum immer wieder von Krisen unterbrochen.

• Segeln statt rudern. Systeme sind träge. Das macht die Steuerung so schwierig. Da gilt es, die Nerven zu behalten und die Winde kreativ zu nutzen, anstatt sich abzustrampeln.

• Das Ganze im Blick behalten. Wer zu sehr auf Details fokussiert, sieht oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das heißt aber auch: Im Management muss die Richtung stimmen, nicht das i-Tüpfelchen.

• Planen, aber mit dem Unmöglichen rechnen. Veränderungsprozesse just-in-time gibt es nicht. Prozesse machen Dreck, Lärm und Unordnung – und sind gut für Überraschungen. Die Notwendigkeit der Nachregulation ist also unvermeidlich. Wer hingegen darin grundsätzlich ein Scheitern sieht oder stur auf der Umsetzung der Planung beharrt, hat nicht verstanden, wie Systeme funktionieren.



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