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01.07.13 / 12:10
Heft 13/2013 Gesellschaft
Zahnversorgung in den USA

Modelle für Mangelzonen

Die Vereinigten Staaten haben ein Verteilungsproblem in der Zahnversorgung. Während sich in den Vorstädten mehr als genug Zahnärzte niederlassen,fehlt es auf dem Land und in den Innenstädten an dentalen Leistungsanbietern (siehe Bericht in zm 10/2013). Mit speziellen Schuldentilgungsprogrammenlockt der Staat junge Zahnärzte in unterversorgte Regionen.




Die Regierung und die Bundesstaaten haben mittlerweile erkannt, dass gute Worte allein nicht ausreichen, um Zahnärzte in sogenannte „Versorgungsmangelzonen” zu locken. Denn junge Leistungsanbieter fühlen sich nicht nur in Regionen wohler, wo das Freizeit- und Weiterbildungsangebot vielfältiger ist, sie kämpfen auch und vor allem mit einem enormen Schuldenberg, den sie während ihres Studiums angehäuft haben: Laut American Dental Education Association hat der durchschnittliche Studienabgänger am Ende seiner Zahnarztausbildung 180 000 Dollar Schulden. Kein Wunder also, dass es die meisten jungen Zahnärzte in Stadtregionen zieht, wo sie sich einen wohlhabenden, sprich zahlkräftigeren Patientenstamm versprechen.

Staat und Bundesstaaten locken allerdings mit einer finanziell attraktiven Alternative: Sie stellen jungen Medizinern eine (teilweise) Tilgung ihrer Studienschulden in Aussicht, wenn sie sich verpflichten, in Versorgungsmangelzonen zu praktizieren.

Finanzielle Anreize für junge Mediziner

Der Bund unterhält ein solches Schulden- tilgungsprogramm durch den National Health Service Corps (NHSC). (Zahn-)Ärzte können sich entweder zwei Jahre (Vollzeit) oder vier Jahre (Halbzeit) für den Dienst verpflichten. Der NHSC zahlt im Gegenzug bis zu 60 000 Dollar ihrer Studienschulden ab – einkommensteuerfrei. Die Behörde fungiert allerdings nicht als Arbeitgeber. Wer an der Schuldentilgung durch den NHSC interessiert ist, muss sich erst unabhängig um Arbeit in einer von der Regierung anerkannten Klinik oder Praxis bemühen. Erst wenn ein Arbeitsvertrag unter Dach und Fach ist, kann sich der (Zahn-)Arzt beim NHSC um Schuldentilgung bewerben.

Der Versorgungsbedarf ist so groß, dass heute fast 10 000 medizinische Leistungs-anbieter als Mitglieder des NHSC in Mangelgebieten arbeiten. Rund 1 200 beziehungsweise zwölf Prozent sind Zahnärzte. Darüber hinaus haben sich über 150 angehende Zahnärzte bereits während ihres Studiums für den Service Corps verpflichtet. Für sie übernimmt der NHSC im Rahmen eines Stipendiumprogramms einen Gutteil der Studienkosten.

Und die Bundesregierung ist mit ihren Bemühungen nicht allein: Ein Großteil der Bundesstaaten winkt mit ähnlichen Schuldentilgungsprogrammen, um Leistungsanbieter in medizinisch unterversorgte Gegenden zu locken. Manche sind sogar weniger restriktiv.

So wirbt etwa das Programm in Colorado damit, dass sich der Leistungsanbieter auch außerhalb offizieller Mangelzonen niederlassen könne – solange er/sie sich verpflichte, einen gewissen Anteil benachteiligter Patienten zu behandeln (größtenteils nichtversicherte oder über die Armenversicherung Medicaid versicherte Patienten).

Mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen

Ohne Zweifel ist die Schuldentilgung für die Zahnärzte, die sich dem NHSC oder ähnlichen Programmen anschließen, ein finanzieller Segen. Für einen Gutteil scheint der finanzielle Aspekt jedoch nicht der Hauptgrund für ihre Verpflichtung zu sein. Viele folgen einem ausgeprägten sozialen Gewissen, wenn sie sich für die Arbeit mit benachteiligten Patienten entscheiden. Sie finden Erfüllung darin, Menschen zu helfen, die aufgrund ihres Einkommens- beziehungsweise Versicherungsstatus oder aufgrund der geografischen Lage sonst größte Schwierigkeiten hätten, eine adäquate (zahn)medizinische Versorgung zu finden.

Ein Paradebeispiel für ein solches soziales Gewissen ist die Zahnärztin Katherine Culp, die ihre Arbeit am Quality Life Health Services Community Health Center in Gadsden, Alabama, so sehr liebt, dass sie schon seit acht Jahren dort arbeitet, obwohl ihre ursprüngliche Verpflichtungszeit mit NHSC längst abgelaufen ist. „Wir behandeln möglichst viele Patienten so weitgehend wie möglich”, sagt sie stolz über ihren Dienst.

Viele ihrer Patienten sind Ausländer, deren Englisch so schlecht ist, dass sie einen Übersetzer benötigen. Unter Culps Leitung behandeln die drei Zahnärzte am Health Center rund 800 Patienten im Monat, und viele mehr an den 20 zusätzlichen Filial-Centern (davon sieben mit Zahnärzten vor Ort), die durch Culps Initiative eröffnet worden sind. Darüber hinaus behandeln sie und ihre Kollegen Kinder in Kindergärten, Horten und Schulen. Auf die Frage, ob sie denn von Anfang an gewusst habe, dass sie so viel länger bleiben werde, als ihr NHSC-Vertrag sie verpflichtete, sagte Culp: „Nein! Aber ich kam hierher und habe gesehen, wie vielen Menschen wir Zugang zur Versorgung verschaffen – besonders Kindern. Das hat einfach perfekt gepasst.”

Ähnlich sieht es Dr. Hillary Homburg, die für ein Health Center in Belle, West Virginia, einer sehr ländlichen Gegend, arbeitet. 90 Prozent ihrer Patienten haben Einkommen unter der nationalen Armutsgrenze. Homburgs Oberziel war es, benachteiligten Menschen zu helfen; die Schuldentilgung durch den NHSC machte die Entscheidung leicht. „Ich würde sicher ohnehin im sozialen Dienst arbeiten, auch ohne den National Health Service Corps”, sagte Homburg, „aber das Wunderbare an der Schuldentilgung ist, dass ich denen helfen kann, für die mein Herz schlägt, ohne mir Sorgen machen zu müssen, wie ich meine Studienschulden zurückzahle.”

Claudia Pieper
180 Chimacum Creek Dr.
USA – Port Hadlock, WA 98339



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