sg
16.09.12 / 12:00
Heft 18/2012 Gastkommentar

Monetos Ethos



Foto: Stefan Klein - Alimdi.net

Hans Glatzl

Eigentlich scheint die Welt der Zahnärzte im Vergleich zur übrigen Ärzteschaft noch friedlich. Während in den Landarztpraxen dem in die Jahre gekommenen Hausarzt das Stethoskop allmählich aus den zittrigen Händen gleitet, bohrt der Kollege noch vergnügt dank neuer GOZ in den Mündern seiner treuen Klientel. Also alles in Ordnung? Eine aktuelle Blitzumfrage des FVDZ bestätigt erneut eine außerordentlich hohe Patientenbindung zum „Hauszahnarzt“. Das Ergebnis ist aufgrund der geringen Teilnehmerzahl von 222 Kollegen nicht unbedingt repräsentativ. Beruhigend ist es allemal, gibt es doch einen generell stabilen Trend wieder.

Fällt der Blick aber auf die Details, zeigt sich, dass selbst dieses Vertrauensverhältnis erodiert, weil der Systemfrust auf beiden Seiten zunimmt. Lediglich eine Minderheit der befragten Zahnärzte sieht sich noch in der Lage, ohne Schwierigkeiten bei der Kostenerstattung dem Patienten eine lege-artis-Behandlung angedeihen zu lassen.

Einfach wäre es jetzt, in den Trauerchor einzustimmen in der Hoffnung, dass am Ende die Verhandlungsführer den geizigen Krankenkassen etwas mehr Geld aus den aktuell fetten Beitragsrippen schneiden. Das Problem sitzt tiefer und berührt das Selbstverständnis einer ganzen Berufsgruppe. Der Arzt scheint vom Heiler zum Health-Care-Manager zu mutieren. Dieser Auswuchs der GKV-Bürokratie hat sich zwischenzeitlich zu einem veritablen Studiengang ausgewachsen, der seinen Absolventen goldene Jobaussichten verspricht. Diese Spezialisten für die Optimierung medizinischer Leistungen erobern die Topetagen der Krankenkassen ebenso, wie sie sich in den Chefarztzimmern der Krankenhäuser niederlassen. Das Gedankengut der Allesrechner durchdringt zwischenzeitlich selbst die letzte Arztpraxis im tiefsten Bayerischen Wald. So entscheidet das geschickte Jonglieren beim Up-, Down- und Rightcoding über Sein oder Nichtsein einer Praxisexistenz. Statt Heilkunst müssen Jungmediziner heute das Einmaleins der bestmöglichen Kombination von Abrechnungsziffern beherrschen. Es geht um Punktwerte. Leistung auf Abruf. Alles wird berechnet, per Stoppuhr in kleinste Zeittakte zerstückelt. Denn Zeit ist Geld. Zumindest aus Sicht der smarten Health-Care-Manager.

Anerkennung der Verantwortung für den Patienten, den Menschen, der mit seiner individuellen Krankheit hinter dem zuge-teilten Zeitkontingent steht? Fehlanzeige! Dabei ist Gesundheit nicht planbar, der Mensch kein Räderwerk mit Reparatur-Beipackzettel. Die Medizin steckt damit in der Sackgasse. Noch schlimmer: Keiner bemerkt es. Denn wer sich mit einem Notendurchschnitt von 0,9 die Zugangsberechtigung zum Arztstudium (v)erdient hat, dessen Blick ist auf harte mess- und zählbare Leistung fixiert. Dabei wird vergessen, dass der Arztberuf einst mit Berufung zu tun hatte. Der Ruf ist zwischenzeitlich zum Lockruf des Geldes verkommen, den die Krankenkassen nur um den Preis der vollständigen Systemanpassung erfüllen. Da geraten Honorarverhandlungen zum Gefeilsche. Tricksereien von Funktionären um Centbeträge werden als Erfolge gefeiert. Die Anerkennung der frustrierten Mediziner für ihre Leistung an der Gesellschaft tritt in den Hintergrund. Und genau das ist das Problem: Schmerzerlösung im Sekundentakt, im Hamsterrad, unter dem Diktat der Kassenstechuhr kann nicht befriedigen. Weder den Patienten noch den Heilkundigen.

Rückbesinnung auf die Grundlagen tut not. Medizin besteht einerseits aus einer Diagnose und einer Therapieentscheidung, die auf einem engen Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten beruht. Gleichzeitig aber wussten sich die Beteiligten immer in der Hand des Übernatürlichen, des Numinosen. Heilung wird zuteil und ist am Ende nicht durch Qualitätskontrollen und Zertifikate garantierbar. Anerkennung schlägt sich in unserer Gesellschaft mangels anderer Wertkoordinaten in harter Währung nieder. Wenn aber Geld als Ersatzdroge für fehlende Anerkennung herhalten muss, bleibt bei allen Beteiligten am Ende nur Frust.



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