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01.05.10 / 00:12
Heft 09/2010 Das aktuelle Thema
Versorgungsmangel

Most wanted: der Landarzt

Das Team von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) scheint eingespielt. Nach Monaten in Klausur sprudeln die Konzepte wie das Wasser aus der Quelle. Jetzt packt Rösler den Landärztemangel an. Seine Vorschläge: Abschaffung des Numerus clausus (NC) und eine Landarztquote. Die Reaktionen aus Politik und Wissenschaft sind gespalten. Kritische Stimmen sprechen von einem Ablenkungsmanöver vom „eigentlichen Job“ – der Bekämpfung des Milliardendefizits bei einem Teil der Krankenkassen.




Immer mehr ausgebildete Mediziner entscheiden sich gegen eine kurative ärztliche Tätigkeit. Stattdessen wählen sie alternative Berufsfelder oder gehen ins Ausland. Aus dieser Tatsache generiert sich ein Nachwuchsproblem – besonders in ländlichen Gegenden ist das Versorgungsdefizit enorm. „Wir haben eine Überversorgung mit Ärzten in Ballungszentren und schon jetzt eine spürbare Unterversorgung im ländlichen Raum“, erklärte Rösler gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FASZ). Zudem erreiche eine große Zahl von Ärzten bald das Ruhestandsalter. Gut 58 000 Niedergelassene werden in den nächsten zehn Jahren ihren „Kittel an den Haken hängen“, schätzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Deswegen muss jetzt gegengesteuert werden“, konstatierte der Minister und stellte die Abschaffung des NC – den geltenden Zuteilungsschlüssel zum Medizinstudium – zur Diskussion.

Eine verspätete Reaktion auf die Forderungen von Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer? Dieser verlangte bereits im August 2009 mehr Initiative seitens der Politik. Diesem Appell scheint der Minister jetzt nachzukommen. Hoppe erklärte innerhalb der aktuellen Debatte, zur Abiturnote müssten weitere Kriterien für die Zulassung zum Medizinstudium hinzukommen. So sollten das Engagement im Gesundheitswesen als Pfleger oder Sanitäter und ein Studiengang, der mit der Medizin kompatibel sei, berücksichtigt werden. Das könne etwa Biologie sein, aber auch Philosophie, unterstrich der Ärztepräsident gegenüber der „Welt“.

Appell an die Länder

Rösler appellierte an die Länder, sich einer Reform zur Verbesserung der Ärzteversorgung nicht zu verweigern. Sie seien es, die über ein verändertes Zuteilungsverfahren für die Medizin-Studienplätze befinden müssten. In seinen Gesprächen mit den Gesundheitsministern habe er keine Widerstände feststellen können. „Ich würde die Umstellung gerne noch in dieser Legislaturperiode politisch auf den Weg bringen. Wir werden mit den Ländern Wege finden müssen, wie eine zielgenauere Auswahl aussehen kann“, sagte der FDP-Politiker. Die Union will Rösler unterstützen. „Wir begrüßen die Vorschläge und sollten uns in der Koalition noch vor der Sommerpause auf Eckpunkte einigen“, sagte der CDU- Gesundheitspolitiker Jens Spahn der „Welt“. So könnten auch Menschen mit einer Zwei oder Drei im Abitur gute Ärzte werden. Spahn: „Das heißt ja nicht, dass wir gar nicht mehr auf die Note schauen.“ Aber es müsse auch die Bereitschaft berücksichtigt werden, sich als Hausarzt in unterversorgten Gebieten niederzulassen. Man könnte 20 bis 30 Prozent der Medizinplätze für Bewerber reservieren, die sich verpflichten, danach in ein unterversorgtes Gebiet zu gehen, schlug der Politiker vor.

Strukturen verbessern

Dagegen erklärte der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) der „Financial Times Deutschland“: „Quoten helfen uns überhaupt nicht weiter.“ Das Problem seien die Arbeitsbedingungen von Ärzten. „Wenn alle Absolventen eines Medizinstudiums hinterher auch den Beruf ergreifen würden, hätten wir keinen Ärztemangel, nicht einmal einen Landärztemangel.“ Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, nannte Röslers Vorschlag zwar „vernünftig“, hält ihn aber ebenfalls nicht für ausreichend. In den „Ruhr Nachrichten“ forderte er die Kommunen auf, die Arbeitsbedingungen für Landärzte zu verbessern: „Die Gemeinden müssen auch die Infrastruktur schaffen, damit ein Arzt abwechselnd in verschiedenen Dörfern Sprechstunden abhalten kann.“ Auch die Zusammenarbeit zwischen Praxen und Krankenhäusern sei verbesserungswürdig. Für eine finanzielle Stärkung der Allgemeinmedizin sprach sich der Chef des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, aus. Ein angehender Hausarzt müsse kalkulieren können, wie viel Geld er bekommt, verlangte er in der „Frankfurter Rundschau“. Ohne finanzielle Sicherheit werde kaum noch ein Arzt „das Wagnis einer Praxisgründung auf dem Land“ eingehen. „Landärzte, die viele Menschen im Umkreis versorgen, werden im derzeit geltenden Honorarsystem systematisch benachteiligt“, so Weigeldt weiter.

Dr. Carl-Heinz Müller, KBV-Vorstandsmitglied hält Röslers Vorschläge für unzureichend. „Studien zeigen, dass sich Hausärzte in erster Linie in ihren Heimatregionen niederlassen. Das heißt, wir müssen die Medizinstudenten direkt in den Regionen anwerben, in denen sie sich niederlassen sollen.“ Zudem müsse die Attraktivität des Berufs gesteigert werden. Inzwischen seien 65 Prozent der Medizinstudierenden weiblich. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist deshalb unerlässlich“, konstatierte Müller. Röslers Vorschläge könnten nur Teil eines Gesamtpakets sein. „Wir brauchen für die Zukunft eine intelligente Versorgungssteuerung, die die regionalen Besonderheiten berücksichtigt und sektorenübergreifend angelegt ist.“

Eine Frage des Standorts

Der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Köhler ergänzte: „Bei der Entscheidung für oder gegen eine Niederlassung spielen Faktoren wie Infrastruktur, finanzielle Rahmenbedingungen und auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle. Die KVen tun alles dafür, diese Faktoren günstig zu gestalten.“ Als Beispiele nannte er Umsatzgarantien oder Investitionshilfen für Praxen. Man dürfe aber nicht vergessen, dass Ärzte Freiberufler seien. Niemand könne sie zwingen, sich an einem Ort niederzulassen. Köhlers Aufforderung an Städte und Kommunen: Standortmarketing betreiben. „Die Praxis eines niedergelassenen Arztes [...] ist ein mittelständisches Unternehmen, das Standortfaktoren vergleicht.“ Darüber hinaus sei eine grundlegende Modernisierung der Bedarfsplanung erforderlich.

Der Nachwuchs zweifelt

Bei den Medizinstudenten stößt vor allem der BMG-Vorschlag auf Unverständnis. „Der Landarztmangel ist nicht mit einer NC-Abschaffung zu beheben“ befindet deren Bundesvertretung (bvmd). Die Organisation wehrt sich gegen die inhaltliche Verknüpfung von Landärztemangel und NC. Dominique Ouart, Präsident der bvmd: „Aus unserer Sicht hat das Auswahlverfahren zum Medizinstudium mit dem Landarztmangel faktisch nichts zu tun.“ Eine gezielte Auswahl von zukünftigen Landärzten noch vor dem Studium sei weder sinnvoll noch praktikabel. „Wer würde denn beispielsweise in einem Auswahlgespräch nicht angeben, eventuell dieses Fach anzustreben, wenn er dadurch einen Vorteil bei der Studienplatzvergabe erlangen kann?“ Die bvmd kritisierte, dass in der aktuellen Debatte Zusammenhänge häufig irreführend transportiert würden. Der NC könne schließlich nicht direkt „gesenkt“ werden, da er immer ein Ergebnis der Relation von Bewerbern zu verfügbaren Studienplätzen ist. Der Zugang zum Medizinstudium würde daher nicht insgesamt erleichtert, sondern lediglich anders reglementiert, so der Tenor des Dachverbands.

Die Koalition plant eine grundlegende Veränderung der regionalen Verteilung von Ärzten in Deutschland. Künftig solle sich der Bedarf nicht mehr zwingend an den Stadt- und Landkreisgrenzen ausrichten, sondern flexibel errechnet werden können, erklärte Rösler.

  



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