zm-online
16.04.03 / 00:11
Heft 08/2003 Zahnmedizin
Eine Herausforderung in der Sekundärprävention

Multizentrische Karzinomentstehung bei Lichen planus der Mundschleimhaut




Kasuistik

Bei seit sechs Jahren bekanntem, histologisch gesichertem Lichen planus der Mundschleimhaut stellte sich eine 63-jährige - Patientin zur Kontrolle vor. Klinisch lag in der Zone des vorbestehenden Lichen ein kleines rechtsseitiges Zungenkarzinom vor (Abb. 1), das nach histologischer Sicherung in typischer Weise operativ therapiert wurde. Es erfolgte eine partielle Glossektomie im Sinne einer rechtsseitigen Keilresektion und eine ipsilaterale, elektive supraomohyoidale Lymphknotendissektion.

Nach nur fünf weiteren Monaten entwickelte sich ein metachroner Zweittumor am linksseitigen Zungengrund (Abb. 2). Auch dieser Tumor wurde in gleicher Weise reseziert und es erfolgte eine elektive Lymphknotendissektion der nun betroffenen linken Seite. Nach weiteren drei Monaten trat ein erneuter Progress in Form einer dorsal craniocervical gelegenen Lymphknotenmetastase auf (Abb. 3), die nun eine radikale Neck Dissektion erforderte und eine postoperative Nachbestrahlung notwendig werden ließ. In der Folge blieb der Gesundheitszustand der Patientin nun stabil, im Laufe eines weiteren Jahres trat bislang keine neue Tumormanifestation auf.

Diskussion

Der orale Lichen planus ist eine häufige Erkrankung der Mundschleimhaut, die in typischer Weise als herdförmig flächige oder netzartige Hyperkeratose (Wickham-Streifung) imponiert. Prädilektionsstellen sind neben der Wangenschleimhaut die Zunge, aber auch der Gingivalsaum ist häufig betroffen (Abb. 4 a bis c). Die Erkrankung betrifft etwa 0,5 bis zwei Prozent der Bevölkerung. Seit vielen Jahrzehnten wird über die Entstehung von Mundhöhlenkarzinomen auf der Basis des oralen Lichen berichtet, wobei konkrete Mechanismen eines ursächlichen Zusammenhangs bislang nicht dargestellt werden konnten. Langzeitige Untersuchungen an großen Patientenkollektiven beziffern das Risiko einer malignen Transformation in einer Größenordnung von drei bis fünf Prozent [Mignogna et al. 2001], wobei insbesondere der atrophisch erosiven Verlaufsform eine Tendenz zur Entartung zugeschrieben wird [Hietanen et al. 2001].

Für die zahnärztliche Praxis weist der vorliegende Fall auf den wichtigen Aspekt der multizentrischen Karzinomentstehung im Zusammenhang mit der Lichen Erkrankung hin. In rund einem Drittel der Lichen-assoziierten Mundhöhlenkarzinome treten trotz Fehlen der typischen Risikofaktoren, wie Tabak- und Alkoholkonsum, in der Folgezeit weitere unabhängige Mundschleimhautkarzinome auf [Lo Muzio et al. 1998]. Tatsächlich konnten neuere Untersuchungen in diesem Zusammenhang kürzlich eine deutlich erhöhte Rate von p53 Mutationen in oralen Lichenmanifestationen nachweisen [Ögmundsdottir et al. 2002].

Nachdem kausale Therapieansätze bisher fehlen, bleibt der orale Lichen ein schwieriges Krankheitsbild, das eine regelmäßige Kontrolle erfordert. Aktuelle Empfehlungen geben ein Nachsorgeintervall von maximal vier Monaten als Grundlage einer frühzeitigen Tumorerkennung an [Mignogna et al. 2001].

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
PD Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes-Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Fazit für die Praxis

■ Der orale Lichen stellt nach empirischen Daten eine präkanzeröse Mundschleimhautläsion dar und erfordert eine regelmäßige Kontrolle hinsichtlich einer möglichen malignen Entartung. Als Nachsorgeintervall wird in der Literatur der Zeitraum von nicht über vier Monaten angegeben!

■ Trotz fehlender typischer Risikofaktoren besteht bei der Lichen-Erkrankung nach einmal stattgehabter maligner Transformation eine ausgeprägte Tendenz zur multizentrischen Tumorentstehung.



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