dev/pm/dpa
01.12.03 / 00:13
Heft 23/2003 Politik
Hauptversammlung des Marburger Bundes

Nachwuchssorgen bei den Klinikärzten

Der Beruf des Krankenhausarztes muss dringend an Attraktivität gewinnen. Diese Einsicht war gleichzeitig auch die Forderung der 104. Hauptversammlung des Marburger Bundes Mitte vergangenen Monats. Neben einer nicht geraden positiven Bestandsaufnahme legten die Delegierten der Klinikärztegewerkschaft einen Maßnahmenkatalog vor, welcher die Situation entschärfen könnte.




Absolut anachronistisch“ sei die Bezahlung gerade bei jüngeren Medizinern in Kliniken, so Dr. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes (MB). Wenn ein Großteil der Ärzte „weiterhin unter Wert bezahlt“ werde, könnte sich der Ärztemangel dramatisch zuspitzen. Für die Patienten bedeute das natürlich negative Konsequenzen. Mit der „Selbstausbeutung“ der Krankenhausärzte müsse Schluss sein, so Montgomery. Er erklärte, dass sie derzeit nur durch „massenhafte Überstunden und überlange Bereitschaftsdienste“ eine angemessene Bezahlung erreichen könnten.

Eine deutliche Erhöhung der Grund- und Stundenvergütung sei nicht nur notwendig, weil Klinikärzte für die medizinische Behandlung der Patienten verantwortlich seien, sondern auch, weil sie „für das reibungslose wirtschaftliche Funktionieren des Krankenhausbetriebes“ Sorge zu tragen haben. Nach seinen Informationen würden allerdings 80 Prozent der ärztlichen Überstunden überhaupt nicht vergütet – der MB forderte daher, dass Klinikarbeitgeber geleistete Mehrarbeit „endlich ordnungsgemäß bezahlen“.

Um dem Arztberuf wieder zu Attraktivität zu verhelfen, sind nach Montgomerys Ansicht rasche Maßnahmen seitens der Politik und der Krankenhausbetreiber notwendig. Hierzu gehöre – neben einer höheren Vergütung – auch, dass der BAT-Ost an den im Westen angeglichen wird. Jegliche Anwesenheit des Arztes im Krankenhaus müsse, so der MBVorsitzende, als Arbeitszeit gewertet und bezahlt, „elektronische Zeiterfassungssysteme und Arbeitszeitkonten“ eingerichtet werden.

Für die anstehenden Tarifverhandlungen zu Arbeitszeiten in Krankenhäusern haben die MB-Delegierten eindeutige Positionen formuliert.

• Überlange Arbeitszeiten sollen auf maximal 13 Stunden pro Tag reduziert werden.

• Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitsbelastung soll höchstens 48 Stunden betragen.

• Die Grund- und Stundenvergütung der Klinikärzte soll angehoben werden.

Derzeit, so Montgomery, seien rund 5 000 Arztestellen in Krankenhäusern nicht besetzt. Gleichzeitig habe in den vergangenen Jahren die Verantwortung des Klinkarztes stark zugenommen: „Wer deutlich mehr leistet, muss auch deutlich mehr verdienen.“ In Großbritannien, der Schweiz und Skandinavien würden Klinikärzte deutlich höher bezahlt als in Deutschland.

Und auch an anderer Stelle steht die schlechte Vergütung dem Nachwuchs im Weg – sie ist nach Ansicht des MB das „Haupthindernis bei der Gewinnung neuer Ärzte“. Zwar wurden die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums, wonach der Arzt im Praktikum (AiP) im kommenden Oktober abgeschafft werden soll, begrüßt. Doch der MArburger Bund geht in seinen Forderungen noch einen Schritt weiter: Jeder, der sein letztes Staatsexamen erfolgreich abgelegt hat, soll auf Antrag sofort die Approbation erhalten – und damit auch eine bessere Vergütung.

INFO

Beschlüsse

Mehr als ein Dutzend Beschlüsse fasste der Marburger Bund bei seiner Hauptversammlung. Hier eine Zusammenstellung der wichtigsten Punkte.

• Eine leistungsgerechte Arztvergütung ist die einzige Möglichkeit, um die Attraktivität des Arztberufes im Krankenhaus wiederherzustellen. Das bestehende Vergütungssystem ist nicht mehr zeitgemäß und muss dringend überarbeitet werden.

• Die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus müssen nachhaltig verbessert werden. Neben einer leistungsgerechten Vergütung zählen hierzu Kollegialität sowie ein soziales und familiengerechtes Arbeitsumfeld.

• Sämtliche ärztliche Fortbildungskosten sind von den Krankenhausbetreibern komplett zu refinanzieren. ■ Die AiP-Phase ist abzuschaffen.

• Um Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen zu verbessern, ist die Integration ambulanter und stationärer Behandlung eine wesentliche Voraussetzung.



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