sp
16.03.13 / 12:00
Heft 06/2013 Medizin
Kardiovaskuläre Primärprävention

Nahrungsergänzungsmittel Selen bringt keinen Herzschutz

Ob die vorsorgliche Einnahme von Selen das kardiovaskuläre Risiko mindert oder nicht, wurde lange kontrovers diskutiert. Eine Cochrane-Analyse zieht nun vorerst einen Schlussstrich unter diese Diskussion: Eine umfassende Metaanalyse lieferte keinen eindeutigen Beleg für eine herzschützende Wirkung von Selen in der Primärprävention. Andererseits aber ergaben sich Hinweise darauf, dass eine hohe Selenexposition das Diabetesrisiko steigert.




Kein Zweifel besteht daran, dass Selen im Organismus antioxidative Wirkungen besitzt und die Zellen vor oxidativem Stress zu bewahren vermag. Das aber bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Einnahme von Selen bei Gesunden eine kardiovaskuläre Protek-tion vermittelt, wie dies in den vergangenen Jahren immer wieder propagiert wurde.

Das hat die Auswertung von zwölf randomisierten kontrollierten Studien ergeben, in denen der Effekt einer Selen-Supplementation bei Gesunden auf kardiovaskuläre Endpunkte geprüft wurde.

Eingeschlossen in die Cochrane-Metaanalyse wurden nur Studien, in denen es eine Placebo-Kontrollgruppe oder eine Probandengruppe ohne Intervention gab und die eine Interventionsdauer von mindestens drei Monaten umfasste. An den zwölf Studien, die diese Kriterien erfüllten, hatten knapp 20 000 Probanden teilgenommen, das Ergebnis war ernüchternd: „Es zeigte sich kein statistisch signifikanter Effekt der Selensupplementation auf die Gesamtmortalität, auf die kardiovaskuläre Mortalität oder auf die Rate nicht fataler kardiovaskulärer Ereignisse“, heißt es in der Publikation von Dr. Karen Rees et al., Warwick in Großbritannien.

Wie dazu die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mitteilt, besteht durchaus eine positive Wirkung von Selen bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen.

Ähnlich wie bei Vitamin D und Kalzium sollte die Einnahme des Spurenelements allerdings nur auf ärztliche Anweisung erfolgen.

In aller Regel ist die Versorgung ausreichend

Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe sind nach Angaben der DGE lebensnotwendig und werden heutzutage häufig als Nahrungsergänzungsmittel genutzt. Bekannt ist, dass Selen in gewisser Weise die Zellmembran schützt und auch an der Stoffwechselregulation beteiligt ist. Allerdings nimmt der gesunde Mensch Selen wie auch Vitamine über die Nahrung auf, sowohl Fleisch als auch Meeresfrüchte, Fisch, Milch- und Getreideprodukte sind reich an Selen.

„Ein Selenmangel ist, ähnlich wie ein Vitamin-D-Mangel, in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht worden“, berichtet Prof. Dr. Dr. Helmut Schatz, Mediensprecher der DGE aus Bochum.

Dazu zählen Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit bei Männern, Depressionen, eine Alzheimer-Krankheit sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und entzündliche Gelenkerkrankungen. „Einen Beleg, dass die Einnahme von Selen diese Erkrankungen verhindern oder bessern kann, gab und gibt es aber nicht“, erläutert Schatz und ergänzt vor dem Hintergrund der neuen Studiendaten: „In mit Selen gut versorgten Regionen der Erde wie in den USA oder auch bei uns in Deutschland ist eine Selenzufuhr zur kardiovaskulären Prävention offenbar ohne Effekt.“ Ein Selenmangel ist nach Schatz hierzulande lediglich bei Veganern oder bei Menschen unter künstlicher Ernährung realistisch.

Hinweise auf erhöhtes Diabetesrisiko

Dass der Einsatz von Selen als Nahrungsergänzungsmittel andererseits nicht ganz unproblematisch ist, belegt eine zweite aktuelle Erhebung aus Großbritannien von Dr. Margaret P. Rayman aus Surrey . Die Wissenschaftlerin konnte zeigen, dass die zusätzliche Einnahme von Selen bei gut mit dem Spurenelement versorgten Personen deren Diabetesrisiko bis auf das Dreifache steigern kann.

Doch viele Endokrinologen setzen Selen laut Schatz therapeutisch bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse wie der Hashimoto-Thyreoiditis ein. „Selen dient als Baustein bestimmter Enzyme, welche bei der Produktion der Schilddrüsenhormone beteiligt sind“, berichtet der Mediziner. Allerdings ist aus seiner Sicht auch bei diesen Erkrankungen der Beweis für den therapeutischen Nutzen einer Selengabe bisher nicht erbracht worden: „Wir brauchen hierzu dringend prospektive, kontrollierte Therapiestudien bei einer entsprechend großen Patientenzahl.“

Der DGE-Vertreter gab ferner zu bedenken, dass die Einnahme hoher Konzentrationen von Selen auch zu einer Selenvergiftung, der Selenose, führen kann. Symptome der Störung sind nach Schatz Magen-Darm- Beschwerden, Haarausfall, Nagelveränderungen, Abgeschlagenheit, Reizbarkeit und Nervosität.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln
info@christine-vetter.de



Mehr zum Thema


Anzeige