zm-online
16.06.03 / 00:10
Heft 12/2003 Praxis
Aktienmärkte nach SARS

Neue Chancen in China

Das weltweit größte Wirtschaftswachstum findet seit langem schon in China statt. Wirtschaftswachstum bedeutet bei Unternehmen: Anstieg von Umsatz und Gewinn. Wirtschaftswachstum ist deshalb der Motor für einen gesunden Anstieg der Aktienkurse. Nach der Kursdelle durch SARS bestehen nun in ganz Südostasien, vor allem aber in China, neue Kurschancen.




Warren Buffet ist der wohl renommierteste Aktienguru unserer Zeit. Sein Markenzeichen ist ausgeprägter Konservativismus. Er kauft nur Aktientitel, mit deren Produkten er selber, am besten in seinem Privatleben, etwas anfangen kann. So zerplatzte die High-Tech-Blase, die sich gegen Ende des ausgelaufenen Millenniums aufgebläht hatte, ohne eine Spur in seinem Mammutportfolio namens Birkshire Hathaway zu hinterlassen. Buffet wurde, nicht zuletzt durch seinen konsequenten Konservativismus, zum zweitreichsten Mann der Welt (nach dem Microsoft-Gründer Bill Gates), ohne deswegen seinen provinziell anmutenden Lebensstil verändert zu haben.

Preiswert einkaufen

Was Buffet der Finanzwelt sagt, findet weltweit Gehör und – in der Regel – auch Zustimmung. Er ist dafür bekannt, dass er nur in krass unterbewertete Aktientitel einsteigt, diese oft Jahrzehnte lang hält und bei Crash-Kursen seine Altengagements immer weiter aufstockt. Im preiswerten Einkauf liegt der Gewinn, so simpel ist sein Erfolgsrezept. Als bekannt wurde, dass Buffet zu absoluten Tiefstkursen an der Böse von Hongkong seinen Anteil an dem chinesischen Ölriesen PetroChina maßgeblich erhöht hatte, konnte selbst die Lungenseuche SARS den Kurs dieses Rohstoffgiganten nicht bremsen. Er schoss förmlich senkrecht in die Höhe – nachdem sich Buffet noch preiswert eingedeckt hatte. Von Buffet ist bekannt, dass er gerade bei schlechter Börsenstimmung in gute Laune – dass heißt für ihn: in Kauflaune – gerät. Das wiederbelebte Atomprogramm des Diktators von Nordkorea, das im Gefolge des Irak-Krieges vor allem in Südkorea und Japan, ja in der ganzen Boomregion Südostasien die Aktienkurse in den Keller schickte, ist für Buffet keine Abschreckung. Im Gegenteil: Es ist eine Einladung zum Einsteigen. So auch SARS. Diese hoch ansteckende und vielfach tödliche Krankheit verbreitete sich von China aus über viele Länder der Welt, wurde monatelang in China vertuscht und wird nun das Jahreswirtschaftswachstum Chinas, so schätzen Analysten, um rund ein Prozent abbremsen.

In vorauseilendem Eifer stellten die furchtsamen Investoren ihre Aktienengagements in Hongkong, Shanghai und Shenzhen – das sind die drei maßgeblichen Börsen Chinas – erst einmal kalt. So landete im ersten Quartal 2003 das allgemeine Kursniveau dieser drei Börsen im 24-Monatsvergleich auf einem Tiefstpunkt. Es ist in diesem Zeitraum um gut 50 Prozent gefallen. Nun scheint es nach diesem Absturz wieder Boden gefunden zu haben. Wohlgemerkt: Dieser primär psychologisch begründete und von Angst getriebene Absturz der chinesischen Börsen wurde begleitet von einem stabilen Wirtschaftswachstum, das sich auf jährlich acht Prozent eingependelt hatte. So auch im Weltrezessionsjahr 2002, in dem der deutsche Aktienindex DAX bei Nullwachstum ganz folgerichtig einen Schwund um 40 Prozent erlitt.

Zockerimage

Vor dem Hintergrund dieses kontrastierenden Szenarios im Vergleich zum Rest der Welt ist China (wie auch Südkorea, Singapur und Taiwan) ein Märchenland für klar kalkulierende und langfristig orientierte Aktionäre. Aber noch haben die führenden chinesischen Inlandsbörsen von Shanghai und Shenzen ein „Zockerimage“ („Wirtschaftswoche“). Der Aktienmarkt ist überdies (noch) geteilt: in so genannte „B-Aktien“, die nur Ausländer gegen US-Dollar erwerben dürfen und in „A-Aktien“, die für Inland-Chinesen bestimmt sind. Sie sind in der chinesischen Landeswährung Renmimbi zu bezahlen. Daneben rangieren noch „H-Aktien“, die an der Börse von Hongkong gelistet sind. Hier gibt es eine Untergruppe namens „Red Chips“ – wenn ein Hongkonger Unternehmen zu mindestens 35 Prozent von Festland-Chinesen beherrscht wird. Dann gibt es noch „N-Aktien“ von chinesischen Unternehmen, die an der New York Stock Exchange notiert sind.

In dieses Wirrwarr von Aktienklassen soll jetzt Ordnung kommen. Denn der chinesische Aktienmarkt soll neben dem Export und den ausländischen Investitionen die dritte stabile Säule im Wirtschaftswunderland China werden. So plant die Regierung, alle Staatsbetriebe über kurz oder lang an die Börse zu bringen und damit in handelbares „Volkseigentum“ umzuwandeln. Die Aktien der privatisierten Unternehmen werden freilich nicht, wie einst in der von Michael Gorbatschow regierten Sowjetunion, an breite Volksmassen verschenkt. Sie werden zu Höchstkursen an diejenigen verkauft, die sich ein Aktieninvestment als Grundlage einer privaten Vermögensbildung leisten können. Der Erlös aus den Firmenprivatisierungen soll dazu dienen, ein nationales Sozial- und Rentensystem zu finanzieren.

Vertrauen ist alles

Die überaus klugen und wirtschaftlich mit allen Wassern gewaschenen Chinesen wissen auch bereits, was die Russen erst im Chaos lernten: Ein gut funktionierendes Börsenwesen basiert im Wesentlichen auf Vertrauen. Und wie nachhaltig negativ sich ein einmal verwirktes Vertrauen auswirkt, hat in den USA der Enron- und der World-Com-Skandal gezeigt. Diese beiden Mammutpleiten durch Management-Betrug lösten an der Wall Street und damit weltweit einen Kursabsturz aus. Nicht zuletzt auch daraus zog Zhou Xiaochuan, langjähriger Chef der chinesischen Börsenaufsicht und seit Anfang 2003 Chef der chinesischen Zentralbank, seine Lehre. Er installierte Regularien, die so streng sind, dass selbst einige von den 30 Edeltiteln im amerikanischen Dow Jones Index oder auch im deutschen DAX zu „faulen Eiern“ abgestempelt wären. So ziert seit dem 8. Mai dieses Jahres das Zeichen „*ST“ die Kurszettel der Börsen von Shanghai und Shenzen. Es ist alles andere als eine Auszeichnung, wie sie sonst vor oder hinter einem Aktiennamen zu finden ist. Es ist vielmehr ein Brandmal und soll die Aktionäre warnen. Denn ein „*ST“ handelt sich ein börsennotiertes Unternehmen bereits ein, wenn es nicht fristgerecht seinen Finanzreport vorgelegt hat oder auch, wenn es zwei Jahre hintereinander den Aktionären Verluste beschert hat. Hier zu Lande würde ein derartiges Warnsignal als Diskriminierung angeprangert und mit Sicherheit per Gerichtsurteil wieder abgeschafft werden.

Korruptions-Plage

Um jeden Preis, auch um den nachhaltig fallender Aktienkurse, sorgte Zhou für Transparenz und Vertrauen. So ist Korruption in China wie in ganz Südostasien eine Plage. Auch hinter den Börsenkulissen wurde und wird viel zum Nachteil der freien Aktionäre gemauschelt. Für China völlig ungewöhnlich und deshalb mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit verbunden: Wo ein Verdacht auf dunkle Machenschaften besteht, wird sofort die Justiz tätig. Die Beklagten werden, auch wenn sie noch so prominent sind und noch so sehr Gefahr laufen, ihr Gesicht zu verlieren, vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Und: Es wird in aller Öffentlichkeit, im Beisein der Medien, verhandelt. Kleinaktionäre haben in China jetzt sogar das Recht, auf Schadenersatz zu klagen – ein Recht, das die amtierende deutsche Bundesregierung vor kurzem erst entwertet hat. Selbst bei nachgewiesenem Betrug reichen im hoch industrialisierten und hoch zivilisierten Deutschland die Gesetze nicht aus, Aktionären einen Ersatz ihres Schadens zuzubilligen. Die zahlreichen Prozesse um Korruption und Aktionärsbetrug, die in China nach Verabschiedung der Antikorruptionsgesetze geführt wurden, schlugen in der freien Berichterstattung der Medien hohe Wellen. Denn das hatte es bislang nicht gegeben, dass über Wirtschaftsstraftaten ohne Ansehen der Person völlig ungehindert berichtet werden konnte. Die Folgen dieser offenen und ungeschminkten Berichterstattung liegen auf der Hand: Zahlreiche, auch bekannte chinesische Aktiengesellschaften gerieten in Verruf. Die hier involvierten Aktionäre verabschiedeten sich mit Abscheu durch Verkauf. Ein öffentlich ausgebreitetes Negativimage verschreckte auch potenzielle Investoren und färbte sogar auf die gesamte Branche ab, in der angeprangerte Unternehmen beheimatet waren. So fielen die Aktienkurse trotz Wirtschaftsboom auf das Tiefstniveau von Anfang 2003.

Wer möglichst auf lange Sicht in chinesische Aktiengesellschaften einsteigen will, muss nicht in Shenzen, Shanghai, in Hongkong oder New York einkaufen. Auch im deutschen Börsensystem sind einige große China-Titel quotiert und gegen Euro zu beziehen. Der Kurs allerdings entsteht an den Heimatbörsen, er wird mit mehr oder minder großen Ausschlägen vom deutschen System übernommen, auch im Hinblick auf die Währungsschwankungen. Die chinesische Telekombranche ist hier zu Lande mit China Mobile, China Unicom und China com vertreten. Erwähnenswert sind auch noch der Elektronikhersteller Legend sowie der Rohstoffkonzern Sinopec (China Petroleum & Chemical), eine sinnvolle Alternative zur Kursrakete Petro-China, die in Deutschland (noch) nicht gelistet ist.

Doch chinesische Einzelaktien sind, auch wenn damit ein Investment in inzwischen international renommierte Unternehmen verbunden ist, hoch riskant. Ohne einen kontinuierlichen Informationsfluss aus dem Ursprungsland sollte man sich besser nicht engagieren. Doch Aktienfonds mit dem Anlageschwerpunkt Hongkong und China, vielfach unter dem Begriff „Greater China“ zusammengefasst, sind ein probates Anlageinstrument. Hier sorgen die zumeist vor Ort tätigen und überaus marktkundigen Fondsmanager für den Kauf und Verkauf der richtigen Titel zum richtigen Zeitpunkt.

Kein Fonds im Plus

Wie riskant und volatil die aufstrebende Marktregion China für den Anleger selbst bei einem stark reduzierten Risiko auf Fondsbasis ist, zeigt die Wertentwicklung der führenden Fonds auf Sicht von fünf Jahren. Kein einziger namhafter China-Fonds liegt im Plus. Mit dem geringsten Minus schließt die Fünf-Jahres-Periode der Fidelity Greater China (minus 14,3 Prozent) und der Templeton China A (minus 16,1 Prozent) ab. Die höchsten Verluste von China-Fonds, die ein Fünf-Jahres-Resultat vorweisen können, liegen bei über 50 Prozent. Das heißt: Wer im Frühjahr 1998 beispielsweise in den Parvest Greater China eingestiegen ist, dessen Investment reduzierte sich bis heute um rund die Hälfte.

Die größten Verluste allerdings türmten sich im zurückliegenden Jahr auf, in der Spitze über 40 Prozent. Fonds, die schon mehr als fünf Jahre existieren und in diesem kritischen Jahr relativ gut abgeschnitten haben, verdienen sich damit das Prädikat „kaufenswert“. Dazu zählen der Dresdner RCM China (USD) mit minus 17 Prozent, der Templeton China (minus 20 Prozent), der HSBC Chinese Equity mit minus 22 Prozent oder der Baring Hong Kong China (minus 24 Prozent).



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