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01.11.09 / 00:15
Heft 21/2009 Gesellschaft
FDI-Kongress in Singapur

Neue Fachlichkeit

Der diesjährige FDI-Kongress fand vom 2. bis 5. September 2009 in Singapur statt. Nach Schätzungen besuchten rund 3000 Teilnehmer den professionell organisierten Kongress im modernen Suntec Singapore International Convention Exhibition Centre. Die vielen Geschäftssitzungen waren von besonderer Bedeutung, hier wurden die Politik der FDI und künftige Strategien und Projekte besprochen, fachliche und politische Stellungnahmen diskutiert und verabschiedet. Die deutsche Delegation spielte hier eine aktive Rolle und ist in die Gremienarbeit fest eingebunden.




Das umfangreiche wissenschaftliche Programm unter dem Generalthema „Neue Wege der Zahnmedizin an den Kreuzungen der Welt“ reichte von Themen wie Mundkrebsdiagnose bis hin zu den künftigen Implikationen der Stammzellenforschung auf die Geweberegenerierung. Bei FDI-Kongressen sind die Foren, bei denen der internationale Austausch gefördert werden soll, besonders interessant. Themen Foren in Singapur waren unter anderem: klinisches und ethisches Management von Mund- und Kieferdeformitäten, antibiotische Prophylaxe und Gebrauch von Bisphosphonaten oder Leitlinien für junge Forscher.

Auch bei den industriegesponserten Symposien oder den Symposien der Fachgesellschaften stand der internationale Erfahrungsaustausch im Vordergrund. Beim Symposium der International Society of Computerized Dentistry waren Referenten aus Deutschland stark vertreten: Dazu gehörten Klaus J. Wiedhahn, Bernd Reiss, Stefan Hassfeld und Olaf Schenk (Präsident, Vizepräsident und Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für computergestützte Zahnheilkunde e.V.). Die Vortragssäle waren teils gut besucht. Weniger gut besucht war die überschaubare Dentalausstellung, bei der sich die deutsche Dentalindustrie unter dem gemeinsamen Dach „Made in Germany“ darstellte. Insgesamt nahmen dieses Jahr auch weniger Zahnärzte aus Deutschland am FDI-Kongress teil.

Schwungvoller Roll-Call

Die Eröffnungsveranstaltung wurde mit einem schwungvollen Roll-Call der FDI-Mitgliedsländer eröffnet. Jugendliche sausten auf Inline-Skates durch die Veranstaltungshalle und schwangen die Fahnen der 134 Mitgliedsländer. Der scheidende FDI-Präsident Dr. Burton Conrod, Kanada, übergab die Amtskette seinem Nachfolger Dr. Roberto Vianna, Brasilien. In einer bunten Schau wurde die kurze Geschichte Singapurs von seinen Anfängen als kolonialer Handelsposten bis zur Gegenwart als kosmopolitische Metropole bildlich, musikalisch und tänzerisch dargestellt.

Die Bundeszahnärztekammer lud alle Teilnehmer aus Deutschland und die internationalen Delegierten zur Generalversammlung zu einem Empfang ein, bei dem auch der deutsche Botschafter in Singapur die Teilnehmer begrüßte.

Deutsche Delegation fest eingebunden

Für die deutsche Delegation waren die vielen Geschäftssitzungen der FDI von besonderer Bedeutung, hier wurden die Politik der FDI und künftige Strategien und Projekte besprochen, fachliche und politische Stellungnahmen diskutiert und verabschiedet. Zum Weltparlament der Zahnärzte, den Generalversammlungen, sind alle 191 Mitgliederverbände aus 134 Ländern eingeladen. In Singapur war die Beteiligung gut, über 150 Delegierte aus 79 Ländern waren anwesend. Der BZÄK stehen aufgrund ihrer hohen Mitgliederzahl sieben Delegiertensitze und zwei Sitze für Vertreter zu, die sie teils an Vertreter der KZBV und der DGZMK abgibt. Außerdem vertritt BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel Deutschland im Rat, Prof. Reiner Biffar, Greifswald, ist stellvertretender Leiter des Wissenschaftskomitees, Prof. Elmar Reich ist Mitglied im Fortbildungskomitee und Zahnarzt Ralf Wagner, Vorsitzender der KZV Nordrhein, ist im Praxiskomitee vertreten.

Insgesamt stellte sich die deutsche Delegation in Singapur aktiv und kompetent dar, manchmal auch kritisch, wenn es galt, Fehlentwicklungen oder übertriebene Stellungnahmen zu korrigieren. So wurden zwei Stellungnahmen zum Bleichen von Zähnen und Wasser in Dentaleinheiten – unter anderem wegen der erheblichen Kritik von deutscher Seite – zur Überarbeitung an das Wissenschaftskomitee zurück verwiesen. Andererseits wurde eine Entschließung zu Quecksilber und Dentalamalgam auch mit der fachlichen Unterstützung von Prof. Dr. Georg Meyer, Greifswald, einstimmig von der Generalversammlung verabschiedet.

Stellungnahme zu Quecksilber

Anlass für die aktuelle Quecksilberentschließung der FDI sind die Bestrebungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environmental Programme – UNEP), ein international verbindliches Rechtsinstrument für die Verwendung und Entsorgung von Quecksilber zu erarbeiten. Der FDI gelang es, als Partner des UNEP anerkannt zu werden. In ihren Stellungnahmen bekräftigte die FDI, dass Dentalamalgam ein sicheres, umfassend genutztes und bezahlbares Füllungsmaterial ist und besonders für die Bevölkerung in den unterversorgten Teilen der Welt unersetzbar ist (siehe Kasten). Die UNEP hat der FDI bereits signalisiert, dass es besondere Regelungen für Dentalamalgam geben werde.

Die Arbeit der FDI war in Singapur durch mehr Fachlichkeit als in den Vorjahren geprägt, als es noch um neue Strukturen in der FDI, Governance und Finanzierung ging. In Singapur wurde ein „Oral Health Atlas“ der FDI vorgestellt, der in anschaulicher Weise und umfassend den Stand der Mundgesundheit in der Welt, Risikofaktoren, Versorgungsstrategien, Arbeitskräfte in der zahnärztlichen Versorgung und Zahnärzte-Organisationen auf 120 Seiten darstellt. Außerdem wurden drei neue und sieben aktualisierte Stellungnahmen verabschiedet, und zwar zu:

• Dentinhypersensitivität

• Zahnlosigkeit und allgemeine Gesundheitsprobleme älterer Menschen

• Verwendung von akademischen Titeln, Berufsbezeichnungen und Honorartiteln

• Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und Allgemeingesundheit

• Auswirkungen der Kaueffizienz auf die Allgemeingesundheit

• Fluorid in Füllungsmaterialien

• Infektionskontrolle in der zahnärztlichen Praxis

• Prophylaxe nach Kontakt mit Hepatitis B-, Hepatitis C-Virus, HIV

• Tuberkulose und zahnärztliche Berufsausübung

Das Projekt „Live.Learn.Laugh“, an dem auch Deutschland mit einem Projekt der Tabakprävention beteiligt ist, wird in 40 Ländern mit gutem Erfolg weitergeführt. Außerdem wurde eine „Global Caries Initiative“ gestartet, die auf zehn Jahre angelegt ist, mit dem Ziel, Karies weltweit zu reduzieren, insbesondere in Ländern mit hohen Prävalenzen. In einem ersten Schritt geht es darum, unter dreijährige Kinder kariesfrei zu erhalten. Jährlich werden zwei Regionalkonferenzen durchgeführt, bei denen jeweils andere Aspekte der Karies thematisiert werden. Im Rahmen der globalen Kariesinitiative wurde auch ein Glossar der Schlüsselwörter zur Karies veröffentlicht, um die Terminologie in diesem Feld zu vereinheitlichen.

Bei der in Singapur abgehaltenen ERO-Vollversammlung wurde nach intensiver Diskussion in einer Arbeitsgruppe, in der ZA Ralf Wagner und BZÄK-Vizepräsident Dr. Michael Frank maßgeblich mitarbeiteten, eine Resolution zum „Dental Team“ verabschiedet, in der die Kompetenz des Zahnarztes und die Zusammenarbeit mit Zahnmedizinischen Fachangestellten und Zahntechnikern klar beschrieben wird. Diese Resolution entspricht dem Standpunkt von BZÄK und KZBV.

Wahlen für Deutschland erfolgreich

Bei den Wahlen wurde Dr. Orlando Monteiro da Silva zum President Elect, Prof. Meyer wurde von der Generalversammlung in das Wissenschaftskomitee gewählt. Dem Komitee gehören sieben Mitglieder an – bisher Prof. Reiner Biffar, der nicht wiedergewählt werden konnte. Es ist ein großer Erfolg und überhaupt nicht selbstverständlich, dass in den letzten Jahren immer ein deutscher Wissenschaftler in diesem für die Arbeit der FDI sehr wichtigen Gremium vertreten war.

Alles in allem waren FDI-Geschäftssitzungen und der Kongress in Singapur für die deutsche Delegation ein guter Erfolg. Der FDIKongress 2010 findet vom 2. – 5. September 2010 in Salvador da Bahia, Brasilien, statt.

Barbara Bergmann-Krauss
Universitätsstraße 73
50931 Köln

INFO

FDI-Entschließung zu Quecksilber und Dentalamalgam

Die Generalversammlung des Jahresweltkongresses 2009 des Weltverbandes der Zahnärzte kommt unter Berücksichtigung und Bestätigung der

• FDI-Stellungnahmen zu Dentalamalgam (Sicherheit von Dentalamalgam, GA September 2007)

• Resolution des Rates der Europäischen Zahnärzte (CED) über Dentalamalgam (CEDGeneralversammlung, Mai 2007)

• Erklärung des American Dental Association Council on Scientific Affairs über Dentalamalgam (August 2009)

erneut und nachdrücklich zu dem Schluss, dass Amalgam ein sicheres, weit verbreitetes und bezahlbares Zahnfüllungsmaterial ist und zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die zahnmedizinische Versorgung der Mehrheit der Bevölkerung in der ganzen Welt gute Dienste leistet. Dies gilt besonders für die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die zahnmedizinisch behandelt werden müssen.

Diese FDI-Generalversammlung:

• erkennt im Hinblick auf Quecksilber und Dentalamalgam ihre Verantwortung hinsichtlich der Weltgesundheit und des Umweltschutzes an. Nach Annahme der Stellungnahmen Amalgamentsorgung [GA 2006] und Leitlinien für den Umgang mit Quecksilber [GA 2007] bestätigt diese Generalversammlung ihre Verpflichtung, den verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt hoch zu halten und im Umgang mit Dentalamalgam anzuwenden;

• ist sich darüber im Klaren, dass derzeit erhältliche Restaurationsmaterialien unter zahlreichen Rahmenbedingungen keine wirtschaftlich tragbaren und bezahlbaren Alternativen darstellen und zusätzliche logistische, wirtschaftliche und infrastrukturelle Herausforderungen aufzeigen;

• nimmt mit großer Sorge zur Kenntnis, dass die generelle Reglementierung bei der Verwendung von Quecksilber zu signifikanten globalen Problemen der öffentlichen Gesundheit führen kann, insbesondere in der zahnärztlichen Versorgung;

• ruft zu nationalen zielgerichteten Präventionsprogrammen zur Mundgesundheit auf, um den Bedarf an solchen zahnmedizinischen restaurativen Versorgungen zu reduzieren;

• weist nachdrücklich darauf hin, dass der zahnärztliche Berufsstand verpflichtet ist, den Rahmen der gesetzlichen Vorschriften für die Verwendung von Quecksilber einzuhalten.

Die FDI empfiehlt ihren Mitgliedsorganisationen folgende Punkte:

1. Die FDI sollte alle relevanten Gesundheitsund Umweltdaten über Dentalamalgam in einer einzigen Quelle zusammenfassen, um sicherzustellen, dass die gesamte Thematik exakt beschrieben wird und dass die Diskussionen auf den aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.

2. Die FDI-Generalversammlung sollte fortfahren, mit IADR, IFDEA, IDM, ISO und anderen wichtigen internationalen Interessengruppen zu kooperieren;

3. Die FDI-Generalversammlung und die sie konstituierenden nationalen Zahnärzteverbände sollten im Hinblick auf Dentalamalgam einen einheitlichen Standpunkt vertreten, der auf dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand basiert.

4. Die FDI sollte innerhalb der Global Mercury Partnership des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und bei den Konsultationen der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisationen über die globale Verwendung von Quecksilber die einzige Vertreterin der internationalen Gemeinschaft der Zahnärzte sein.

5. Nationale Zahnärzteverbände sollten eine proaktive Haltung gegenüber ihren Regierungen einnehmen, wenn es sich um nationale Vorschriften zu Quecksilber handelt.

6. Verantwortliche Initiativen im Hinblick auf die Sammlung und Entsorgung nicht verwendeten elementaren Quecksilbers aus Zahnarztpraxen (mit Ausnahme des Quecksilbers in Kapseln) und die Verwendung von Quecksilberabscheidern, die dem ISO Standard 11143* entsprechen, würden die Selbstverantwortlichkeit der Gemeinschaft der Zahnärzte für den Schutz der Weltgesundheit und Umwelt herausstellen.

7. Der zahnärztliche Berufsstand sollte weiterhin die wissenschaftliche Entwicklung von sicheren und bezahlbaren Restaurationsmaterialien unterstützen.

8. Die FDI sollte als Organisation die Etablierung eines neuen Paradigmas für die Behandlung von Zahnkaries und ihrer Folgen anführen und koordinieren, das auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, um auf diese Weise eine optimale Mundgesundheit zu erreichen.

* ISO 11143 (2008) Standard: Spezifikation für Amalgamseparatoren zur Entfernung von Amalgampartikeln und zur Reduzierung des Eintrags der Amalgammengen in das Abwassersystem

FDI, Singapur, 02.09.2009



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