sg
16.04.12 / 12:40
Heft 08/2012 Praxis
Innenraumgestaltung

Neue Farbe in die Praxis

Wer sich für eine Umgestaltung der Praxis entscheidet, der steht vor der Wahl: Manchmal reichen einige neue Akzente, in anderen Situationen ist es ratsam, die Räumlichkeiten komplett neu zu gestalten. In beiden Fällen jedoch sollte auf die Farbgestaltung achtgegeben werden. Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Frage, wie die Praxis nach außen wirkt.




Farbe ist nicht nur ein kostengünstiges Gestaltungselement mit hohem Wiedererkennungswert, sie trägt auch entscheidend dazu bei, dass Patienten und Mitarbeiter sich in der Praxis wohlfühlen. Wer etwa eine bestimmte Zahnarztpraxis in Everswinkel bei Münster betritt, der wird schon im Eingangsbereich mit den Worten „Schön, wenn Sie lächeln“ begrüßt. Der freundliche Satz, der hinter dem organisch geschwungenen Empfangstresen mit weißen Lettern in eine leuchtend grüne Wandfläche eingearbeitet ist, soll auf den ersten Blick für eine angenehme Atmosphäre sorgen: „Das war eine Idee, die gemeinsam mit der Architektin entstanden ist“, verrät die Zahnärztin. „Damit wollen wir den Patienten schon bei der Begrüßung die Angst vor der Behandlung nehmen.“ Verstärkt wird die positive Stimmung durch eine angenehm weiche Beleuchtung sowie durch drei formschöne Lampen in Weiß und in Rot, die über dem Empfang aufgehängt sind.

Grund der Neugestaltung war in diesem Fall die Übernahme einer bereits viele Jahre bestehenden Praxis: „Die komplette Einrichtung stammte noch aus den 1970er-Jahren“, berichtet die Praxisinhaberin rückblickend. „Durch die dunklen Türen und die braunen Fliesen im Flur wirkten die Räume ziemlich bedrückend. Da musste dringend etwas verändert werden. Gleichzeitig war es mir wichtig, meinen eigenen Stil und Geschmack einzubringen.“

Komplettsanierung zur Praxisübernahme

In enger Zusammenarbeit mit der Architektin wurden die bestehenden Räumlichkeiten komplett grundsaniert. Dabei wurden nicht nur sämtliche Behandlungseinheiten und Apparaturen durch moderne Technik ersetzt, es wurden auch der Sanitärbereich erneuert und die abgehängte Decke entfernt. Gleichzeitig wurden der Behandlungsbereich um einen Raum erweitert und ein neuer Wartebereich geschaffen.

Ein zentraler Baustein bei der Umgestaltung der bestehenden Räumlichkeiten war die Entwicklung eines geeigneten Farbkonzepts. Um einen freundlichen und hellen Gesamteindruck zu erzielen, dominieren in sämtlichen Räumen die Farben weiß und grün. Grün wird eine belebende und raumweitende, gleichzeitig aber beruhigende und entspannende Wirkung nachgesagt. Auf diese Weise erscheint nicht nur der Empfang deutlich offener und moderner, auch im Wartebereich schaffen grüne Sitzmöbel, eine grün akzentuierte Wandfläche hinter der Garderobe sowie ein großes Aquarium mit geschwungener Scheibe eine angenehme Atmosphäre.

Deutlich offener und freundlicher als zuvor wirkt auch der lang gestreckte Flur zu den Behandlungszimmern mit seinen durchgehend weiß gestalteten Wänden. Ein überraschendes Detail sind hier die wie kleine Bullaugen in die Wand eingelassenen, hellgrün umrandeten Vitrinen, in denen Produkte zur Mundgesundheit präsentiert werden. Dazwischen schaffen auf die Vitrinen aufgemalte Begriffe aus dem Dentalbereich wie „Vorsorge“, „Gesunde Zähne“ oder „Prophylaxe“ einen Bezug zur Praxis.

Die Behandlungsräume präsentieren sich dagegen funktional. Im „roten Zimmer“ wurde eine weinrote Behandlungseinheit integriert, von der aus die Patienten auf ein rotes Deckenbild blicken. Ein mutiger Schritt, denn eigentlich gilt die Farbe Rot als problematisch für (Zahn-)Arzt- praxen, da sie ungewollt an Blut erinnert und ihr überdies nachgesagt wird, dazu zu verhelfen, dass Aggressionen oder Nervosität ausgelöst werden. Im „grünen Zimmer“ herrschen dunkelgrüne Farbtöne vor. Satinierte Glastüren und Fenster in sämtlichen Räumen sorgen für eine Helligkeit, die eine ausreichende Privatsphäre bei maximaler Transparenz ermöglicht.

Ein rundum gelungenes Gestaltungskonzept, das nicht nur die Patienten und die Mitarbeiter der Praxis, sondern auch die Jury der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen überzeugt hat. Kurz nach der Fertigstellung wurde die Praxis beim Tag der Architektur der Öffentlichkeit vorgestellt, die sich einen Eindruck von ihr machen konnte.

Gesteigerte Raumqualität nach Teilrenovierung

Keine komplette Neueinrichtung, sondern lediglich eine gezielte Frischzellenkur wurde dagegen in einer Praxis im sächsischen Klingenthal realisiert. Nach langjähriger Nutzung der Räumlichkeiten hatte sich die Zahnärztin von einer Innenarchitektin beraten lassen und sich dann zu einer gezielten farblichen Umgestaltung der Praxisräume entschieden. „Es wurde einfach Zeit, hier mal frischen Wind reinzubringen“, beschreibt die Inhaberin ihre Motivation. Anders als in Everswinkel wurde dabei festgelegt, die verschiedenen Bereiche der Praxis durch eine betont kontrastreiche Farbgestaltung klar voneinander zu trennen.

Um die verschiedenen Räume dennoch als Einheit erscheinen zu lassen, wurde eine horizontale oder vertikale Gestaltung der verschiedenen Farbflächen als verbindendes Element gewählt.

Im Empfangsbereich der Praxis dominiert ein kräftiger Blauton, kombiniert mit einem hellen Grünton. Die Farbzusammenstellung suggeriert Verbindlichkeit und soll beim Patienten Vertrauen schaffen. Im angrenzenden Wartebereich trifft der Blick dann als erstes auf die leuchtend-rote Rückwand sowie die ebenfalls rot gepolsterten Stühle. Die nachgesagte Wirkung der Farbe Rot (siehe oben) wird durch zwei in die Wandfläche integrierte „Pusteblumen“ verfremdet und abgemildert.

„Die übergroßen Abbildungen erinnern an eine bunte Sommerwiese und lassen somit jede eventuelle Assoziation mit Blut sofort wieder verschwinden“, so die Innenarchitektin. Zusätzlich gemildert wird die Wirkung durch die angrenzende graue Wand und den ebenfalls grauen Teppichboden.

Die beiden Behandlungsräume der Praxis präsentieren sich entsprechend der Farbigkeit der vorhandenen Behandlungseinheiten mit rosa-weiß-violett sowie mit orange-weiß-rot gestalteten Farbfeldern und Streifen. „Auch hier wollten wir eine angenehme Atmosphäre schaffen, die die Patienten von der Behandlung ablenkt“, so die Zahnärztin. „Und die Rückmeldungen, die wir erhalten haben, sind durchgehend positiv.“ Mit wenig Aufwand gelang somit eine deutliche ästhetische Aufwertung der Praxis, in der sich die Patienten wohlfühlen können.

Robert Uhde

Grenadierweg 39

26129 Oldenburg



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