zm-online
01.06.03 / 00:14
Heft 11/2003 Gesellschaft
Tabaksteuer

Neuer Anschub für den Ausstieg

In Deutschland raucht eine Minderheit von zirka 28 Prozent der Bevölkerung. Durch die von ihr verursachten Folgekosten, zum Beispiel für die Behandlungen raucherbedingter Erkrankungen, werden laut Jahrbuch Sucht 2003 jährlich Löcher von 17 Milliarden Euro in die Sozialkassen gerissen. Von der gleichzeitig eingezogenen Tabaksteuer, mit 12,1 Milliarden Euro die viertwichtigste Einnahmequelle im Bundeshaushalt, sah das Gesundheitswesen bisher keinen einzigen Cent.




Die Löcher im Haushalt werden im Wesentlichen mit den Beiträgen der nicht rauchenden Mehrheit der Solidargemeinschaft gestopft. In Zeiten der Vollbeschäftigung war das kein Problem. Heute, bei knappen Kassen, heißt das aber: Wenn ein 45-Jähriger nach 30 Jahren Rauchen seinen Herzinfarkt erleidet, gerettet, notfall- und anschlussheilbehandelt wird, Krankengeld und vielleicht Frührente bekommt, bezahlen das

• sein nicht rauchender Nachbar durch Zuzahlungen in der Apotheke, beim Arzt und durch steigende Sozialbeiträge,

• sein Arbeitgeber durch die steigenden Sozialabgaben beziehungsweise Lohnnebenkosten und auch

• sein Zahnarzt , der seine Parodontitis umsonst behandelt hat, weil er wegen überschrittenem Budget im KZV-Bereich nachträglich Honorar gestrichen bekam.

Raucherparadies Deutschland

Wenn zukünftig die Raucher durch die geplante Erhöhung der Tabaksteuer und der Verwendung des Erhöhungsbetrages im Gesundheitswesen einen Teil der von ihnen verursachten Mehrkosten selbst übernehmen sollen (bei 142,5 Milliarden gekauften Zigaretten 2001 sind es nach optimistischer Kalkulation 7,5 Milliarden Euro), geht das eigentlich in Ordnung. Gleichzeitig ist dieses Vorgehen der Bundesregierung höchst kritikwürdig:

• Erstens ist ihre Begründung der Steuererhöhung, die Raucher sollen mit diesem Beitrag die familienfreundlichen versicherungsfremden Leistungen bezahlen, eine Lüge, solange die raucherbedingten Mehrkosten fremdfinanziert und die Tabaksteuer zweckentfremdet werden. Die Begründung verschweigt und verschleiert die skandalösen Zuständen im Raucherparadies Deutschland.

• Zweitens, zu diesen Zuständen gehört, dass es auch dieser Regierung überhaupt nicht daran gelegen ist, das Rauchen einzudämmen, sondern daran zu verdienen. Da jede gerauchte Zigarette das Leben um fünf Minuten verkürzt, trägt Rauchen außerdem zur Entschärfung des Rentenproblems bei. „Rauch und stirb zur rechten Zeit“ scheint irgendwie sozialverträglich zu sein. Jedenfalls regt sich bei uns niemand darüber auf, das jedes Jahr zirka 110 000 Deutsche, also 300 jeden Tag, an den Folgen des Rauchens sterben. Eine BSE-Kuh in einem bayerischen Stall oder verseuchtes Tierfutter können für mehr öffentliche Aufregung und Regierungskrisen sorgen als ein Überangebot an Zigaretten, die mit 4 000 hochgiftigen Schadstoffen in jedem Glimmstengel eine legale Ware sind, deren bestimmungsgemäßer Gebrauch tötet. Sargnägel eben. Beim Rauchen kneift nicht nur die sich so forsch gebärdende Verbraucherschutzministerin, nein, hier arbeitet die Bundesregierung Hand in Hand mit der Tabakindustrie, wie ihre Verhinderung eines weitgehenden Tabakwerbungsverbots in Europa und die nahezu fehlende Produktkontrolle bei Tabakwaren zeigen.

• Drittens verschont die rotgrüne Regierung erneut die Tabakindustrie, die als Hauptverantwortliche zum Schadenersatz herangezogen werden müsste. Dass das ein sinnvoller und machbarer Weg zur Sanierung der Sozialkassen wäre, haben Regierungen von U.S.-Bundesstaaten mit ihren erfolgreichen Klagen gegen die Tabakindustrie vorgemacht. Dieser Weg wäre auch den Rauchern gegenüber gerechter, die mit dem Slogan „Gestatten. Rauchen. Meine Entscheidung“ bewusst und staatlich abgesegnet betrogen, zur Sucht verführt und gegen Abstinenzgedanken, die dank Tabakwerbung nun wie Freiheitsberaubung erscheinen, immunisiert werden. Von den zirka 20 Millionen Rauchern in Deutschland sind zirka 70 bis 80 Prozent nikotinabhängig und damit alles andere als souverän und selbstbestimmt. Wie sehr einige von denen aus ihrer Not eine Tugend machen, offenbart sich in ihren gegenwärtigen „Bild“-Aufschreien, in denen sie die Entrichtung der Tabaksteuer als ihren letzten Wert gewürdigt wissen wollen. Wenn die Raucher sich auch noch diesen blauen Dunst vormachen, kann die volksverdummende Tabakwerbung ihre größten Siege feiern und die Hauptverantwortlichen bleiben ewig im Dunkeln.

Tabakkontrollpolitik auf Entwicklungslandniveau

Wir, das Volk, die öffentliche Meinung, können uns von der Kritik nicht ausnehmen. Wir bedauern wohl noch, dass Jugendliche immer früher mit dem Rauchen beginnen, übersehen aber die Häufung der Zigarettenautomaten im Umkreis von Schulen. Uns stört auch nicht, dass sich unsere Kinder Bonbons aus dem Automaten holen, der gleich neben den Zigarettenautomaten angebracht ist. An sich finden wir die Werbefilme für Zigaretten im Kinovorspann ganz gut gemacht und unterhaltsam. Wir zappen nicht weg, wenn eine angesehene Fernsehmoderatorin im TV-Interview einem nikotinsüchtigen Altbundeskanzler mit x Bypässen verständnisvoll den Aschenbecher hinschiebt. Kein Wunder, dass Politiker von uns das Bild zu haben scheinen, wir werden ihre Tabakkontrollpolitik auf Entwicklungslandniveau schon hinnehmen und wir hielten sie schon für bedeutend und staatsmännisch, wenn sie dicke Zigarren oder imposante Pfeifen rauchen. Durch ihre Allgegenwärtigkeit schafft es die direkte und indirekte Tabakwerbung, nicht nur die frühverstorbenen Kunden durch frisches Blut zu ersetzen, sondern auch uns alle so abzustumpfen, dass wir Zigaretten als etwas ganz Normales ansehen und oft uns auch nicht so zieren wollen, wird in unserer Gegenwart eine angezündet. Genau das ist ein Ziel aller, die sich am Rauchen gesundstoßen: eine unkritische, pseudoliberale paradiesische Atmosphäre für alle Raucher.

Vielleicht liegt hier auch etwas ungewollt Konstruktives in der Tabaksteuererhöhungsabsicht: Sie bringt den Skandal des Rauchens und unsere diesbezügliche Aushöhlung wieder ins Bewusstsein, lässt uns darüber reden und die Verantwortlichkeiten besser wahrnehmen.

Fordern wir als Bürger von der Regierung die Verwendung der gesamten Tabaksteuer im Gesundheitswesen, die Verpflichtung der Tabakindustrie zum vollständigen Schadenersatz und eine Tabakkontrollpolitik, die diesen Namen auch verdient. Das wäre bereits Teil einer echten Gesundheitsreform. Zusammen mit der zu begrüßenden Verteuerung der Zigaretten kann das dann doch noch dazu führen, dass die vielen Raucher, die eigentlich aufhören wollen, nicht erst den Herzinfarkt erleiden müssen, um sich für ihre Rauch-Freiheit zu entscheiden und schon jetzt erfolgreich Nichtraucher werden. Nicht wenige werden dabei professionelle Hilfe brauchen.

Oraler Befund als Entwöhnungseinstieg

Stellen wir uns als Gesundheitsexperten den Ratsuchenden zur Verfügung. Rauchen ist eine der wichtigsten durch Verhaltensänderung vermeidbaren Ursachen auch für orale Präkanzerosen, Mundkrebs und parodontale Erkrankungen. Rauchen kontraindiziert zahnärztliche Therapien beziehungsweise verschlechtert deren Prognose. Deshalb hat die BZÄK in ihrem Policy Statement zum Thema Tabak (Rauchen) die Zahnärzteschaft aufgerufen, in ihren Praxen Raucherentwöhnungsberatung anzubieten. Im Bereich des Gesundheitswesens hat sie hier wohl auch die besten Erfolgsbedingungen – häufige und regelmäßige Behandlungstermine, Prophylaxeorientierung, aus höchster Patientenzufriedenheit resultierende Autorität und Vertrauenswürdigkeit der Zahnärzte, allgemeine Beratungskompetenz der Behandler, Respekt vor der Eigenverantwortlichkeit der Patienten. In der hohen Bedeutung von Mund und Zähnen für die Lebensqualität liegen mit die stärksten motivationalen Energien für den Tabakverzicht. Geweckt und verstärkt werden sie am wirksamsten durch die Veranschaulichung der Tabakschäden am oralen Befund und gleichzeitigem Angebot von Hilfe. Mit der PZR im Recallsystem steht in der Zahnarztpraxis ein hervorragendes Instrument zur Beeinflussung von Rauchrisiken, des Gesundheitsverhaltens und damit zum Einstieg in die Entwöhnungsberatung zur Verfügung. Raucher auf dem nicht einfachen Weg zum Rauchstopp zu unterstützen, ist eine sehr befriedigende Arbeit, weil menschlich berührend, intellektuell anspruchsvoll und ethisch auf der Höhe der Werte des Berufsstandes, geht es doch auch um Freiheit, Souveränität und Würde. Qualifizierte Raucherentwöhnungsberatung erfordert aber auch spezifisches Know-how, dass sich erfolgs- und kostenbewusste Zahnärzte gezielt aneignen können.

Dipl.-Psych. Klaus Weißmann
Im Hasenöschle 15
88348 Bad Saulgau
Klaus.Weissmann@epost.de



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