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16.05.12 / 12:10
Heft 10/2012 Politik
Schleswig-Holsteinischer ZahnÄrztetag

Nicht jede Neuerung ist ein Fortschritt

Mehr als 1700 Zahnärzte und Mitarbeiterinnen kamen nach Neumünster zum Schleswig-Holsteinischen ZahnÄrztetag, um sich aktuell fortzubilden. „Ist jede Neuerung ein Fortschritt?” – so lautete die zentrale Fragestellung, die sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge zog.




Mit dem „Fortschritt” ist das so eine Sache: Die neue GOZ sei dafür das beste Beispiel, erinnerte der Vorstandsvorsitzende der KZV Schleswig-Holstein, Dr. Peter Kriett. Die Zahnärzteschaft sei gut beraten, nicht alles zu glauben, was die Medienbranche propagiert. Bei neuen Produkten gehe es schließlich vor allem um den Zusatznutzen für Patienten, Praxismitarbeiter oder Zahnärzte. Die Frage „Ist jede Neuerung ein Fortschritt?” sei daher weder Provokation noch Unterstellung, „sondern Ermunterung, sich selbst diese Frage zu stellen, anstatt sie anderen beantworten zu müssen”.

In Prof. Dr. Petra Hahns, Freiburg, Überblick über neue präventive Behandlungsmethoden der Karies schlug das Pendel zugunsten der konventionellen Therapie aus: Weder für Laseranwendungen noch für die Ozontherapie zur Beeinflussung des Biofilms oder für den Versuch, kariogene Bakterien durch Probiotika zu verdrängen, könne sie bislang eine Therapieempfehlung geben. Andere Ansätze wie die Verbesserung der Bioverfügbarkeit von Mineralien im Speichel durch Phosphoproteine oder die Zahnschmelz-„Reparatur” durch Nanopartikel hält Hahn nur in Verbindung mit fluoridhaltigen Produkten für sinnvoll.

Sollte der Biofilm in der Parodontitistherapie mit den bewährten Handinstrumenten und (Ultra-)Schall oder mit neuen Methoden wie Laser und Photodynamik angegangen werden? Dr. Steffen Rieger, M.Sc., Stuttgart, kam zu dem Schluss, dass auch in diesem Fall zurzeit die konventionellen Methoden die wirksamsten sind: Der Einsatz von Lasersystemen biete bei der Konkremententfernung kaum Vorteile; die photodynamische Therapie empfiehlt Rieger allenfalls als adjunktives Verfahren.

PD Dr. Sven Reich, Aachen, stellte dar, dass die digitale intraorale Abformung zwar großes Zukunftspotenzial besitze, ein vollständiger Ersatz des herkömmlichen Abformverfahrens zurzeit jedoch nicht möglich sei.

Die (Weiter-)Entwicklung der Nickel-Titan-Instrumente für die endodontische Behandlung sei hilfreich – auch wenn damit konventionelle Stahlinstrumente nicht gänzlich überflüssig geworden seien, betonte Dr. Hans-Willi Herrmann, Bad Kreuznach: „In 98 Prozent der Fälle wäre eine endodontische Behandlung ohne Handinstrumente nicht möglich.”

Lasersysteme seien häufig auf wenige Indikationen begrenzt, was die Anwendung in der Zahnheilkunde sehr aufwendig mache, erläuterte Prof. Dr. Matthias Frenzen, Bonn. Es gibt jedoch erste Ansätze für ein „All-in-one“-System.

Nützlich oder nicht

Das Wissen um die Um- und Abbauvorgänge nach einer Zahnextraktion habe zu neuen Therapieansätzen geführt, die bei einer geplanten Implantatversorgung auf den Erhalt des Alveolarkamms abzielen, stellte PD Dr. Dieter Weng, Starnberg, fest. Er empfahl in diesem Fall die Füllung der Alveole mit Knochenersatzmaterial direkt nach der Extraktion. Die Entwicklung neuer Kunststoffe in der Prothetik basiere, wie Dr. Felix Blankenstein, Berlin, berichtete, vor allem auf dem Wunsch nach höchstmöglicher Biokompatibilität und Ästhetik. In jüngster Zeit sei dabei ein seit den 80er-Jahren bekanntes Material in den Fokus des Interesses gerückt: Polyamid-12 (Nylon), das sich durch chemische Inertheit und eine hohe Elastizität auszeichne. Möglichkeiten und Grenzen der DVT erläuterte PD Dr. Dirk Schulze, Freiburg. Zum Beispiel sei es mithilfe dieser Technik möglich, vor einer Implantation festzustellen, ob ausreichend Knochenmaterial vorhanden sei.

Einen Überblick über Adhäsive und Komposite gab Prof. Dr. Roland Frankenberger, Marburg. Auf die Erfindung des „Standard-Füllmaterials” wird die Zahnärzteschaft demnach wohl weiter warten müssen. Da mag es vielleicht ein Trost sein, wenn Frankenberger resümierte: „Maximale Ästhetik” erziele man zu 40 Prozent aufgrund des Materials, zu 60 Prozent aufgrund des Könnens des Zahnarztes.

Kirsten Behrendt
KZV Schleswig-Holstein Westring 498
24106 Kiel
kirsten.behrendt@kzv-sh.de



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