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01.11.09 / 00:12
Heft 21/2009 Zahnmedizin
Zahnärzte und Versorgungsforschung

Offiziell vernetzt

Unter dem Leitthema „Versorgungsstrukturen und Qualität in Zeiten unsicherer Finanzierung“ fand vom 1. bis 3. Oktober in Heidelberg der 8. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung statt. Erstmals präsentierten sich dort Vertreter der Zahnärzteschaft mit einem eigenen Programmpunkt. Das Besondere daran: Damit hat die Zahnmedizin vollen Anschluss an die wissenschaftliche Plattform der Versorgungsforschung in Deutschland gefunden. Mit einer neu gegründeten Fachgruppe geht die Arbeit jetzt weiter.



Dr. Wolfgang Micheelis, IDZ (li.), und Dr. Wolfgang Bengel, DGZMK, leiteten den Workshop Zahnmedizin. Fotos: DNVF

Der 8. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung in Heidelberg wartete mit einem enormen Pensum auf. Mehr als 400 Vorträge und Posterdemonstrationen standen auf der Tagesordnung. Die Themenpalette war vielfältig. Das zeigen Referatstitel wie „Leitlinien Herzinsuffizienz zwischen Praxis und Spezialklinik“, „Hausärztliche Prävention bei übergewichtigen Patienten,“ „Demenz und Depression“, „Modellbasierte Versorgungsforschung bei Komorbidität“, „Effekte von Disease-Management-Programmen“, „Pay for Performance – Chancen und Risiken“ oder „Qualitätszirkel und Qualitätsmanagement.“ Der Organisator, das Deutsche Netzwerk für Versorgungsforschung (DNVF), hielt den Kongress in diesem Jahr zusammen mit dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V. im Universitätsklinikum Heidelberg ab. Der Kongress insgesamt war sehr gut besucht: Über 600 Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik waren vertreten, darunter Ärzte, Zahnärzte, Psychologen, Soziologen, Pflegewissenschaftler und politische Entscheidungsträger.

Versorgungsforschung versteht sich als Forschung „zur letzten Meile des Gesundheitswesens“, also zu der Stelle, wo sich Theorie und Praxis im medizinischen Versorgungsalltag begegnen. Sie wird unter anderem als definiertes Programm intensiv von der Bundesärztekammer finanziell gefördert.

Erstmalig präsentiert

Aus zahnärztlicher Sicht ein Novum war der Workshop „Versorgungsforschung in der Zahnmedizin“. Erstmalig ist es der Zahnärzteschaft in Heidel-berg gelungen, mit einem eigenen Programmpart auf einem DNVFKongress aufzutreten. Die zahnmedizinische Versorgungsforschung hat damit vollen Anschluss an die wissenschaftliche Plattform des DNVF gefunden.

Gleichwohl wird das Thema Versorgungsforschung In der Zahnmedizin schon lange bearbeitet. Schwerpunktmäßig geschieht dies vor allem an den Zahnkliniken Kiel, Greifswald, Heidelberg, Dresden, Witten-Herdecke, München und am Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) in Köln.

Parodontalgesundheit

Insgesamt wurden zwei zahnärztliche Sessions mit zwölf Vorträgen angeboten: Der erste fand unter Federführung der DGZMK mit Vorsitz des Vizepräsidenten Dr. Wolfgang Bengel, Heiligenberg, statt. Hier ging es unter anderem um parodontalen Handlungsbedarf in Deutschland, basierend auf der DMS-IV-Studie des IDZ. Übergreifende Maßnahmen zur Verbesserung der Parodontalgesundheit in der Bevölkerung seien notwendig, so das Fazit der Wissenschaftler. Zudem sei von einer Unterversorgung in diesem Bereich auszugehen. Hier müssten entsprechende Schritte eingeleitet werden.

Auch die Prognosen der Zahnärztezahl und des Bedarfs an zahnärztlichen Leistungen bis zum Jahr 2030 standen mit auf der Agenda. Insgesamt werde nach Ansicht der Wissenschaftler die Anzahl der Zahnärzte abnehmen, bei gleichzeitiger Abnahme der Bevölkerung. Die Anzahl der Einwohner pro behandelnd tätigem Zahnarzt werde sich deshalb kaum ändern. Der Bedarf an zahnärztlichen Leistungen nehme aufgrund einer verbesserten Mundgesundheit zwar ab, jedoch sei in der Parodontologie mit einer Zunahme zu rechnen.

Zu den weiteren Themen der ersten Sektion gehörten Aspekte der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität bei implantatgetragenem Zahnersatz, bei an Demenz Erkrankten und bei Kindern und Jugendlichen.

Patientenzufriedenheit

Der zweite Teil fand unter Vorsitz von Dr. Wolfgang Micheelis, Wissenschaftlicher Leiter des IDZ, statt. Hier ging es unter anderem um eine Befragung zur Patientenzufriedenheit mit der zahnärztlichen Versorgung, gemeinsam durchgeführt von der Universität Kiel, dem AQUA-Institut Göttingen, der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe und der Universität Heidelberg. Die Untersuchung stärkte die Position, dass die Kommunikation mit dem Zahnarzt aus Patientensicht eine wichtige Rolle spielt und dass hier noch große Verbesserungspotenziale liegen. Bei der Bewertung von Patientenbefragungen sollte man zudem auch die jeweilige Situation einer Praxis berücksichtigen.

Eine weitere vorgetragene These lautete: Die Polarisierung der Karies könne als Anzeichen für eine positive Entwicklung in der Gruppenprophylaxe gesehen werden. Dies vertrat der MDK Essen. Um den Mundgesundheitszustand sozial Benachteiligter zu verbessern, sollten nicht nur Risikostrategien auf die Agenda gesetzt werden. Vielmehr sollte der bisherige Mix aus genereller und zielgerichteter Bevölkerungsstrategie beibehalten werden.

Weitere Themen standen zur Diskussion, darunter Aspekte der Entscheidungsfindung bei der oralen Rehabilitation, die Wachstumsdynamik von zahnärztlichen Existenzgründungen in Abhängigkeit von der Praxisform, die Beurteilung von Erfolgen bei Parodontaltherapien und die zahnärztliche Versorgung von Pflegeheimen. pr

■ Mehr zum Kongress unter www.dkvf2009.de/media/Hauptprogramm_mit_Abstractband.pdf

INFO

BZÄK und Versorgungsforschung

Die BZÄK setzt sich schon seit Jahren für die Stärkung der Versorgungsforschung – als ein wichtiger Baustein des Berufsstandes zur Weiterentwicklung und Gestaltung des Gesundheitswesens – ein. Dies kommt zum Beispiel auch in den Arbeitsschwerpunkten 2009 zum Ausdruck.

INFO

Fachgruppe Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Gegründet

Gemeinsam mit über zwanzig Repräsentanten aus der zahnmedizinischen Wissenschaft und Forschung, darunter der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Dr. Wolfgang Bengel, hat sich am 1. Oktober 2009 die Fachgruppe „Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ des Deutschen Netzwerks für Versorgungsforschung e.V. (DNVF) konstituiert. Zum Sprecher der neuen Fachgruppe wurde Prof. Dr. Christof Dörfer (Universität Kiel) gewählt.

Wie der Geschäftsführer des DNVF, Prof. Dr. Edmund Neugebauer, der vom DNVF-Vorstand als Pate für die Fachgruppe benannt worden war, erläuterte, sei es Ziel des 2005 mit 20 Fachgesellschaften gegründeten Netzwerks, die an der Versorgungsforschung im Gesundheitswesen beteiligten Wissenschaftler zu vernetzen, Wissenschaft und Versorgungspraxis zusammenzuführen sowie die Versorgungsforschung insgesamt zu fördern. Prof. Neugebauer empfahl der neuen Fachgruppe die Mitarbeit an der Arbeitsgruppe „Patienteninformation“.

Treffen der Fachgruppe sollen jeweils zum Kongress für Versorgungsforschung stattfinden, darüber hinaus wird halbjährlich ein Mitgliederbrief versandt. Die Gründung der Fachgruppe geht auf die ursprüngliche Initiative des DGZMK-Präsidenten Prof. Dr. Thomas Hoffmann (Universität Dresden) zurück, die in Zusammenarbeit mit dem IDZ vorangetrieben wurde. „Damit schließen wir eine weitere Lücke für die Schaffung einer wissenschaftlich evidenzbasierten ZMK in Deutschland“, so Hoffmann.

Für die weitere Arbeit hat die Geschäftsstelle der DGZMK personell aufgerüstet. Dr. Ursula Schütte und Dr. Anke Weber unterstützen das DGZMK-Team vor allem bei der Organisation der neuen Fachgruppe und der Leitlinienarbeit.

pr/pm



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