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16.10.11 / 00:07
Heft 20/2011 Politik
Zehn Jahre DMP

Ohne Evaluierung

Ursprünglich kommt das Konzept der Disease-Management-Programme (DMP) aus den USA. In Deutschland wurde der gesetzliche Rahmen für die Einführung der systematischen Behandlungsprogramme für chronisch Kranke der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Jahr 2001 geschaffen. Nach zehn Jahren war es für die beteiligten Akteure Zeit, in Form einer Tagung in Berlin Bilanz zu ziehen. Fazit: Für eine Bewertung der Qualität fehlt es derzeit vor allem an validen Daten.




„Die DMP haben sich bewährt“, lautete das zu erwartende Fazit von Dr. Josephine Tautz (Foto oben), zuständige Referatsleiterin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Insgesamt nehmen laut Tautz mittlerweile 5,8 Millionen Versicherte freiwillig an den Programmen teil, die für sechs Krankheiten entwickelt worden sind: Diabetis mellitus Typ 2 und Typ 1, koronare Herzkrankheit, Asthma bronchiale, chronisch obstruktive Lungenerkrankung und Brustkrebs.

Nach dem seit 2009 vorgenommenen Abbau der finanziellen Anreizwirkung über den Risikostrukturausgleich (RSA) soll durch das Versorgungsstrukturgesetz zukünftig der administrative Regelungsaufwand weiter zurückgeführt werden, so Tautz. Konkret sollen Inhalte und Ausgestaltung der DMP (einschließlich einer Evaluierung) dann nicht mehr über BMG-Rechtsverordnungen, sondern über die G-BA Richtlinien erfolgen.

Dass es bei den DMP rückblickend Grenzen in der Datenerhebung gab und immer noch gibt, räumte Dr. Maximilian Gaßner, Präsident des Bundesversicherungsamtes (BVA) ein. „Die Möglichkeit zur Durchführung klinischer Studien ist nicht gegeben“, konstatierte er. Es würde aber ein Benchmark-Ansatz (vergleichende Evaluation) verfolgt, um Entwicklungen weiter anzutreiben. Hier gebe es eine stetige Zusammenarbeit mit Kassenvertretern.

Zum Thema Brustkrebs erklärte er: „Experten stellen in Frage, ob Brustkrebs überhaupt die DMP-Kriterien erfüllt.“ Schließlich zähle dieser nur bedingt zu den chronischen Krankheiten. Vielmehr sei es politisch gewünscht gewesen, ihn in die Programme aufzunehmen, so Gaßner. Andererseits würde diese Entscheidung neue Impulse für eine ganzheitliche Behandlung schaffen. So erhalte psychische und psychosoziale Betreuung einen höheren Stellenwert. Mit Blick auf das Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) sagte der BVA-Chef: „Die Verbesserungsmöglichkeiten in der Ausgestaltung und Durchführung von DMP müssen umgesetzt werden.“

Prof. Gerd Glaeske (Foto oben), Co-Leiter der Abteilung für Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung an der Uni Bremen zeigte große Skepsis hinsichtlich der wissenschaftlichen Auswertung: „Es gibt einen deutlichen Kontrast zwischen der Quantität der Durchführung und der Qualität der Evaluierung.“ Hier sei man auf der Suche nach einer Evaluationskultur. Glaeske warb dafür, sich von Ärzte-Zentralität zu entfernen. Vielmehr müßten „andere Gesundheitsberufe ins Boot geholt werden.“

Das Phänomen der „Insulinisierung“ beschrieb Prof. Bertram Häussler, Geschäftsführer des Berliner IGES-Instituts. Von 1997 bis 2009 sei die Zahl der Diabetiker in der GKV um 33 Prozent gestiegen, der Insulinverbrauch aber um 130 Prozent. „Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Anstieg mit der DMP-Einführung zusammenhängt“, vermutete Häussler. Eine Diabetesbehandlung führe umso häufiger zu Todesfällen, je straffer die Blutzuckersenkung durchgeführt werde. Zukünftig sollten bei so großen Patientengruppen die Anreizwirkungen von solchen Programmen bedacht werden.
 



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