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16.02.03 / 00:13
Heft 04/2003 Gesellschaft
Blick in eine historische Privatkollektion

Pelikane sind heute edle Sammlerstücke

Der Pelikan gehört zu den ältesten zahnärztlichen Extraktionsinstrumenten. Es wird allgemein angenommen, dass er seinen Namen wegen der Ähnlichkeit der Klaue mit dem Schnabel des Vogels gleichen Namens erhalten hat, obwohl er in unterschiedlichen Formen erschienen ist. Ein Privatsammler aus Biedenkopf-Wallau gewährt einen Blick in seine Vitrinen – und in die damalige fast brutale Technik des Zahnziehens.




Der Pelikan wurde benutzt, um einen Zahn seitwärts mit großer Kraftanstrengung zu entfernen. Die Klaue umfasste die klinische Krone, und das Widerlager wurde gegen den Alveolarknochen gepresst. Zu seiner sinnvollen Anwendung benötigte man zwei feste und gesunde Stützzähne, welche nicht weiter als zwei Zähne von dem zu entfernenden Zahn entfernt sein sollten. Zudem sollte der zu extrahierende Zahn nicht zu weit gegen die Zunge gerichtet sein, weil er sonst gegen seine Richtung gezogen, und entweder der Zahn oder ein bedeutenderes Stück des Alveolus brechen würde.

Viel Schaden angerichtet

„Ausrenken“ war der damals übliche Begriff, und er beschreibt wohl auch die durchgeführte Prozedur sehr treffend. Wenn der zu entfernende Zahn fester im Kieferknochen verankert war als die Stützzähne, braucht es nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, welche Zähne in diesem Fall entfernt wurden. Zweifellos wurde mit dem Pelikan sehr viel Schaden angerichtet.

Der Berliner Hofzahnarzt Johann Jacob Joseph Serre hatte keine allzu hohe Meinung vom Pelikan: „Den Pelikan hingegen regiert die ganze Stärke der Faust und des Arms, welches die bloße Klemmung der Hand weit übertrifft. Kurz, es ist ein sehr ungeschicktes Instrument. Der Verfasser zeigt auch gar nicht die Art des Gebrauchs desselben; und fehlen vollends die benachbarten Zähne, so ist das ganze Instrument vergebens, weil es ohne Stützpunkt ist. Bei Wundärzten, die es nicht besser verstehen, ist dieses Instrument übrigens ziemlich in Ansehen“ [Praktische Darstellung aller Operationen der Zahnarzneikunst, Berlin 1804]. 

Auch Benjamin Bell bildete in „System of Surgery“ zwei Pelikane ab, hielt aber von deren Anwendung nicht viel, weil er keinen Vorteil zum Zahnschlüssel sah. Justus Christian Loderer, der Goethe in Anatomie unterrichtet hatte, probierte alle seine Instrumente an Leichen aus und hatte ebenfalls keine gute Meinung vom Pelikan.

Pragmatisch gedacht

Auch der „Vater der Zahnheilkunde“ Pierre Fauchard [1678-1761] dachte vor allen Dingen pragmatisch: „Es gibt da gewisse Messerschmiede, die sich in das Zähneziehen einmischen. Die von ihnen hergestellten Instrumente scheinen die Begierde auszulösen, sie auch auszuprobieren. Um den Patienten nicht zu erschrecken, soll man sehr darauf achten, dass das Instrument verborgen bleibt“. Er wusste wohl, wovon er sprach, denn seine illustrierten Pelikane waren grober und klobiger konstruiert als ältere Exemplare, „nämlich in einer Art und Weise hergestellt, wie noch niemals zuvor“. Aber die Vielzahl der verschiedenen Erscheinungsformen belegt, dass der Pelikan bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Extraktionsinstrument war.

Es ist nicht bekannt, wann sich der Begriff „Pelikan“ zum ersten Mal manifestiert hat. John Woodall erwähnte in „The Surgion’s Mate„ [1617] bezüglich Zahnextraktionen etwas über einen „Pullican“. Der Ursprung aus dem englischen „to pull“ wäre also auch denkbar. Charles Allen bezeichnete das Instrument als „Polican“ [The Operator of the Teeth, 1686]. Den ersten Hinweis auf den Pelikan findet man wahrscheinlich bei Guy de Chauliac (1363). Die erste Zeichnung eines Pelikans erscheint in der venezianischen Ausgabe von Arcoli [1460], später in Ryff`s „Major Surgery“ [1545].

Der Autor unterteilt Pelikane in vier Hauptgruppen:

• Pelikane mit einem Schaft und Widerlager,

• Pelikane mit zwei Schäften und Widerlagern (bei beiden können sowohl eine oder zwei Klauen vorhanden sein),

• Pelikane mit Endlosschraube,

• Überwürfe.

Daneben wurden auch speziell geformte Pelikane und Übergangsinstrumente entwickelt.

Frühe Exemplare haben einen geraden Schaft mit einer Klaue. Sie waren aus Eisen hergestellt, und die innere Oberfläche des Widerlagers war tief eingekerbt. Dieses war mit Leder, Leinen oder Stoff umwickelt, um den Druck auf das Zahnfleisch abzumildern. Später wurden zwei Klauen von unterschiedlicher Länge eingeführt, um auf verschiedene Zähne unterschiedlichen Umfangs zu passen.  

Es dauerte fast 100 Jahre, bis bei Scultetus [1627] und Ferrara [1653] wieder ähnlich geformte Pelikane, diesmal etwas mehr ornamental, illustriert wurden. Diese allgemeine Erscheinungsform des Pelikans wurde vom 16. bis zum 19. Jahrhundert hergestellt. Der Hauptunterschied bestand in der Gestaltung des Schaftes. Im 18. Jahrhundert wurden die Instrumente mehr und mehr kunstvoll verziert. Elfenbein, Silber, Gold und verschiedene Hölzer wurden verwendet, aber auch die einfachen Formen kamen nicht aus der Mode. 

Eine entscheidende Neuerung wurde von Lorenz Heister [1719] initiiert. Die Kralle war an einer verstellbaren Schraube angebracht, die am Griff betätigt wurde. Es konnten drei unterschiedliche Krallen befestigt werden, welche alle in einem unterschiedlichen Winkel zum Schaft standen. Auch bei diesem Typ gab es zahlreiche Variationen. 

Einen Höhepunkt in der Entwicklung der Pelikane stellt die Veröffentlichung von „Recuceil des Planches du Dictionnaire de Chirurgie“ [1799] dar. Unterschiedlichste Krallen, die an der Endlosschraube befestigt wurden, sowie verschiedene Widerlager ermöglichten ein noch variableres Zusammenspiel zwischen Kralle und Widerlager. Zwischen den Überwürfen und den anderen Pelikanen bestehen zwei wesentliche Unterschiede : Der Überwurf hat ein weniger breites Widerlager und stützte sich während des Gebrauchs nicht an den Nachbarzähnen ab.

Das Instrument mit einem entsprechend zur Kralle nach vorn gekrümmten Widerlager wurde als tire-toir oder tirtoir bekannt.

Starke Hebelwirkung

Von allen Extraktioninstrumenten hat der Überwurf die stärkste Hebelwirkung. In den Händen eines ungeübten Behandlers konnte er einen enormen Schaden anrichten. Dies war auch der Grund, dass die Einschätzungen über den Nutzen dieses Instruments bei den Behandlern des 18. und 19. Jahrhunderts weit auseinander ging. Um das Risiko einer Verletzung zu vermindern, galt jedoch allgemein die Forderung, den Überwurf nicht bei Molaren zu verwenden. Hier galt der Englische Schlüssel als Instrument der Wahl. Mit diesem konnte zwar der Zahn brechen, doch dies war immer noch weniger dramatisch als ein Kieferbruch, wie es beim Überwurf leicht passieren konnte.  

Aber jeder Behandler der damaligen Zeit hatte seine eigenen Methoden und Vorlieben, wobei vor allen Dingen die eigenen Entwicklungen als gut und nützlich dargestellt, die der anderen jedoch meistens als „entbehrlich“ beurteilt wurden. Nessel berichtet: „Einmal befand ich mich in einer Landstadt und wurde ersucht, einen Zahn auszuziehen. Weil ich kein Instrument bei mir hatte, so schickte ich zum dortigen Chirurgen und erhielt wahrscheinlich sein Lieblingsinstrument, den Ueberwurf, der Art verrostet, dass ich den Rost mit dem Messer abschaben, das Instrument auseinanderlegen, die Schraube mit Oel bestreichen musste, um den Haken verlängern zu können. Nach den Blutflecken, die am Ueberwurf sichtbar waren, zu urteilen, hatte der Chirurg damit operiert; er fand es aber nicht nötig, den Haken zu verlängern oder zu verkürzen, noch viel weniger zu reinigen. Ich erwähne es bloß deswegen, damit man sich einer besonderen Reinigung der Zahninstrumente befleissigt“. 

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verlor der Pelikan zunehmend an Bedeutung; die letzten Exemplare wurden um 1860 hergestellt. Heute stellt der Pelikan für den Liebhaber ein seltenes und teures Sammlerstück dar.

Dr. Wolfgang Busch
Bahnhofstr. 20 a
35216 Biedenkopf-Wallau

• Der Autor und Sammler ist Mitglied im Arbeitskreis Geschichte der Zahnheilkunde. Mehr zu seiner Sammlung unter www.zene-artzney.de

INFO

Arbeitskreis Geschichte der Zahnheilkunde

Der Arbeitskreis ist ein freiwilliger Zusammenschluss von interessierten und engagierten Zahnärzten und Wissenschaftlern, die sich mit der Geschichte der Zahnheilkunde beschäftigen. Weitere Interessenten sind willkommen.

• Das nächste Treffen findet statt am 22./23. März 2003 im Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt.

Kontakte:
Dr. Wibke Knöner
An den Maschwiesen 1
30519 Hannover
Tel. und Fax: 0511/8608696
E-Mail: wknoener@web.de

Sigrid Kuntz
Jülicher Str. 8
50674 Köln,
Tel: 0221/2401416
E-Mail: sigridkuntz@aol.com

 



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