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16.09.09 / 00:14
Heft 18/2009 Gesellschaft
Premierminister Gordon Brown

Per Twitter für den NHS

Für den britischen Premierminister Gordon Brown war die Sache wichtig genug, um dafür eigens seinen Sommerurlaub zu unterbrechen: Nachdem kürzlich einflussreiche Politiker in den USA im Rahmen der Gesundheitsreformdebatte öffentlich den staatlichen National Health Service (NHS) beschimpften und ihn als „durchweg böse“ und „sozialistisch“ verunglimpften, schaltete er sich persönlich in die Debatte ein – um das System zu verteidigen.




Der britische Regierungschef nutzte den Internet-Service Twitter, um die staatliche Gesundheitsfürsorge im Königreich gegen die amerikanischen Kritiker zu verteidigen. Seitdem wird auch in Großbritannien öffentlich über die Vor- und Nachteile einer staatlichen Gesundheitsversorgung debattiert, die sich überwiegend aus allgemeinen Steuermitteln finanziert und die die freie Zahnarztwahl mehr oder weniger ausschließt.

Mit einer Mischung aus Ärger und Überraschung registrierten die Briten, als ihr Gesundheitswesen in die Debatte über die Gesundheitsreform in den USA gezogen wurde. Zahlreiche einflussreiche Republikaner, darunter Hoffnungsträgerin Sarah Palin, hatten den NHS öffentlich schlecht geredet. Horrorvisionen von langen Wartelisten, von dreckigen Behandlungszimmern und Operationssälen sowie von einem Heer gesichtsloser Bürokraten, die hinter geschlossenen Türen entscheiden, wer behandelt wird und wer stirbt – all das sorgt auch im Königreich für gesundheitspolitische Schlagzeilen.

Derart scharf und polemisch war die Kritik aus den USA, dass Premierminister Gordon Brown seinen Sommerurlaub unterbrach, um sich persönlich zu Wort zu melden. „Der NHS hat mir in jungen Jahren das Augenlicht gerettet“, twitterte der Regierungschef aus seinem Urlaubsdomizil. Und: „Wir Briten sind sehr stolz auf unseren Gesundheitsdienst. Der NHS rettet Patientenleben und er versorgt alle Patienten – egal ob sie bezahlen können oder nicht. Danke NHS, dass du stets für uns da bist!“

Damit waren die maximal 140 auf „Twitter“ erlaubten Zeichen auch schon verbraucht. Weil freilich damit noch längst nicht alles gesagt war, um den staatlichen Gesundheitsdienst gegen die US-Kritiker in Schutz zu nehmen, meldete sich auch Browns Ehefrau, Sarah, zu Wort: „Wir lieben den NHS mehr als Worte das beschreiben können“, schwärmte Englands First Lady. In der Tat: Inzwischen gibt es auf Twitter und auf anderen Internetsites eine Pro-NHS-Kampagne: „welovetheNHS“.

Höchst ungewöhnlich

Allein die Tatsache, dass sich der Premierminister während des Urlaubs gezielt in eine eher amerikanische Gesundheitsdebatte einschaltet, ist nach Einschätzung gesundheitspolitischer Beobachter in London höchst ungewöhnlich. Brown vermeidet es in der Regel, im täglichen Argumentationsaustausch anderer Länder mitzumischen. „Die Tatsache, dass sogar seine Ehefrau mit debattiert, zeigt, wie wichtig es der britischen Regierung ist, den NHS zu verteidigen“, so die Londoner Tageszeitung „Times“.

Tatsächlich lieben die Briten ihren Gesundheitsdienst. Meinungsumfragen zeigen immer wieder, dass die große Mehrzahl der Bevölkerung für die Beibehaltung des Prinzips staatlicher Gesundheitsfürsorge ist. Lange Wartelisten, keine freie Arztwahl, das Primärarztsystem und hohe Rezeptgebühren können die Engländer offenbar ebenso wenig abschrecken wie ein staatliches Zahnarztsystem, das in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem rudimentären Basissystem verkam. Staatliche zahnärztliche Versorgung ist heute in weiten Landesteilen praktisch nicht mehr existent.

„Zahnarztpatienten bleibt heute oftmals nichts anderes mehr übrig, als sich privat behandeln zu lassen. Das hat mit dem Prinzip des NHS nichts mehr zu tun“, so der Londoner Zahnarzt Dr. Mike Wilson.

Freilich: „Ich bin sehr stolz, dass Großbritannien ein Gesundheitssystem der Weltklasse hat, das Patienten auf der Basis klinischer Notwendigkeiten behandelt und nicht danach fragt, ob ein Patient bezahlen kann“, so der britische Gesundheitsminister Andy Burnham. Er und andere britische Gesundheitspolitiker kritisierten in jüngster Zeit mehr oder weniger offen das US-System, das sozial schwache Patienten eindeutig benachteilige.

Beobachter in London werten die durch amerikanische Republikaner ausgelöste Gesundheitsdebatte als Indiz dafür, dass im bevorstehenden Wahlkampf in Großbritannien keine der großen Parteien ernsthaft dafür stimmen würde, am seit 1948 bestehenden NHS-Prinzip etwas zu ändern. In Großbritannien muss innerhalb der kommenden 18 Monate ein neues Unterhaus gewählt werden. Den genauen Wahltag kann der Premierminister festsetzen. „Es ist klar, dass die Gesundheitspolitik zu einem zentralen Wahlkampfthema werden wird“, so Wilson.

Arndt Striegler
Grove House
32 Vauxhall Grove
GB-London, SW8 1SY



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