zm-online
01.02.03 / 00:15
Heft 03/2003 Gastkommentar

Placebo-Reformen

Das eine moderne Industriegesellschaft wie die deutsche kennzeichnende Gesundheitssystem ist nicht reformierbar. Jedenfalls nicht im Sinne einer rationalen Konzentration der Bemühungen auf die Behebung von Erkrankungen. Allein die Verwendung des Begriffs Gesundheitssystem an Stelle von Krankheitssystem ist ein Indiz dafür, dass sich eine solche Struktur ihre Nachfrage jederzeit selbst schaffen kann. Klaus Heinemann Freier Journalist




In ironisierender Abwandlung der sattsam kritisierten WHO-Definition von Gesundheit könnte man sagen, gesund ist hier zu Lande nur jemand, der nicht ausreichend untersucht worden ist. Krankheit muss demzufolge nachgerade erwirtschaftet werden, um den Akteuren im System eine nachwachsende Klientel in ausreichendem Umfang zuzuführen. Die bis ins Abstruse verfeinerten diagnostischen Möglichkeiten schicken sich an, sich nun auch des Ungeborenen zu bemächtigen, genetisch potenzielle Krankheitsrisiken in späteren Lebensstadien festzustellen und so werdendes Leben zu stigmatisieren. So gesehen, wird jede Befindlichkeitsstörung, jede Zivilisationserkrankung, werden Schwangerschaft und Mutterschaft, Übergewicht und Magersucht gleichermaßen zu Krankheiten, da abweichend von der Norm „Gesundheit“. Und das, obwohl niemand weiß, was Gesundheit eigentlich ist.

Dieses Defizit an definitorischer Klarheit hat Methode. Diese wiederum ist einem System immanent, das sich durch Zwangsbeiträge finanziert und Honorartransparenz durch Sachleistung verhindert. Die Akteure im System – und nicht zuletzt die Politiker – haben ein entwickeltes Interesse daran, den Gesundheitsbegriff möglichst weit zu fassen und möglichst schwammig zu umgrenzen. Das gereicht allen zu Nutzen und Frommen, sei es als Patienten, sei es als gewogene Stimmabgeber. Eine geradezu irrsinnige Selbsttäuschung!

Wenn sich nun eben jene Akteure anschicken, diesem monströsen Moloch Gesundheitswesen eine gewisse Rationalität einzuhauchen, so wird sich dies über kurz oder lang als reine Placebo-Veranstaltung herausstellen. Da es keinen Grundkonsens gibt über das, was das System zu leisten hat in Hinblick auf Krankheitsbewältigung, werden alle aktuellen Aktivitäten in die bekannte Ergebnislosigkeit münden. Das zeigte sich bereits an der politisch eingefädelten Zweigleisigkeit der Vorgehensweise: Die eine Gruppe nimmt sich der Ausgaben-, die andere der Einnahmeseite des Systems an. Herauskommen wird, selbst wenn sich das Kanzleramt gegen die Ministerin und die Betonfraktion Münteferings („Kranksein darf nicht bestraft werden“) durchsetzt und eine Vernetzung erfolgt, ein gemessen an den Notwendigkeiten völlig unbrauchbares Konstrukt.

Ein böser Verdacht schleicht sich ein, genährt durch ein Zitat des der Quellenforschung zutiefst verpflichteten Leopold von Ranke: „Nicht Blindheit ist es, nicht Unwissenheit, was die Menschen und Staaten verdirbt. Nicht lange bleibt ihnen verborgen, wohin die eingeschlagene Bahn sie führen wird. Aber es ist in ihnen ein Trieb, von ihrer Natur begünstigt, von ihrer Gewohnheit verstärkt, dem sie nicht widerstehen, der sie weiter vorwärts reißt, solange sie noch einen Rest von Kraft haben. Die meisten sehen ihren Ruin vor Augen, aber sie gehen hinein.“ So, könnte man mutmaßen, geschieht es auch jetzt.

Anstatt sich einmal in Ruhe zurück zu lehnen und grundsätzlich nachzudenken, verstecken und verschleißen sich die Akteure in Gremien, Sitzungen und Talkshows. Und dann, wenn es ernst wird, beruft man eine Kommission ein. Das, was Hartz für den Arbeitsmarkt empfohlen hat, hätte die Politik unter Assistenz der Ministerialbürokratie längst selbst aushecken können. Doch Politik dort, wo sie parlamentarisch-demokratisch angesiedelt ist, bedarf offensichtlich zunehmend dieses Placebos. Und so wird es auch jetzt mit der Rürup-Kommission geschehen, koste es an Ansehen der Demokratie, was es wolle.

Die Auswirkungen auf junge, idealistische, im demokratischen Geist erzogene Menschen sind verheerend. Man muss nicht unbedingt den Anmerkungen eines Theatermannes folgen, der kürzlich meinte: „Die Leute suchen einen Irrationalismus, nicht, weil sie böse oder blöd sind, sondern weil sie der Rationalismus einfach nicht mehr überzeugt, weil er sich zu Ende gewirtschaftet hat. Sie sind dabei, aus der Demokratie zu fliehen und das mit Recht – weil die Demokratie vollständig zu Ende ist, eine in sich käufliche, vollständig korrupte Gesellschaft.“

Sind wir bereits so weit?

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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