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01.04.02 / 00:11
Heft 07/2002 Politik
48. Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Politischer Abend mit Prävention

Eine traditionsreiche Veranstaltung an einem neuen Standort: Zum ersten Mal fand der Zahnärztetag Westfalen-Lippe in diesem Jahr nicht mehr in Bad Salzufflen statt, sondern in Gütersloh. Die Stadthalle wurde zum Treffpunkt für mehrere hundert Zahnärzte und Zahnmedizinische Fachangestellte aus dem gesamten Bezirk der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und Zahnärztekammer Westfalen-Lippe. Vier Tage lang wurde referiert, fortgebildet und diskutiert.




„Interdisziplinäre Aspekte der Zahnmedizin“ lautete das Tagungsthema, mit dem aufgezeigt werden sollte, wie eng die Zusammenhänge zwischen Allgemeinmedizin und Zahnmedizin ausfallen. Auch wenn Ästhetik in den Praxen zunehmend wichtiger werde, dürfe nicht vergessen werden, dass Zahnärzte vor allem eine große medizinische Verantwortung tragen. Das umfangreiche wissenschaftliche Programm mit Spezialseminaren und Vorträgen stellte deswegen interdisziplinäre Fragestellungen in den Mittelpunkt – etwa „Mundschleimhautveränderungen als Ausdruck allgemeiner Erkrankungen“ oder „Allergologische Aspekte von Materialien in der zahnärztlichen Praxis“.

Der Freitagabend allerdings gehörte einer anderen Disziplin: der „Politik auf westfälische Art“. Gemeinsam mit Vertretern der Bundestagsfraktionen wollten die zahnärztlichen Berufspolitiker diskutieren über den „Stellenwert der präventionsorientierten Zahnmedizin in den Parteiprogrammen vor der Bundestagswahl“. Auch wenn Vertreter der SPD und der Grünen fehlten – es wurde ein spannender zweistündiger Schlagabtausch.

Mit einem Impulsreferat hatte Prof. Dr. Wilfried Wagner, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, in das Thema eingeführt. „Die Zahnmedizin ist die Präventions-Company“, so Wagner. „Es gibt keinen Bereich in der Medizin, der sich so intensiv um Prävention gekümmert hat.“ Und eine weitere Besonderheit sieht Wagner in der Zahnmedizin: „Wir haben in unserem Fach eine Leistungsvielfalt, die nicht vom Wunsch des Patienten bestimmt wird.“ In diesem Zusammenhang betonte Wagner, dass der befundorientierte Festzuschuss aus seiner Sicht ein „Ausweg aus der Leistungsmengen- und Fortschrittsfalle“ sei.

Sachleistung weg, Kostenerstattung her – auf diese knappe Formel ließ sich die Position von Dr. Dieter Thomae, FDP-Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsexperte, bringen. „Kostenerstattung sichert die Freiberuflichkeit mit festen Preisen“, so Thomae. Vertrags- und Wahlleistungen seien der richtige Weg, aber leider habe die Gesundheitsministerin das „nicht begriffen“ und sei „nicht mutig genug“, die nötigen Reformen umzusetzen.

Nach Ansicht von Rudolf Henke, CDULandtagsabgeordneter aus Aachen, ist die Explosion der Beitragssätze in der Gesetzlichen Krankenversicherung vor allem darauf zurückzuführen, dass „das Versprechen der Bundesregierung, die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu senken, nicht erfüllt wurde, sondern wir im Gegenteil weitere Arbeitslose haben“. Klare Worte in seiner Kritik an der Bundesregierung fand auch Dr. Wilfried Beckmann, Vorsitzender des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte: „Wenn sich unsere Politiker darin gefallen, Einzelentscheidungen zu treffen, wie etwa die Aut-idem-Regelung, dann kann ich nur sagen: Armes Deutschland, du tust mir leid.“ Anders als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wüssten die Zahnärzte, was sie wollen, so Beckmann – nun müsse sich allerdings die Opposition zu ihren gesundheitspolitischen Absichten erklären. Ein Punkt, an dem auch Dr. Walter Diekhoff, Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, nachhakte: „Wann ist die FDP bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen, wann wird sie darauf drängen, das Gesundheitsministerium zu besetzen?“, lautete seine provokante Frage aus dem Plenum in Richtung Thomae.

Der wiederum nutzte die Gelegenheit, um seine künftige Vorstellung des deutschen Gesundheitswesens darzulegen. „Ich bin sicher, dass wir in acht bis zehn Jahren ein Prämiensystem haben, wo es nur noch Privatversicherer gibt“, lautete die Vision des Liberaldemokraten. „Die gesetzlichen Krankenversicherungen werden zu privaten Krankenversicherungen.“ Und das bedeute das Ende aller Sachleistungen. Die stellten auch nach Ansicht Beckmanns ein Auslaufmodell dar: „Echte Solidarität bedeutet, dass die Gemeinschaft zahlt, was der Einzelne sich nicht leisten kann. Unsere Solidarität bedeutet im Moment, dass wir allen alles bezahlen – nur wenn’s wirklich ernst wird, zahlen wir nichts.“

Eine spannende Diskussion also, auch wenn nicht das komplette politische Spektrum auf der Bühne der Stadthalle Gütersloh vertreten war. „Diejenigen, mit denen ich mich reiben möchte, sind leider nicht da“, stellte der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe, Dr. Dietmar Gorski, mit einem Blick auf das Podium fest. Für Moderator Armin Halle war das allerdings ganz leicht zu erklären: „Dass die SPD-Abgeordneten nicht hier sind, hat einen einfachen Grund: Die zählen gerade Spendenquittungen.“



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