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16.11.15 / 00:01
Heft 22/2015 Gastkommentar

Politischer Paradigmenwechsel?

Um den Vormarsch multiresistenter Keime zu stoppen und leistungsfähige neue Substanzen zu entwickeln, will die Politik die Pharmaindustrie direkt fördern.




Das ist ein Paradigmenwechsel, meint Maike Visarius, M.A., gesundheitspolitische Fachjournalistin. Auf dem G7-Gipfel in Elmau im Juni 2015 stand zum ersten Mal ein gesundheitspolitisches Thema oben auf der Agenda – die Bekämpfung von multiresistenten Keimen. Dieser Fakt allein bedeutet wenig, oft verschwinden derartige Themen schnell im Orkus des Vergessens, wenn nicht zumindest eine Regierung sie weiter forciert.

Genau dies scheint die deutsche Regierung, sprich Hermann Gröhe, zu einer ihrer vorrangigen Aufgaben gemacht zu haben. Die Zahl der Toten durch antimikrobielle Resistenzen (AMR) wird weltweit jährlich auf 700.000 bis 900.000 je nach Erhebung geschätzt, die finanziellen Folgen der OECD-Länder 2050 auf beinahe drei Billionen Dollar. Breiten sich AMR unbekämpft weiter aus, finde man sich irgendwann im Vor-Penicillin-Zeitalter wieder, wie Gröhe es ausdrückte.

Die G7-Gesundheitsminister haben sich auf ihrer Tagung Anfang Oktober auf einen Maßnahmenkatalog geeinigt, der u. a. vor sieht, dass Antibiotika nur zu therapeutischen Zwecken nach individueller Diagnostik verordnet werden dürfen, analog soll in der Veterinärmedizin verfahren werden. Länder mit wenig elaborierten Gesundheitswesen sollen unterstützt, ein globales Expertennetzwerk soll aufgebaut, Zulassungsverfahren und -bedingungen sollen harmonisiert und der Pharmabereich soll vorangetrieben werden, damit neue Diagnostika und Antibiotika schnell auf den Markt kommen können. Und dazu sollen wirtschaftliche Anreize gesetzt werden.

Dies alles sind sicherlich zielführende Maßnahmen, aber einiges lässt doch aufhorchen. Was bedeutet wohl „Zulassungsverfahren und -bedingungen harmonisieren“, was „Anreize setzen“? Mit einigen Millionen wird das Landwirtschaftsministerium die Umstellung in der Landwirtschaft fördern, von 200 Millionen ist die Rede, die Entwicklungspartnerschaft soll 50 Millionen kosten, die Mitgliedsbeiträge der WHO sollen um 5 Prozent erhöht werden. Es folgt noch ein Programm hier und ein Programm dort, auch für Taskforces zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Im Mittelpunkt stehen aber die AMR – und die Millionen summieren sich schnell zu einem erklecklichen Betrag.

Die größten Summen allerdings dürften direkt in die Pharmaforschung fließen. Im Zentrum dieses Geschehens steht der Pharmadialog und dessen Arbeitsgruppe Antibiotikaresistenzen. Der Pharmadialog findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Schriftliches unterliegt der Vertraulichkeit, so ist man auf öffentliche Äußerungen der Akteure angewiesen, um ein wenig Licht im Dunkel der Vorhaben zu finden. Fasst man diese zusammen, ergibt sich ein plausibles Bild. Die Pharmaindustrie soll Antibiotika wirkgleiche Substanzen entwickeln, die möglichst selten eingesetzt werden sollen, damit sich nicht neue Resistenzen entwickeln.

Politisch wird von einer fairen Refinanzierung der Forschungsinvestitionen gesprochen, damit ein Anreiz für die Pharmaindustrie besteht, derartige Medikamente zu entwickeln. Als Problemlösung wird eine Public Private Partnership angesehen. Das befürwortet auch die Industrie, denn wie Stefan Oschmann, Präsident des Weltpharmaverbands IFPMA es formulierte, sei dies notwendig, schließlich würden die Hersteller von Blitzableitern auch nicht nach Blitzeinschlägen bezahlt.

Diese PPP dürfte zunächst einmal eine Förderung in einer hohen dreistelligen Millionenhöhe, einen Zugriff auf universitäre Forschungseinrichtungen und solche zur Studienerstellung beinhalten, eventuell eine Verlängerung der Patentlaufzeiten, vereinfachte Zulassungsverfahren und gewiss noch einiges mehr.

Hat die Politik bisher wie für Orphan Drugs auf Mischkalkulationen gesetzt, folgt sie nun der Argumentation der Pharmaindustrie, fördert finanziell mit vielfältigen Erleichterungen in PPPs. Dies kann man als Paradigmenwechsel in der Politik werten.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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