HANNA HERGT / SONJA SCHULTZ
01.01.16 / 00:01
Heft 01/2016 Titel
Kai Vogel - Verbraucherzentrale Bundesverband

"Portale sind Marketing-Instrumente für Zahnärzte"



privat

Welche Rolle spielen Auktionsportale in der zahnärztlichen Versorgung?
Kai Vogel:
Für viele Patienten ist der hohe Eigenanteil beim Zahnersatz eine große Belastung – Zahnärzten ist dies meist auch bewusst. Es gibt zwar Härtefallregelungen, aber nur für die Regelversorgung. Viele Patienten müssen nach Möglichkeiten suchen, die Kosten zu reduzieren. Auktionsportale haben sich aufgrund der Rahmenbedingungen entwickelt, um eine Alternative bieten zu können. Viele Patienten haben einen Zahnarzt, dem sie vertrauen, aber die Kostenfrage stellt sich letztlich immer. Die Entwicklung der Portale ist in den vergangenen Jahren fortlaufend – sie sind etabliert, aber noch längst nicht allen bekannt. Es sind immer noch vergleichsweise wenige Patienten, die auf die Portale zugreifen. Ein Zahnarzt wird auch selten auf diese hinweisen, wenn er nicht selbst teilnimmt. Krankenkassen machen vereinzelt darauf aufmerksam, aber werben auch nicht im großen Stil dafür. Hinzu kommt sicherlich, dass viele Patienten nicht besonders gerne zum Zahnarzt gehen. Wenn sie bei einem Zahnarzt waren, der einen bestimmten Behandlungsbedarf festgestellt hat, lassen sie sich oftmals auch relativ schnell dort behandeln. Schon der Besuch bei einem Zweitzahnarzt ist nicht die Regel, weil dieser mit erneutem Aufwand verbunden ist. Ein Portal ist ein Sonderfall, da sich der Patient dort zunächst nicht persönlich vorstellt. Es ist aber grundsätzlich so, dass vielen Patienten das Thema Zweitmeinung noch nicht ins Bewusstsein gerückt ist.

Langfristig kann sich ein zunächst günstigeres Angebot aber auch als teurer erweisen, wenn etwa später Komplikationen auftreten oder der Patient mit der nächsten Behandlung bei dem neuen Zahnarzt nicht zufrieden ist …
Portale sind ein Ansatz, das Angebot des eigenen Zahnarztes einzuordnen. Der Patient muss sich zu nichts verpflichten. Entschieden wird am Ende auf dem Zahnarztstuhl. Auch im Rahmen einer Auktion muss der Patient den neuen Zahnarzt aufsuchen und die tatsächliche Situation bewerten: Fühle ich mich hier wohl? Ist die Praxis in meinem Sinne? Wie sieht die Beratung aus? Hinzu kommen Aspekte wie die Entfernung zu dem neuen Zahnarzt. So ist es nicht sinnvoll, von Berlin nach München zu fahren, denn bei einer Zahnersatzbehandlung sind in der Regel mehrere Sitzungen erforderlich. Eine schwierige Situation stellt sich auch dar, wenn der Patient nach der Behandlung bei dem Zahnarzt vom Portal zurück zu seinem Hauszahnarzt kehrt. Viele Portale haben auch die Möglichkeit, den Zahnarzt zu bewerten. Das ist kein objektives Qualitätsurteil über den Zahnersatz, der erstellt wurde, aber zumindest ein erster Anhaltspunkt. Das Vertrauensverhältnis ist ohne Zweifel sehr bedeutsam, aber ein neuer Zahnarzt muss nicht zwingend im buchstäblichen Sinne nur die zweite Wahl sein. Bei den mir bekannten Portalen handelt es sich immer um niedergelassene deutsche Zahnärzte, die in der Regel jünger sind, noch keinen so großen Patientenstamm haben und neue Patienten gewinnen möchten.

Der Gesetzgeber erwartet insbesondere bei Zahnersatz eine große Eigenverantwortung des Patienten. Ist es Ihrer Meinung nach gerechtfertigt, dass Zahnerkrankungen anders bewertet werden als etwa Herzleiden?
Das war eine politische Entscheidung, ebenso wie jene, die Brillen aus dem Leistungskatalog herauszunehmen. Die Belastungen für die Versicherten sind hoch, daher sehe ich dies durchaus kritisch. Hier stellt sich das Problem der unterschiedlichen Versorgungsarten. Jeder kann sicherlich viel selbst tun, um seine Zähne gesund zu halten, aber nicht immer reichen gute Pflege und Prophylaxe aus. Deswegen existieren die Portale und Optionen, Zahnersatz im Ausland anfertigen zu lassen, um Preise zu senken. Aber selbst wenn der Patient zu dem Zahnarzt mit dem günstigsten Angebot geht, muss er im Rahmen der Regelversorgung häufig noch mehr als die Hälfte selbst tragen.

Machen diese gesetzlichen Regelungen Zahnärzte nicht auch ein Stück weit zu Geschäftsleuten – was in Anbetracht eines sensiblen Gutes wie der gesundheitlichen Versorgung schwierig ist?
Dieses kaufmännische Agieren kann bei manch einem Zahnarzt auch etwas zu weit gehen. Grundsätzlich muss ein Zahnarzt auch mit Ausfällen rechnen, wenn Patienten die hohen Kosten nicht tragen können. Das ist für den Zahnarzt nicht unproblematisch. Allerdings haben Zahnärzte auch die Möglichkeit, unterschiedliche Behandlungen anzubieten. Wenn ein Zahnarzt beispielsweise immer das Implantat vorschlägt, ist das auch nicht im Sinne des Patienten.

Die Wertungen, die abgegeben wurden, sind im Durchschnitt sehr positiv. Wie valide ist das System?
Wir können dies nicht nachprüfen, aber Beschwerden aus dem Umfeld der Verbraucherzentralen sind uns nicht bekannt. Prüfungen von Stiftung Warentest haben zudem ergeben, dass zumindest die Kosten nicht stark abgewichen sind. Insgesamt würde ich davon ausgehen, dass sich ein Zahnarzt von der Plattform in der Regel Mühe geben wird. Denn er hat auch ein Interesse daran, dass die Patienten zufrieden sind, gute Bewertungen abgeben und wiederkommen. Portale sind eben auch Marketing-Instrumente für Zahnärzte, die noch Patienten akquirieren wollen. Kein Zahnarzt wird ohne Grund an Auktionen teilnehmen, zumal er vielleicht auch von einigen Kollegen kritisch beäugt wird.



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