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16.04.12 / 12:20
Heft 08/2012 Zahnmedizin
Evidenzbasiertes Präventionskonzept für Erwachsene

Prävention beim adulten Patienten

Während die junge Generation präventiv und zahnerhaltend betreut wird, geschieht dies bei Erwachsenen nur im Ausnahmefall. Hier dominiert weitgehend ein invasives, operatives Behandlungskonzept, das im Laufe des Lebens zu relativ hohen durchschnittlichen Zahnverlusten führt. Dieses Konzept ist überholt, fördert den Erhalt der Zähne nur bedingt und widerspricht modernen Erkenntnissen der Forschung sowie einer „lege artis“-Behandlung, die jeder Patient erwarten darf.




Das hier vorgestellte Modell berücksichtigt den aktuellen Forschungsstand in der Zahnheilkunde und baut auf international erprobten, evidenzbasierten Verfahren auf. Es beschreibt eine präventive und nicht-invasive Kariestherapie für Erwachsene, die direkt in die Zahnarztpraxis umzusetzen ist. Beherrschende Prinzipien bei der Umsetzung dieses Konzepts sind: der maximale Erhalt gesunder Zahnstrukturen, Patientenbetreuung abhängig von der Einschätzung des individuellen Kariesrisikos und des Status der Läsion sowie die laufende Kontrolle des Kariesgeschehens. Die Betreuung der Patienten erfolgt nach einem festgelegten Ablaufmuster, das je nach persönlichem Risiko variiert. Ein derartiges Präventionskonzept für Erwachsene sollte zu verringerten Kariesinzidenzen und zu weniger Zahnverlusten führen. Gleichzeitig würde sich die parodontale Gesundheit in Deutschland verbessern.

Zähne halten ein Leben lang, sofern sie nicht durch orale Erkrankungen oder durch zahnmedizinische Interventionen geschädigt werden. Ihre Lebensdauer hängt vom Ausmaß der Kariesaktivität, vom parodontalen, vom Pulpa- sowie vom periapikalen Status und vom Ausmaß der Rekonstruktionen ab. Grundsätzlich haben Zähne, die von einem gesunden Parodontium umgeben sind, in 99,5 Prozent der Fälle eine Lebensdauer von über 50 Jahren. Wenn sie parodontal geschädigt sind, aber behandelt und regelmäßig überwacht werden, ist die Überlebensrate in circa 92 Prozent der Fälle immer noch sehr hoch. Ähnliches gilt für endodontisch behandelte Zähne [Holm- Pedersen et al., 2007]. Solange die zahnmedizinische Wissenschaft nicht über das nötige Wissen zur ursächlichen Therapie von Zahnerkrankungen verfügte, blieb dem Zahnarzt nur die Behandlung der Krankheitssymptome, die in der Regel im Füllen von vorhandenen Kavitäten bestand, also in einer Art Reparatur. Seit jedoch die Ursachen der beiden wichtigsten oralen Erkrankungen – Karies und Parodontitis – weitestgehend erforscht sind, sollte es bei regelmäßiger präventiver zahnmedizinischer Betreuung grundsätzlich möglich sein, ein Leben lang die eigenen Zähne zu behalten.

Das im Folgenden dargestellte Behandlungskonzept folgt diesen Grundüberlegungen. Obwohl die Zahngesundheit der deutschen Bevölkerung in den letzten 30 Jahren große Fortschritte gemacht hat und seit 1997 auch die Initial- oder Schmelzkaries deutlich zurückgeht [Bauer et al., 2009], offenbart ein Mundgesundheitsvergleich zwischen China und Deutschland, dass ein präventiver und minimalinvasiver Betreuungsansatz für Erwachsene in Deutschland noch die Ausnahme ist und deshalb nicht davon ausgegangen werden kann, dass die in Deutschland praktizierte Zahnheilkunde für Erwachsene grundsätzlich den Erhalt der eigenen Zähne fördert [Saekel, 2010a; Saekel, 2010b]. Dies verwundert, denn eine präventionsorientierte Betreuung von Kindern und Jugendlichen in der deutschen Zahnarztpraxis ist die Norm. Für die Betreuung Erwachsener gilt dies jedoch nur im Ausnahmefall. Hier dominiert noch weitgehend das vor über einem Jahrhundert konzipierte operative und invasive Behandlungskonzept [Evans et al., 2008], obwohl die Wissenschaft seit Anfang der 70er-Jahre die Grundlagen für eine präventionsorientierte und zahnsubstanzschonende Zahnheilkunde geschaffen hat [Dunning, 1970]. Seine Vorteilhaftigkeit hinsichtlich Kariesinzidenz, Patientenzufriedenheit und Erhalt der eigenen Zähne hat dieses Modell zwischenzeitlich überzeugend unter Beweis gestellt [Axelsson et al., 2004; Evans et al., 2008; Li et al., 2011; Hugoson et al., 2005; Ahacic und Thorslund, 2008; Zitzmann et al., 2008].

Bei den internationalen wissenschaftlichen zahnmedizinischen Gesellschaften besteht Einigkeit, dass die Prävention der Schlüssel zur Mundgesundheit ist [Weltgesundheitsorganisation (WHO), International Association for Dental Research (IADR), World Dental Federation (FDI) und International Federation of Dental Educators and Associations (IFDEA), Clarkson et al., 2010]. Zwar bekennt sich auch die deutsche Zahnärzteschaft „zur Prävention als allumfassende Grundlage zahnmedizinischen Handelns“ und betont, dass „die zahnärztliche Tätigkeit [...] in ihrer Gesamtheit schon von ihrem Ansatz her präventiv ausgerichtet sein“ muss [Oesterreich/Buchholz, 2001]. Allerdings wird dies bei erwachsenen Patienten nur in wenigen Praxen umgesetzt. Die Diskrepanz zwischen der präventiven Behandlung von Kindern und der von Erwachsenen ist keine deutsche Besonderheit, sondern zeigt sich zum Beispiel auch im Praxisalltag der USA [Riley et al., 2010].

Seit wissenschaftlich verstanden wurde, dass Karies eine bakteriell-verursachte Erkrankung ist [Newbrun, 1989], die im wesentlichen durch Mutans Streptokokken und Laktobazillen hervorgerufen wird [Loesche, 1986; Berkowitz, 2003; Featherstone, 2000], erfolgte auch mittels adhäsiver Techniken die Weiterentwicklung des präventiven zum Minimum-Interventions-Ansatz. Seither gilt als aktueller Forschungsstand in der Kariologie, dass demineralisierte Schmelz- oder Dentin-Läsionen ohne Kavitäten remineralisiert, also „geheilt“ werden können. Damit ist der restaurative Ansatz von Black, der mit dem Vorgehen „extension for prevention“ charakterisiert wird und der von einer Irreversibilität des Kariesprozesses ausgeht, hinfällig und entspricht nicht mehr einer „lege artis“-Behandlung [Tyas et al., 2000].

Forschungsergebnisse in die Praxis übertragen

Die erwachsene Bevölkerung in Deutschland besteht einerseits aus Personen, denen in ihrer Jugend keine präventive Betreuung zuteil wurde, die Generation vor 1980, und die daher viele restaurierte Zähne aufweisen, weshalb sie einer lebenslangen Erneuerung der Füllungen (Redentistry) bedürfen, und andererseits den jüngeren Generationen, die von Geburt an prophylaktisch betreut wurden und deshalb nur wenig restaurierte Zähne haben oder sogar kariesfrei sind. Allerdings gibt es in beiden Gruppen Patienten, die ein hohes Kariesrisiko aufweisen. Damit besteht das Ziel eines Präventionskonzepts für die Zahnarztpraxis darin,

• in der jungen Generation eine niedrige Primärkarieserfahrung aufrechtzuerhalten,

• weitere Primär- und Sekundärkariesschäden in der älteren Generation zu vermeiden und

• bei Patienten mit hohem Kariesrisiko durch Prophylaxe das Kariesrisiko zu verringern [Evans et al., 2008].

Um dieses Konzept umzusetzen, ist ein konsequent risikoorientiertes, präventives und minimalinvasives Handeln [Tyas et al., 2000; FDI, 2009] des gesamten zahnärztlichen Praxisteams erforderlich. Die Zeit dafür ist reif [Pitts, 2004]. Das Konzept muss risikoorientiert sein, da viele Menschen keine Kavitäten haben und sich deshalb das Gros der Erkrankungen auf einen relativ kleinen Bevölkerungsanteil konzentriert. Im Jahr 2005 entfielen in Deutschland bei Erwachsenen sämtliche unversorgten Kavitäten auf rund 21 Prozent der Bevölkerung [Bauer et al., 2009]. Aufgrund der risikobedingten Verteilung der Karies hatten 13 Prozent der Untersuchten eine Kavität, fünf Prozent zwei. Die Hauptlast (3 D-T) konzentrierte sich auf drei Prozent [Micheelis und Schiffner, 2006].

Hieraus folgt die klinische Implikation, Erkrankungen frühzeitig zu diagnostizieren und dann grundsätzlich präventiv und nicht-invasiv vorzugehen, um so Demineralisationen durch die Reduzierung der Kariesaktivität oder ihre Arretierung zu remineralisieren [Splieth, 2011, Featherstone et al., 2007]. Erst wenn dies nicht mehr möglich ist, sollte minimalinvasiv vorgegangen werden, wobei der Vitalerhaltung der Pulpa sowie generell dem Zahnerhalt Priorität gegeben werden [Jordan und Markovic, 2007; Ericson et al., 2003]. Die alleinige Füllungstherapie, selbst wenn sie zahnsubstanzschonend erfolgt, würde zwar die Integrität des behandelten Zahnes wiederherstellen, aber nicht die ursächliche bakterielle Infektion beseitigen, mit der Folge eines hohen Risikos für Sekundärkaries [Splieth, 2001]. Dies wurde mehrfach nachgewiesen und in einer randomisierten klinischen Studie belegt [Featherstone und Gansky, 2005].

Zahnmedizin auf internationalem Niveau

Ziel dieses Artikels ist es, über die allgemeine Beschreibung eines derartigen Präventionskonzepts [Splieth, 2011; Splieth, 2001; Reich, 2006; Laurisch, 2010] hinausgehend, aufbauend auf international erfolgreichen Modellen, klare Handlungsanweisungen zu geben und damit einen Beitrag zur beschleunigten „Umsteuerung des zahnmedizinischen Denkens und der Praxisausübung“ [Splieth, 2001] zu leisten. Der präventive Ansatz findet seit den 90er-Jahren breite klinische Anwendung in Skandinavien [Splieth, 2011] und wird seit zehn Jahren in den USA als CAMBRA(Caries Management By Risk Assessment)-Modell von mehr als neun Universitäten gelehrt und in Zahnarztpraxen praktiziert [Featherstone et al., 2007; Young et al., 2011]. In Australien wird das Konzept ebenfalls seit rund zehn Jahren als „Karies-Management-System“ von der Universität Sydney gelehrt und von allgemeinzahnärztlichen Praxen umgesetzt [Klineberg et al., 2002; Evans et al. 2008; Curtis et al., 2011]. Die Beschreibung der Verfahren, die bei der Behandlung existenter Kavitäten nötig sind und die nach dem neuesten Stand – wenn möglich – minimal-invasiv erfolgen sollten [Tyas et al., 2000], steht nicht im Fokus dieser Abhandlung. Eine aktuelle Beschreibung der „lege artis“- Verfahren zur Versorgung akuter Karies mit Kavitätenbildung bieten Fejerskov und Kidd [2008] sowie Reich und Brauchle [2011]. Nach Ansicht der Wissenschaftskommission der FDI [Tyas et al., 2000], umfasst ein Präventions- und Minimum-Interventions-Konzept grundsätzlich mindestens folgende fünf Prinzipien:

• Remineralisation von Frühläsionen

• Reduktion der kariogenen Bakterien, um

• das Risiko weiterer Demineralisierung und Kavitation auszuschließen

• minimalinvasives Vorgehen bei Karies mit Kavitätenbildung

• Reparatur statt Erneuerung defekter Restaurationen

• regelmäßige Verlaufskontrollen zur rechtzeitigen Erkennung von aktiver Karies

Karies-Management-System (KMS)

Der präventive Ansatz [Young et al., 2007] des KMS basiert auf dem von Featherstone entwickelten Karies-Gleichgewichts/Ungleichgewichts-Modell, in dem pathologische Faktoren (Bakterien, mangelhafter Speichelfluss, schlechtes Ernährungsverhalten) mit protektiven Faktoren (genügender Speichelfluss, Versiegelungen, antibakterielle Mittel, Fluoride und wenig kariogene Nahrung) um die Vorherrschaft kämpfen (siehe Grafik 1). Die Balance zwischen den Krankheitsindikatoren, den Risikofaktoren und den schützenden Faktoren entscheidet, ob die dentale Karies fortschreitet, zum Stillstand kommt oder sich zurückbildet.

Kernprinzip im KMS ist die risikoorientierte Herangehensweise, die bereits von Axelsson Ende der 70er-Jahre bei 0- bis 19-Jährigen und seit 1990 bei Erwachsenen eingeführt wurde [Axelsson et al., 1993; Axelsson, 1988]. Wie das Kariesrisiko eines Patienten verlässlich eingeschätzt werden kann und welche bedarfsorientierten Behandlungsschritte sich daraus ergeben, wird im Folgenden anhand von typisierten Handlungsanweisungen dargestellt. Zunächst bedarf das präventiv ausgerichtete KMS zu seiner Umsetzung einer wesentlich verfeinerten klinischen Kariesdiagnostik, die Läsionen nicht – wie bisher – nur auf Kavitations- niveau erfasst, sondern auch Initialläsionen mit erkennt, um dadurch die Möglichkeit der Remineralisierung von Schmelzläsionen zu eröffnen. Ein solcherart verbessertes visuelles Diagnoseinstrumentarium liegt mit dem International Caries Detection and Assessment System (ICDAS II) vor. Dieses System wurde vom Wissenschaftskomitee der FDI um ein Kariesmanagementsystem im obigen Sinne erweitert [Reich, 2011].

FDI-ICDAS II-System zur Kariesklassifikation

Bei der bisher gebräuchlichen Kariesdiagnose mit der Unterscheidung zwischen Karies und gesundem Zahn [WHO, 1977] liegt die diagnostische Schwelle der Erkrankung Karies bei einer fortgeschrittenen Dentinkaries, weshalb damit keine ursachenbezogene Kariesprävention durchgeführt werden kann. Vor etwa acht Jahren be- gannen Kariologen eine histologisch abgesicherte Kariesdiagnose zu entwickeln. Dieses ICDAS-System wird heute in vielen Universitäten gelehrt. In der FDI, die Mitinitiator des Projekts war, wurde das FDI-ICDAS II modifiziert, um eine breite Anwendung in der Epidemiologie, bei wissenschaftlichen Untersuchungen und in der Praxis zu ermöglichen.

Das neue FDI-ICDAS II-Klassifikationssystem hat einen dreistufigen Aufbau (siehe Seite 103). Je nach Anwendung kann man die althergebrachte Karieseinteilung (ja/nein: Niveau 1) oder differenziertere Untertei- lungen in Schmelz-/Dentinkaries (Niveau 2 und Niveau 3) mit und ohne Kavitätenbildung verwenden. Mit den Niveaus 2 und 3 ist eine wesentlich frühere Diagnose der Karies mit feineren Abstufungen möglich, wodurch sowohl die Betreuung der Kariespatienten in der Praxis (Niveau 2) wesentlich besser gesteuert werden kann als auch bessere wissenschaftliche Aussagen (Niveau 3) über die Wirksamkeit von Prophylaxemitteln möglich sind. Auch für epidemiologische Studien bietet es viele Vorteile gegenüber dem alten WHO-Schema.

Das FDI-ICDAS II-System ermöglicht, sowohl kariöse Veränderungen an Okklusal- und Glattflächen als auch an Wurzeloberflächen und Restaurationen sowie Versiegelungen zu erfassen. Die Zähne werden im feuchten und im trockenen Zustand befundet und den vom Schweregrad der Läsion abhängigen FDI-ICDAS II-Codes zugeordnet. Die Definitionen der Codes zeigt Tabelle 1 auf.

Die Einschätzung der Kariesaktivität (aktiv oder inaktiv: +/-) von Schmelzläsionen an Glattflächen und an okklusalen Flächen im Rahmen des FDI-ICDAS II-Systems kann klinisch einfach anhand von optischem Erscheinungsbild, Ertasten mit der WHO-Sonde und Vorhandensein von ausgereifter Plaque vorgenommen werden (siehe Tabelle 2). Für die Praxis am geeignetsten ist das Niveau 2, das eine gute Differenzierung bei Läsionen ohne Kavitäten ermöglicht. PUFA (Pulpa-Beteiligung, Ulzeration, Fistel, Abszess) [Monse-Schneider et al., 2010] kategorisiert schwere Folgen der Karies (Schmerz/Eiter) und wird epidemiologisch in Ländern mit schlechter zahnärztlicher Versorgung verwendet.

Die klinische Untersuchung der Patienten erfolgt an zugänglichen Flächen und Fissuren mit scharfem Auge sowie stumpfer Sonde. Sofern keine offensichtliche Kavitation vorliegt, erfolgt die klinische Untersuchung approximaler Zahnflächen mithilfe einer Bissflügelaufnahme. Um Veränderungen zwischen den Untersuchungsterminen festzustellen und um die Progressionsrate quantifizieren zu können, werden die nicht-restaurierten approximalen Flächen in bestimmten Abständen (siehe Recall) geröntgt und gemäß dem von Mejare et al. [1999] vorgeschlagenen System nach fünf Stadien bewertet (siehe Tabelle 3).

Die Codes der Radioluzenzen werden chronologisch in ein Dokumentationsblatt eingetragen, um das nichtinvasive Management von frühen nicht-restaurierten okklusalen und approximalen Läsionen zu ermöglichen [Evans et al., 2008]. Für jede Fläche in einem (Zahn-)Kasten gibt es eine Spalte von eins bis fünf, die sich auf ein Läsionsergebnis bezieht. Radioluzenzen an bereits restaurierten okklusalen und approximalen Flächen, zum Beispiel wegen Sekundärkaries, werden im Formblatt nicht erfasst.

Diagnose und Zeitpunkt der Intervention

Voraussetzung für eine ursachenbezogene Prävention der Karies ist die Diagnose der Symptome der Karies wie auch ihrer ätiologischen Faktoren, um damit eine Einschätzung des individuellen Kariesrisikos vorzunehmen. Der Behandlungsplan für den Patienten muss sowohl das präventive Kariesmanagement wie auch den restaurativen Behandlungsplan beinhalten. Das Vorgehen im Kariesmanagement kann durch antibakterielle Maßnahmen, Fluoride und gegebenenfalls eine Umstellung der Ernährung erfolgen. Wenn restaurative Maßnahmen durchgeführt werden, so sollten diese zahnschonend (minimalinvasiv) vorgenommen werden. Solange es möglich ist, den Zahn oder die Pulpa nicht zu gefährden, sollten präventive Maßnahmen den Vorzug bekommen. Restaurative Maßnahmen sind bei Kavitation im Dentin indiziert. Für Approximalflächen ist dies schwierig zu diagnostizieren, da Kavitäten nur zu 20 Prozent mit Radioluzenzen, die bis zur Dentin-Schmelz-Grenze reichten, und nur zu 50 Prozent mit Radioluzenzen, die auf die äußere Hälfte des Dentins beschränkt waren, korrelieren [Rugg-Gun, 1972; Bille und Thylstrup, 1982]. Das vorliegende Präventions- und Minimal-Interventions-Modell (KMS) bietet der Zahnarztpraxis hierfür eine evidenzbasierte und praxiserprobte Problemlösung an.

Das KMS besteht aus mehreren Stufen (siehe Tabelle 4) und stellt eine nichtinvasive Strategie zum Anhalten aktiver Karies und zur Remineralisierung von Frühläsionen dar. Sein Kernprinzip besteht aus folgenden Schritten:

• der Einschätzung des Kariesrisikos

• dem Status jeder vorhandenen Läsion

• der Patientenführung

• dem klinischen Management und

• dem Recall

Sowohl die Bestimmung des Kariesrisikos als auch die Behandlung der Karies erfolgen nach festgelegten Protokollschemata, die evidenzbasiert sind und deren nichtinvasive Maßnahmen gleichzeitig auf die Primär-prävention der Karies sowie auf die Sekundärprävention (zum Stillstand Bringen und Rückbildung der Frühläsionen) ausgerichtet sind [Evans et al., 2008]. Aus der Anamnese und der klinischen Untersuchung ergeben sich die Risikofaktoren [Featherstone et al., 2007; Evans et al., 2008]:

• hohe und häufige Zuckeraufnahme

• Plaque/schlechte Mundhygiene

• kariogene Bakterien

• Zahnmorphologie und Speichelfluss

• sowie ungenügende Fluoridanwendung

Bewertung der Ernährung

Ein besonderes Risiko für Karies stellt der häufige Verzehr von vergärbaren Kohlenhydraten dar [WHO/FAO, 2003], wobei gute Plaquekontrolle und ausreichende Fluoridaufnahme das Risiko minimieren können [Woodward und Walker, 1994; Walker, 2000; Burt und Pai, 2001]. Auskunft über das ernährungsbedingte Risiko des Patienten ergibt ein 24-Stunden-Frage- bogen über Snack-Gewohnheiten, den der Patient ausfüllt und der mit ihm ausführlich besprochen wird. Diese Anamnese ist insbesondere für Patienten mit hohem Risiko wichtig.

Bewertung Mundhygiene, orale Bakterien, Speichel

Um die Qualität der Mundhygiene einschätzen zu können, wird bei jährlichen klinischen Untersuchungen von Recall-Patienten der Papillen-Blutungs-Index (PBI) nach Saxer und Mühlemann [1975] erhoben, der fünf Bewertungsgrade aufweist. Der Index misst, inwieweit entzündungsfreie Gebisse vorliegen, und bewertet, welches Ausmaß einer Blutung vorliegt. Dieser Mundhygiene-Index hat den Vorteil, nicht nur eine Momentaufnahme der Mundhygiene abzubilden – wie jeder Plaque-Index –, sondern die regelmäßig praktizierte Mundhygiene des Patienten zu erfassen.

Da die Speichelfließrate einen wichtigen Einfluss auf die Kariesinzidenz hat [Tenovuo, 1997; Bardow et al., 2008], wird zusätzlich – sofern die Vermutung eines hohen Kariesrisikos besteht – die Speichelflussmenge (ml/min) gemessen, die innerhalb von drei bis fünf Minuten durch Kauen von Paraffinwachs stimuliert wird. Dabei spuckt der Patient den innerhalb der Zeitspanne anfallenden Speichel in einen Messbecher. Die angefallene Speichelmenge wird durch die Zeit dividiert, um den Indikator ml/min zu bestimmen. Eine Speichelflussrate von 1 ml/min oder mehr signalisiert einen normalen Speichelfluss. Ein Niveau von 0,7 ml/min ist niedrig, alle Werte unter 0,5 ml/min und darunter signalisieren eine ernste Speicheldrüsenunterfunktion [Featherstone et al., 2007]. In diesem Fall ist das persönliche Kariesrisiko als hoch einzustufen und es könnte eine weitergehende Untersuchung des Speichelflusses angezeigt sein [Evans et al., 2008]. Allerdings ist extrem niedriger Speichelfluss sehr selten und andere Speichelcharakteristika sind nur schwach mit Kariesinzidenz verbunden [Billings, 1993; Johnson, 1991], so dass Evans et al. [2008] es nicht für nötig halten, eine weitere Speicheldiagnostik durchzuführen [siehe auch AGZ-RNK, 2011]. Jedoch können Bakterientests für Mutans Streptokokken (MS) und Laktobazillen (LB) einen stark motivierenden Effekt haben, wodurch Patienten leichter zu Verhaltensänderungen zu bewegen sind. Insofern könnte es – wie es Featherstone et al. [2007] empfehlen – bei Hochrisiko-Patienten, die zur Mitarbeit bereit sind, gerechtfertigt sein, auch Bakterientests auf MS und LB durchzuführen.

Stufe 2 – Diagnose und Risikoeinschätzung

Bei Neupatienten erfolgt die Risikoeinschätzung anhand der klinischen Untersuchung, die die Bissflügelaufnahme mit umfasst [Reich et al., 1999]. Bei Recall-Patienten wird die Einschätzung anhand der Inzidenz neuer Läsionen oder anhand des Fortschreitens bereits bestehender Läsionen bestimmt. Die Einteilung der Risikostufen kann in zwei, drei oder vier Stufen erfolgen.

Bezogen auf die aktuelle deutsche Morbiditätslage (klinisch ohne Röntgenbilder) bedeutete dies, dass knapp 80 Prozent der Erwachsenen kariesfrei sind beziehungsweise ein niedriges Kariesrisiko aufweisen. 13 Prozent der von Karies betroffenen Gruppe sind dem mittlerem Risiko zuzurechnen (D-T 1) und acht Prozent entfallen auf die Hochrisiko-Gruppe (D-T > 1).

Eine verfeinertere Risiko-Einschätzung ermöglicht das von Featherstone et al. im Rahmen des CAMBRA-Modells entwickelte Formular. Es ist hierarchisch aufgebaut, das heißt die jeweils vorrangigen Faktoren in den Bereichen Krankheitsindikatoren, Risikoindikatoren und protektive Indikatoren werden zuerst aufgeführt. Die Einschätzung des Kariesrisikos erfolgt anhand der Summe der angekreuzten schädigenden und schützenden Indikatoren. Sie ist beim Hochrisiko-Grad relativ einfach. Patienten mit einem oder mehreren Anzeichen aus der Gruppe der Krankheitsindikatoren fallen automatisch in die Hochrisiko-Gruppe, es sei denn, therapeutische Gegenmaßnahmen wurden bereits eingeleitet und die Progression der Karies konnte gestoppt werden [Featherstone et al., 2007]. Schwieriger ist häufig die Differenzierung zwischen niedrigem und mittlerem/moderatem Risiko. So weisen manche Patienten schlechte Mundhygiene-Werte oder hohen Plaquebefall auf, zeigen aber keine anderen Risikofaktoren. Das kann zu unterschiedlichen Einstufungen führen, was aber bezüglich der Therapie keine großen Auswirkungen hat. Jeder der protektiven Faktoren kann dazu beitragen, das Kariesgeschehen im Mund des Patienten in Balance zu halten oder die Remineralisierung zu fördern, wodurch der natürliche Reparaturprozess in Gang gesetzt wird [Featherstone et al., 2007].

Die einzelne Zahnarztpraxis muss entscheiden, welche Methode zur Kariesrisikoeinschätzung sie für überlegen hält und wie die Methode von ihren Patienten angenommen wird. Praxisbewährt sind beide Methoden, wobei die Methode von Featherstone et al. jüngst in einer großen Sechs-Jahres-Studie ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt hat [Doméjean et al., 2011].

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Elmar Reich

Rolf-Keller-Platz 1

88400 Biberach

E-Mail: ereich@t-online.de



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