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16.02.14 / 00:01
Heft 04/2014 Leitartikel

Präventionslücken schließen



Foto: BZÄK_Pietschman

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

es ist gut ein Vierteljahrhundert her, dass sich die Zahnärzteschaft im Rahmen eines Paradigmenwechsels auf eine minimalinvasive, ursachengerechte und präventionsorientierte Zahnheilkunde fokussiert hat. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschlands Mundgesundheit wurde in das internationale Spitzenfeld gerückt. Karieserkrankungen hat die Zahnmedizin durch bevölkerungsweite, gruppen- und individualprophylaktische Maßnahmen seitdem deutlich einschränken können.

Diese Präventionsstrategie ging auf und ist heute sicherlich eines der herausragenden Kapitel medizinischer Erfolgsgeschichte. Besiegt wurde die Karies deshalb trotzdem nicht, auch wenn bei den Erwachsenen und Senioren die DMFT-Werte sinken. Es gibt neue Herausforderungen wie beispielsweise die Zunahme der Wurzelkaries. Insgesamt führt die Prävention also zu einer Verschiebung der Krankheitslast in ein höheres Alter.

Das Thema Mundgesundheit über den ganzen Lebensbogen stellt uns auch in den jüngeren Altersgruppen vor spezifische Aufgaben. Auch hier zeigt sich eine starke Polarisierung des Kariesrisikos. Das von der Bundeszahnärztekammer definierte Mundgesundheitsziel, dass bis zum Jahr 2020 bei den 6-Jährigen 80 Prozent kariesfreie Milchgebisse haben sollen, ist ambitioniert.

Derzeit liegt der Anteil der naturgesunden Gebisse bei Sechs- bis Siebenjährigen im Durchschnitt bei 54 Prozent. Schon bei der Altersgruppe unter drei Jahren liegt die Prävalenz frühkindlicher Karies zwischen zehn und 15 Prozent. Es besteht spezifischer Handlungsbedarf, der über den bisherigen Präventionsansatz dieser Altersgruppe allein durch Kinderärzte hinausgehen muss. Hier sind ergänzende zahnärztliche Maßnahmen wie beispielsweise verpflichtende Untersuchungen dringend geboten.

Greifen können präventive Maßnahmen nur dann, wenn gerade auch die betroffenen Familien wirksam über mundgesundes Ernährungsverhalten, Mundhygienemaßnahmen und den Sinn frühkindlicher zahnärztlicher Betreuung aufgeklärt werden können. Dazu gehört definitiv auch die Darstellung der positiven Effekte der Fluoridzufuhr gerade in dieser Lebensphase – und das nicht nur durch uns Zahnärzte.

Wohlgemerkt: Auch in diesem Bereich fängt Deutschlands Zahnärzteschaft nicht bei Null an: Die 2012 von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ) herausgegebene Empfehlung „Frühkindliche Karies: Zentrale Inhalte der Gruppenprophylaxe für unter Dreijährige“ ist ebenso zu nennen wie die in einzelnen Bundesländern erfolgte freiwillige Einführung der zahnärztlichen Kinderpässe.

Allerdings reicht das als geschlossenes Konzept nicht aus. Wir brauchen im ärztlichen Kinderuntersuchungsheft die verbindliche Verweisung auf zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen ab dem 6. Lebensmonat, somit schon beim Durchbruch der ersten Milchzähne. Der Vorschlag, den die Zahnärzteschaft jetzt aktiv in die gesundheitspolitische Diskussion eingebracht hat, umfasst drei Untersuchungstermine für unter Dreijährige, mit Start ab dem 6. bis 9. Lebensmonat. Das Handlungsspektrum umfasst Gesundheitserziehung und -förderung sowie präventive und in geringem Umfang auch kurative Maßnahmen.

Mit unserem Angebot zur Beseitigung der durch Studien belegten Präventionslücke arbeiten wir ganz im Sinne unseres Mottos lebenslanger Prophylaxe dieses erkannte Defizit auf. Unser Konzept zur zahnmedizinischen Prävention von Kleinkindern ist Teil unserer Strategie, ein flächendeckendes, soziale Randgruppen einbeziehendes hohes Maß an Kariesfreiheit zu erzielen. Es ist ein weiterer Beitrag unserer Profession mit dem Ziel, der Mundgesundheit über den gesamten Lebensbogen noch näher zu kommen. Wir hoffen auf eine möglichst konstruktive Diskussion.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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