HANNA HERGT / SONJA SCHULTZ
01.01.16 / 00:03
Heft 01/2016 Titel
Dr. Gunnar Schwan - Stiftung Warentest

"Problematisch ist der Leistungsvergleich"



privat

Herr Schwan, Sie haben zahnärztliche Auktionsportale bereits zweimal unter die Lupe genommen. Was waren die Unterschiede der beiden Tests?
Dr. Gunnar Schwan:
Bei der Untersuchung 2006 ging es darum, die Auktionsportale für Zahnersatz als eine neue Entwicklung unter die Lupe zu nehmen. Wir schickten unsere Probanden zunächst zu einem Gutachter, der Zahnstatus und Bedarf bestimmte sowie einen HKP erstellte. Diese Daten wurden dann auf verschiedenen Portalen eingestellt. Wir haben die jeweiligen Bieterverfahren untersucht und die Portale am Ende bewertet.

Die Untersuchung 2014 beschäftigte sich dann mit dem typischen Vorgehen eines Patienten, der eine Zweitmeinung einholen möchte. Was sagen die anderen Zahnärzte? Sind die Vorschläge miteinander vergleichbar? Inwiefern weichen sie voneinander ab? Zusätzlich untersuchten wir, welchen Preis die Zahnärzte auf dem Auktionsportal die 2te-zahnarztmeinung.de bieten.

Außerdem schlossen wir dieses Mal Zahnersatz aus dem Ausland ein. Dafür schickten wir unsere Probanden zu Zahnärzten nach Polen, verglichen anschließend die Preise und eruierten, welchen Unterschied es macht, wenn ein deutscher Zahnarzt mit einem Labor im Ausland zusammenarbeitet – zum Beispiel in China, Thailand oder Indonesien. Anschließend verglichen wir alle Angebote miteinander. Ergebnis: Das Spektrum an Lösungen war meist breit – ebenso wie die Kostenstruktur. Wir konnten beispielsweise nicht unbedingt feststellen, dass ein ausländisches Dentallabor zu einem besseren Preis führen muss. Wenn etwa der deutsche Zahnarzt ein relativ hohes Honorar auch aufgrund vieler Maßnahmen veranschlagt, relativieren sich die Preisvorteile des ausländischen Dentallabors. Bei den Auktionsportalen war hingegen relativ eindeutig, dass der Preis günstiger war als bei den Zahnarztpraxen direkt. 

Ein weiteres Ergebnis: Die aufgesuchten Zahnärzte im Feld, die über die Erstmeinung nichts wussten, machten verschiedene Versorgungsvorschläge, die sowohl inhaltlich als auch von den Kosten her variierten. Bei dem Auktionsportal entschloss sich keiner der dort bietenden Zahnärzte inhaltlich zu einer anderen Meinung, sie senkten im Wesentlichen die Preise.
Die Untersuchung – auch jene im Feld – brachte allerdings eine Intransparenz ans Licht: Viele Heil- und Kostenpläne machten nicht klar, welche Materialien verwendet wurden. Das ist ein Knackpunkt: Wenn nicht ersichtlich wird, welches Material die Ärzte verwenden wollen, weiß der Patient nicht, ob der Gesamtpreis nur aufgrund der relativ billigen Materialien günstig ist.

Nun konnten Sie aber nicht die Qualität der Behandlung untersuchen.
Richtig, bei diesem Ansatz geht es nur um einen Behandlungsvorschlag des Arztes. Ob er diesen dann auch gut umsetzt, ist eine ganz andere Frage. In dieser Hinsicht stoßen wir mit Tests an die Grenzen des Machbaren. Es wäre natürlich auch interessant zu wissen, wie gut etwa unterschiedlicher Zahnersatz eingegliedert und langfristig funktionieren wird. Aber wir können unseren Probanden nicht zumuten, dass sie aus Testgründen verschiedene Behandlungen über sich ergehen lassen müssen.

zahnarzt-preisvergleich.com rückt neben dem Preis andere Faktoren in den Fokus, etwa die Ausstattung der Praxen. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?
Es kommt darauf an, ob es tatsächlich um Leistungsmerkmale geht oder nur um Wohlfühl-Kriterien wie ein großer Warteraum oder ein freundlicher Empfang. Wichtig wäre, dass der Zahnarzt die Inhalte seines Behandlungsvorschlags verständlich macht. Unsere Tester etwa verstanden meist gar nicht, was der Zahnarzt überhaupt vorhatte. Warum will er beispielsweise ein Implantat oder eine Brücke verwenden? Hier wäre eine schriftliche Behandlungsstrategie gut, die der Patient mit nach Hause nehmen und auf deren Basis er dann auch die vorgeschlagene Lösung bewerten kann. Oft muss der Patient dem Zahnarzt blind vertrauen.

Aber können Portale immerhin helfen, die Vorschläge preislich einzuordnen?
Der erste Test hat gezeigt, dass Auktionsportale eine Alternative sind, zumindest was den Preis angeht. Problematisch ist nur der Leistungsvergleich: Wenn der Patient beispielsweise Schäden an sechs Zähnen hat, will der eine Zahnarzt vielleicht nur zwei davon versorgen. Ein anderer möchte aber alle sechs behandeln, um eine beschwerdefreie Kaufunktion zu erreichen. Das würde vielleicht in der Praxis bedeuten, der Patient kann im ersten Fall weniger gut kauen, muss aber weniger zahlen als bei sechs versorgten Zähnen mit mehr Funktionalität.

Welche anderen Defizite sind Ihnen beim Test der Portale aufgefallen?
Es geht im Wesentlichen um Transparenz im Prozess: Der Patient stellt den HKP auf einem Portal ein, auf dem die teilnehmenden Zahnärzte bieten. Jedes von den Zahnärzten abgegebene Angebot sollte bis zum Ende der Auktion unverändert bleiben. In unserem damaligen Test wurden aber teilweise gar keine Angebote abgegeben.
Hinzu kommt: Es ist nur ein Kostenvoranschlag, die tatsächlichen Belastungen ergeben sich erst nach der Behandlung. Es kann sein, dass die Ersparnis dann gar nicht so hoch ist wie ursprünglich gedacht. Und das Angebot vom Portal sagt nichts darüber aus, wie gut ein Behandler und der Vorschlag sind, den er macht. Jeder Patient sollte sich vor diesem Hintergrund die Frage stellen, ob es sich des Geldes wegen lohnt, einen anderen Behandler aufzusuchen und das Vertrauensverhältnis zu dem bisherigen Zahnarzt aufzugeben. Wenn der Patient anschließend ein Problem mit dem Zahnersatz hat und diesen reklamieren möchte, muss er zu dem Zahnarzt gehen, der ihn behandelt hat – auch wenn er mit der Behandlung nicht zufrieden war.



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