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01.03.07 / 00:15
Heft 05/2007 Leitartikel
mn

Profession im Wandel



Foto: BZÄK

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

neben den großen Erfolgen in der Prävention machte die kürzlich veröffentlichte DMS IV-Studie vor allem eines deutlich: Die Zahnmedizin steht vor ganz neuen Herausforderungen. Mehr Zahnerhalt ist zwar äußerst erfreulich, bedeutet aber andererseits, dass verstärkt Zähne "at risk" stehen. Wir müssen uns künftig schwerpunktmäßig mit oralen Krankheitsbildern wie der Wurzelkaries und vor allem der Zunahme von Parodontalerkrankungen auseinandersetzen.

Daraus ergeben sich neue versorgungspolitische Anforderungen und Handlungsfelder, die über das rein zahnmedizinische Alltagsgeschehen hinausgehen. So wird beispielsweise der Risikofaktorenmedizin eine wachsende Rolle zukommen: Faktoren wie das Rauchen oder große Volkskrankheiten, wie Herz-Kreislauf-Beschwerden und Diabetes, sowie die wachsende Co-Morbidität berühren Aspekte des Verhaltens und der Allgemeinmedizin. Eine ausführliche Diagnostik und medizinische Anamnese ist gefragt, um Querverbindungen zu medizinischen Krankheitsbildern herauszuarbeiten. Erforderlich ist dazu eine enge Kooperation mit anderen medizinischen Fachgebieten, um interaktiv die künftigen Versorgungsbedarfe anzugehen. All das verlangt dem Zahnarzt eine neue Denkweise ab. Er wird immer mehr zum "Oral Physician", zum Arzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Das verlangt nicht nur die Erweiterung der eigenen zahnmedizinischen Kompetenz auf medizinische Inhalte, sondern auch die Integration der Zahnmedizin in den medizinischen Fächerkanon. Mehr noch: Mit einbezogen werden müssen Aspekte wie das Arzt-Patienten-Verhältnis, Praxis- und Versorgungsstrukturen, soziodemografische Hintergründe bis hin zu Systemfragen im Gesundheitswesen. Mit anderen Worten: Die Denkrichtung geht weg von einer rein fachspezifisch orientierten Handlungsweise und hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der zahnärztlichen Profession in ihrem gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Umfeld.

Das sind Aspekte, bei denen die Versorgungsforschung eine herausragende Rolle spielt. Darunter versteht man die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitlichen Produkten (zum Beispiel mit Medikamenten) und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen. Im Fokus steht also sozusagen die "letzte Meile" im Versorgungsprozess.

Was zunächst sehr abstrakt klingt, hat einen sehr konkreten Bezug zum Praxisalltag. So ist zum Beispiel die Ärzteschaft bereits intensiv dabei, die Versorgungsforschung - eine übrigens noch sehr junge Disziplin in Deutschland - zu fördern. Ihr kommt es unter anderem darauf an, negativen Tendenzen, die die medizinische Versorgungslage der Bevölkerung und die ärztliche Berufszufriedenheit beeinträchtigen, entgegenzuwirken und eine verbesserte Patientenversorgung und ärztliche Berufsausübung zu stärken. Es geht um interdisziplinäre Entwicklungen und tragfähige Problemlösungen für den Versorgungsalltag mit all seinen Facetten.

Wer sich die Frage stellt: "Wie positioniert sich die Zahnärzteschaft im Hinblick auf künftige Herausforderungen?" kommt nicht umhin, sich auch mit solchen Aspekten auseinanderzusetzen.

Ein Problemaufriss, der bisher noch eine untergeordnete Rolle spielt, sind arztseitige Faktoren (Fachbegriff: "physician factor"), wie Arbeitsbelastung, Einkommen und Prestige, persönliche Befriedigung durch die Arbeit oder professionelle Beziehungen. Wichtig ist es zu klären, wie sich der Zahnarztberuf künftig in einem sich wandelnden Spannungsfeld in der Gesellschaft aktiv positionieren und wie die Berufspolitik diesen Wandel aufgreifen soll.

Die Bundeszahnärztekammer wird sich auf ihrer Klausurtagung im Juni intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. Es geht darum, eine gesellschaftliche Rahmensetzung zu verankern über das, was künftig eine gute zahnmedizinische Versorgung ausmacht und welche Rolle der Zahnarzt dabei spielen soll und spielen kann. Damit werden wir einen eigenen Beitrag zur Diskussion im Rahmen der Versorgungsforschung leisten.

Die Profession ist im Wandel - aber dessen Ausgestaltung formt der Berufsstand selbst. Mit freundlichen kollegialen Grüße Dr. Dietmar Oesterreich Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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