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16.08.02 / 00:15
Heft 16/2002 Zahnmedizin
So behandeln Sie schmerzfrei

Proprioception - ein Weg zur zahnärztlichen Ergonomie

Rückenprobleme, die durch Haltungsfehler ausgelöst werden, sind bei Zahnärzten an der Tagesordnung. Nicht selten sind eine fehlerhafte Lagerung des Patienten oder ein falsch eingespieltes Behandlungsritual zwischen Behandler und Assistenz sowie unphysiologisch gestaltete Möbel Mitverursacher für diese Probleme. Im nachfolgenden Beitrag wird eine Methode aufgezeigt, die die falschen Verhaltensmuster an der Wurzel packt, allerdings bei Ergonomen bislang kontrovers diskutiert wurde.




Zahnärzte klagen häufiger als andere Berufsgruppen über Rückenprobleme. Trotz intensiver Bemühungen von Wissenschaft und Industrie konnte für die überwiegende Zahl der Zahnärzte keine Arbeitserleichterung erreicht werden. Außerdem gibt es zu bemängeln, dass es bislang keine beziehungsweise nur eine zögerliche Ausbildung an Universitäten gibt [1]. Eine Befragung von 56 Zahnärzten, die an Beach-Kursen teilnahmen, ergab unter anderem, dass individuelle Arbeitshaltungen, Arbeitspositionen und Patientenlagerungen zu so genannten „Horrorzähnen“ führen [3]. So waren sich die Teilnehmer einig, dass ab Zahn 26 nach distal das haltungsmäßige „Behandlungsgrauen“ beginnt, dicht gefolgt von Oberkieferbereich palatinal. Platz drei nimmt der erste Quadrant ein. Des Zahnarzt Lieblingszahn war der Studie nach 45. Dies ist keine wissenschaftliche Auswertung, sondern die klare Meinung berufsgeschädigter Zahnärzte und zeigt einen gemeingültigen Trend auf.

Die Lösungsidee

Es ist das Verdienst des amerikanischen Zahnarztes Dr. Daryl Beach, in die Ergonomie den Begriff „Proprioception“ eingeführt zu haben. Proprioception ist zum Beispiel die Fähigkeit festzustellen, ob „ein auf der Handfläche wahrgenommener Druckreiz daher rührt, dass die Hand auf einer Tischplatte nach unten drückt, oder dass die Hand nach oben gegen ein Tablett drückt“ [4]. Bewegungssensoren in Muskeln, Bändern und Gelenken in Verbindung mit den Mechanorezeptoren der Haut ermöglichen es, dass wir die Position der Gliedmaßen zueinander im Raum wahrnehmen und auch feststellen können, ob eine Haltung oder Bewegung angenehm oder unangenehm und damit schädigend ist. Wir besitzen damit ein inneres „Feedback- System“, welches im Laufe unseres Arbeitslebens verschüttet wird und nicht mehr vor Fehlhaltungen warnt. Die physiologische Anwendung der Proprioception macht es möglich, mit minimaler Haltearbeit des Körpers zahnärztlich zu arbeiten und während der Lebensarbeitszeit die orthopädischen Schäden auf ein Minimum zu reduzieren, eine gesunde ausgewogene Arbeitshaltung während aller Behandlungen beizubehalten und so die Definition für Ergonomie – die Arbeit soll sich dem Menschen anpassen – wirklich zu erfüllen [5]. Es versteht sich von selbst, dass eine achtstündige Fehlhaltung während des Arbeitstages nicht durch Ausgleichsgymnastik am Abend kompensiert wird.

Schlüssel zur Ergonomie ist die Proprioception

Beach nennt seine Art, zahnärztlich zu arbeiten, „pd-dentistry (proprioceptively derived)“. Er hat ein in sich logisches und schlüssiges System entwickelt, dessen Anwendung ein absolut stress- und torsionsfreies Arbeiten ermöglicht. Für die pd- Zahnmedizin belegen Zahlen [7], dass der Anteil der Behandlungszeit ohne physischen Stress von 39,7 Prozent auf 98 Prozent steigt. Auch klagen nur acht Prozent der pd-Zahnärzte über muskulo-skeletale Beschwerden, im Gegensatz zu 76 Prozent, bei der üblichen zahnärztlichen Behandlung. Abbildung 1 zeigt die pd-Anordnung des Arbeitsplatzes bei der Arbeit an Zahn 27, Abbildung 2 das zahnärztliche Grundinstrumentarium. Zu beachten sind dabei die ungewöhnlichen Griffdurchmesser und die Winkel zwischen Arbeitsteil und Handteil. Proprioceptiv angewandte Ergonomie kann die Arbeitsbedingungen für Friseure, Violinisten, Uhrmacher, Computerarbeiter und mehr genauso verbessern, wie sie es für die zahnärztliche Tätigkeit tut. Sie ist für jede Art motorischer Tätigkeit einsetzbar.

Der Lösungsweg

Zahnärztliche Arbeit ist in ihrer Ausführung sensomotorische Präzisionsarbeit. Es bedarf mehrerer Schritte, sie den Gesetzen der Proprioception anzupassen.

Zuerst werden die seit Jahren erworbenen unpysiologischen Haltungen offengelegt und erfahrbar gemacht und mit den angeborenen proprioceptiven Haltungen verglichen. Dies geschieht im „leeren Raum“, ohne Hilfsmittel, nur mit dem eigenen Körpergefühl. Das Ziel dieser Übungen ist es, die bestehenden physiologischen Haltungsmuster wieder neu zu entdecken. Die korrekte Arbeitshaltung und Sitzhöhe, die Bestimmung des Arbeitsobjekt-Augenabstandes und die Beziehung von Arbeitsobjekt und Hand, sowie die Spiegelhaltungen werden simuliert. So entsteht nach und nach schließlich die angestrebte unschädliche Arbeitshaltung.     

Nur aus einer guten Haltung kann eine optimale Bewegung resultieren. Die Finger-Instrumentenbewegungen am Arbeitsobjekt für Kavitäten- oder Kronenpräparation, Extraktion und Abdrucknahme und mehr werden genauso simuliert, wie Instrumentenaufnahme, Instrumentenablage, Instrumentenabgabe und die Zusammenarbeit mit der zahnärztlichen Helferin.   

Das Erstaunliche bei diesen Übungen: Sie werden von allen Menschen gleich ausgeführt! Dies ist auch nicht verwunderlich: Unterliegen wir doch alle den Gesetzen der Schwerkraft. Nur falsch konstruierte Instrumente, zahnärztliche Hocker oder Patientenliegen, die nicht in das Bewegungsmuster passen, bringen den Zahnarzt aus dem Gleichgewicht.  

Weitere Übungen folgen: Wie müssten der Zahnarzthocker oder der Patientenstuhl beschaffen sein, um Haltung und Bewegungen nicht zu behindern? Wie muss der Winkel zwischen Arbeits- und Handteil der Instrumente sein, um keine Fehlhaltung zu provozieren? Es ist möglich, sich diese Kenntnisse in zwei Tagen anzueignen, um sie dann auf den Patienten zu übertragen. Das einzige Hindernis, die neuen Bewegungen und Haltungen „subkortikal zu lagern“, sind die alten Muster. Um diese schädigenden Muster zu speichern, haben wir auch viel Zeit aufgewandt, während unserer Ausbildung.

Die Lernhilfen

Um die Ausbildung zu erleichtern hat Beach syllabo-numerische Abkürzungen entwickelt. Sie dienen nur der unzweideutigen Kommunikation zwischen ergonomisch Lernendem und Lehrendem. Die Abkürzung „Mi“ beschreibt Teile, Linien oder Punkte auf dem menschlichen Körper, die ihn in Relation zu seinem Umfeld und zu sich selbst setzen. So gibt Sonde an mi 111 / mi 239 / mi 332 genau an, wie die Sonde gehalten wird, damit die linken Oberkieferzähne leicht erreicht werden (Abbildung 3).  

Jede Instrumentenhaltung, jede Fingerbewegung kann so leicht beschrieben und leicht gelehrt werden. Die syllabo-numerischen Zeichen sind Engramme im sensomotorischen Gedächtnis – einmal gelernt, nie verlernt. Das Lernen entspricht dem Lernen von Noten. Erst wenn man Noten lesen kann und gelernt hat, sie in Bewegungen umzusetzen, kann man Klavier spielen. Der Rest ist Übung.  

Einen Auszug dieser „Noten“ habe ich dem Ergonomiekurs von Dr. Beach entnommen (Abbildung 4). Jedes einzelne „mi“ entspricht der Haltung eines gewissen Teilsegmentes des Körpers. Zum Beispiel definieren mi 01 bis mi 09 die Körperhaltung, mi 1 die Zahnarzt-Patientenbeziehung, mi 2 die Mundöffnung, mi 3 die Patientenkopfhaltung und so weiter. Die Behandlung an 27 lässt sich so beschreiben:  

27 / mi 01-09 / mi 0+1 / mi 1-1 mi 2+ / -0 /mi 3-2 / mi 4+2 /mi 5-1

Wenn man einmal dieses System verstanden hat, weiß man, dass Ergonomie nicht das Ergebnis von „trial and error“ ist, sondern erlernt werden muss, damit uns unser Körper ein Arbeitsleben lang gesund dienen kann. Daher sollten ergonomische Arbeitstechniken möglichst früh vermittelt werden. Carsten Klenke [8] formuliert dies in seiner Dissertation so: „...dass dieses System in der Theorie recht kompliziert zu sein scheint. In der praktischen Anwendung ergibt sich der größte Teil zwangsläufig (Anmerkung des Verfassers: da proprioceptiv), wenn man einige Grundkenntnisse erworben hat.“ 

Hat man einmal die angenehmste Arbeitshaltung und die aus ihr entstehende Arbeitsbewegung gefunden, so ist es ein Leichtes, sich mit dem Körpergefühl wieder daran zu erinnern: Klavierspielen verlernt man nicht.  

Dr. med. dent. Wolf Neddermeyer
Friedrichstraße 24
65185 Wiesbaden

 

 



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