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01.07.02 / 00:08
Heft 13/2002 Zahnmedizin
51. Jtg. der Dt. Ges. für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde (DGZPW)

Prothetik aus Patientensicht

Vom 23. bis 26. Mai 2002 fand in Sachsens Landeshauptstadt Dresden die 51. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde e.V. (DGZPW) statt. Mit rund 450 nationalen und internationalen Teilnehmern und Referenten war der Kongress, der unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Walther, Dresden, stand, in wissenschaftlicher und organisatorischer Hinsicht ein voller Erfolg.




Neben den Generalthemen „Prothetik aus Patientensicht“ und „Therapeutische Strategien“ wurde in 80 freien Vorträgen und Posterdemonstrationen eine breite Palette an aktueller zahnmedizinisch-prothetischer und werkstoffkundlicher Forschung dargestellt; darüber hinaus wurden drei wissenschaftliche Symposien

• zur Methodik klinischer Studien

• zu CAD / CAM und zu

• innovativen Lehrkonzepten abgehalten. Ergänzt wurde das Programm durch die traditionell begleitende Tagung des Arbeitskreises für Kiefer-Gesichts-Prothetik unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus M. Lehmann, Marburg, und durch einen Workshop „Evidence based medicine in der Zahnheilkunde“ des Forschungsverbundes Public Health Sachsen unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Wilhelm Kirch, Dresden, sowie erstmals durch ein eigenständiges, künftig zur Wiederholung vorgesehenes Seminar, auf dem vier niedergelassene Kollegen, die alle das Graduierungsprogramm der Fachgesellschaft („Spezialist für Prothetik“) absolviert hatten, unter der Moderation von Prof. Dr. Jürgen-M. Setz, Halle, Aspekte und Fälle aus der Praxis für die Praxis darboten.

Emotionale Folgen von Zahnverlust

Beim Themenkreis „Prothetik aus Patientensicht“ standen Studien zur Lebensqualität im Vordergrund, die in drei Hauptvorträgen und elf themengebundenen Präsentationen vorgestellt wurden. Im ersten Hauptvortrag berichtete Prof. Dr. Janice Fiske, Abteilung für Special Care Dentistry, King’s College, London, über die emotionalen Auswirkungen von Zahnverlust. Prof. Fiske ist im Moment die Expertin bei dieser Thematik. In eingehenden Einzelinterviews wurden betroffene Patienten unter anderem zum Selbstverständnis, zum Verlustgefühl und zu eventuellen Auswirkungen auf ihr Verhalten befragt. Es zeigten sich individuell sehr unterschiedliche Reaktionen auf Zahnverlust, nämlich Zorn, Verbitterung, Verzweiflung, Scham oder Resignation, die im Allgemeinen mit einer Einbuße an Kommunikationsfähigkeit und Ästhetik begründet wurden, aber auch offensichtliche Erleichterung darüber, mit dem Zahnersatz besser essen zu können als zuvor mit den eigenen Zähnen. Prof. Fiske gab den Prothetikern klare Empfehlungen mit auf den Weg, die unterschiedlichen Persönlichkeitsprofile in der Behandlung (und dem Umfeld) zu respektieren: Zum Beispiel Patienten nie ohne Zahnersatz im Munde die Wartezeit im Stuhl erleben zu lassen, weil viele Menschen die Zahnlosigkeit als tiefgreifende Behinderung erleben können, die sie stark verunsichert.

Lebensqualität und Zahnersatz

Bei der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität handelt es sich um ein multidimensionales Phänomen. Die schlichte Frage nach der allgemeinen Zufriedenheit mit Zahnersatz reicht daher heute bei weitem nicht zur Beschreibung der durch Zahnersatz erreichbaren Lebensqualität aus. Der zweite Hauptvortrag von Dr. Guido Heydecke, Freiburg, zurzeit Montreal, stellte das Konzept und die Erforschung der Lebensqualität, die durch zahnärztliche Behandlung gewonnen werden kann, vor, insbesondere die Relation zwischen der vom Zahnarzt als erfolgreich eingestuften (implantologisch-) prothetischen Behandlung und deren tatsächlichen Gesundheitsnutzen für den Patienten. Zur Erforschung werden heute Instrumente wie der OHIP (Oral Health Impact Profile) eingesetzt, die gut evaluiert sind. Die Bewertung von prothetischen Therapien durch Patienten wird hauptsächlich durch die vom Patienten erfahrbaren Veränderungen der oralen Situation bestimmt. In einem Abwägungsprozess werden die eingebrachten Ressourcen, wie zeitlicher Aufwand, Mühen und Kosten, dem subjektiv erlebten Gewinn an Wohlbefinden gegenübergestellt. Seit den 80er Jahren ist – gemessen an der Zahl der Veröffentlichungen – ein ständig steigendes Interesse an der Frage der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität festzustellen. Dieser Trend geht parallel zu ähnlichen Fragen in der Medizin. Anlass sind unter anderem Optimierungsmöglichkeiten, die sich aus der Erhebung und Analyse der Patientenperspektive ergeben (Informiertheit, Mitarbeit der Patienten/mündiger Patient).

Abschließend ist festzustellen, dass die Forschung auf diesem Gebiet erst am Anfang steht. Eine nachgewiesene Verbesserung der Lebensqualität durch prothetische Maßnahmen dürfte letztlich auch ein nicht von der Hand zu weisendes Argument sein, um die solidarische Finanzierung von Zahnersatz zu rechtfertigen.

Einflüsse auf die Zerstörung des Restgebisses

Dass orale Gesundheit mehr bedeutet als gesunde Zähne, verdeutlichte Prof. Dr. Rainer Biffar, Prothetiker und Mitglied im Forschungsverbund Community Medicine, Universität Greifswald, im dritten Hauptvortrag. Gestützt unter anderem auf die repräsentative Study of Health in Pomerania (SHIP), die Dritte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS III) und die 2. Schweizerische Mundgesundheitsbefragung sowie zahlreiche weltweit publizierte Statistiken stellte er fest, dass man heute aus verhaltensabhängigen Variablen relativ gut prognostische Schlüsse auf das Schicksal des Gebisses ziehen kann. Soziale Kompetenz, Normen, Wertebewusstsein und Prägung haben einen besonderen Einfluss und Rückeinfluss im Wechselspiel zwischen Gesundheitsverhalten und Lebensqualität. Auch wenn die Auswertung von Einzelvariablen interessante Ergebnisse zu Tage bringe – Vereinszugehörigkeit korreliert beispielsweise mit geringerem Stützzonenverlusten – so dürften Modellbildungen für prognostische Aussagen und sozioökonomische Betrachtungen immer nur unter Würdigung aller Variablen vorgenommen werden.

Therapeutische Strategien

Dem Themenkreis „Therapeutische Strategien“ waren ebenfalls drei Hauptvorträge und weitere Präsentationen gewidmet. Prof. Dr. Mathias Kern, Kiel, berichtete über therapeutische Konzepte für das reduzierte Lückengebiss. Anhand einer aktuellen Umfrage konnte er zeigen, dass sich die Lehrkonzepte an deutschen und schweizerischen Universitäten deutlich unterscheiden. Neben Gussklammern (Modellgussprothesen) werden in Deutschland ganz überwiegend Doppelkronen (Teleskop-Prothesen) als Verankerungselemente für Teilprothesen gelehrt und angewendet, während in der Schweiz hybride Elementeund Pfeilervermehrung mit Implantaten eine größere Bedeutung haben. Prof. Dr. Kern führte aus, dass bisher häufig keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die tatsächliche Effektivität der verschiedenen Therapiekonzepte vorhanden sind und hier ein hoher Forschungsbedarf besteht. Immerhin weiß man, dass im Wesentlichen unabhängig vom Verbindungselement die Halbwertszeit von Teilprothesen bei acht bis zehn Jahren liegt. Die wenig invasive Verankerungsform mittels Adhäsivattachments (bei gesundem Restzahnbestand) setzt sich in Lehre und Krankenversorgung trotz positiver wissenschaftlicher Daten nur sehr zögerlich durch, nicht zuletzt deshalb, da sie trotz ihres präventiven Charakters in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht abgerechnet werden kann.

Verkürzte Zahnreihe

Im zweiten Hauptvortrag wies Prof. Dr. Nico Creugers, Universität Nijmegen, Niederlande, darauf hin, dass die Okklusion des kompletten Zahnbogens funktionellen Anforderungen zwar am besten gerecht werde, doch auch mit dem Konzept der verkürzten Zahnreihe, das lediglich eine lückenlose Anordnung von Frontzähnen und Prämolaren umfasst, lässt sich eine ausreichende Funktionalität sicherstellen. Wenn – etwa aus finanziellen Gründen – Prioritäten festgelegt werden müssten, sollten deshalb restaurative Therapiestrategien angestrebt werden, die vorrangig auf den Erhalt der verkürzten Zahnreihe (Frontzahnplus Prämolarenregion) abzielten. Dies impliziert, dass der sofortige Ersatz fehlender Molaren durch abnehmbare Freiendprothesen als Überbehandlung gewertet werden müsse (wait and see, before missing molars are replaced-Strategie). Prof. Creugers wandte sich energisch gegen die These, dass die verkürzte Zahnreihe eine Therapie sei, oder dass man Patienten gezielt dahin führen müsse, wie dies ihm immer wider besseres Wissen unterstellt wird. Das Konzept bietet Vorteile, wenn eine Verminderung des restaurativen Aufwandes angestrebt wird oder aus Kostengründen im Gesundheitssystem notwendig wird. Viele Erwachsene in Deutschland (35 Prozent der 35- bis 44-Jährigen) haben fehlende, prothetisch unversorgte Molaren. Die Zuhörer waren nachhaltig beeindruckt von der Systematik, mit der Prof. Creugers, die wichtigsten Einwände und Vorwürfe zurückwies.

Implantat-Prothetik

Von Prof. Dr. S. Palmqvist, einem Schweden, der am Royal Dental College in Kopenhagen, Prothetik lehrt, wurden Implantatstrategien (festsitzend oder abnehmbar) vor allem unter ökonomischen Aspekten vorgestellt. Seine Botschaft ans Auditorium war kurz, knapp und verständlich: „stay fixed“, das bedeutet: Gib der festsitzenden Versorgung den Vorrang! Diese Regel hat wohl mehr eine skandinavische Tradition („...Brånemark war allergisch gegen abnehmbaren Zahnersatz“) als eine umfassende, alle Aspekte der Therapie einschließende Bedeutung. Palmqvist versuchte seine Sicht der Strategie allerdings solide mit Hilfe von Statistiken und ökonomischen Modellansätzen zu begründen.

Resümee und Ausblick

Die Vorträge und Posterdemonstrationen der Hauptveranstaltung, die wissenschaftlichen Symposien und das Praktikerforum waren – ebenso wie die Tagung des Arbeitskreises Kiefer-Gesichts-Prothetik und der Workshop zur nachweisgestützten Zahnheilkunde – durchgehend gut bis sehr gut besucht. Selbst am Sonntagmorgen fanden die zahlreichen Vorträge, insbesondere die klinischen Studien zu aktuellen keramischen Werkstoffen, lebhafte Teilnahme und Diskussion. Die gelungene Auswahl und Zusammenstellung der Themen, von denen hier nur ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben werden konnte, erklärt den großen und lebhaften Zuspruch der Teilnehmer: Prothetik ist wieder im Aufschwung. Die größtenteils prägnanten Präsentationen ließen gleichermaßen den wissenschaftlich wie den praktisch tätigen Zahnmediziner von der Teilnahme profitieren. Die straffe Organisation und ein imposantes Rahmenprogramm (unter anderem konnte man die Baustelle der Frauenkirche besuchen – ein wirklich berührender Programmpunkt), ließen Zeit und Gelegenheit zu einem intensiven kollegialen Gedankenaustausch; auch hierfür gilt den Veranstaltern unser herzlicher Dank.

Die nächste Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde findet vom 15.-18. Mai 2003 unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Jörg Strub, Freiburg, im Europapark Rust statt. Das Motto lautet: „Wissenschaft und Fun“ – die Prothetik ist jung geblieben!

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Thomas Kerschbaum
Kerpener Str. 32
50931 Köln-Lindenthal



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