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01.09.09 / 00:11
Heft 17/2009 Zahnmedizin
Interaktive Fortbildung

Prothetische Rehabilitation von Spaltpatienten in fortgeschrittenem Alter

Die Rehabilitation von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte (LKG-Spalte) erfolgt durch ein interdisziplinäres Behandlungsteam, in dem Mund-Kiefer- Gesichtschirurgen, Kinderärzte, Hals-Nasen-Ohrenärzte, Zahnärzte sowie Logopäden zusammenwirken [Hemprich, 2008]. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden diese Patienten ausschließlich chirurgisch behandelt. Häufig konnten nur unzureichende funktionelle und ästhetische Ergebnisse erreicht werden [Lisson, 2004].




Mit zunehmendem Alter kommt es auch bei Spaltpatienten zu Zahnverlusten. Der behandelnde Zahnarzt sieht sich dann nicht nur mit den Folgen von Zahnverlust konfrontiert, sondern auch mit den ungünstigen anatomischen Voraussetzungen, die eine prothetische Rehabilitation erschweren. Dabei hat der Schweregrad der anatomischen Abweichung einen entscheidenden Einfluss auf die geplante und durchzuführende Behandlung. Hierbei erleichtert die Einteilung der Patienten mit LKG-Spalte unter besonderer Berücksichtigung der prothetischen Aspekte die Planung [Setz et al., 1991]. Patienten mit Alveolarfortsatzdefekten und/oder Gaumenperforationen (Klasse III) und Patienten mit ungünstiger Bisslage (progen) verbunden mit mobilem Zwischenkiefer und gebogenem Lückenverlauf (Klasse II) sollten mit herausnehmbarem oder kombiniert festsitzend/herausnehmbarem Zahnersatz therapiert werden. Dahingegen können Spaltpatienten mit geringen Alveolarfortsatz- und Gaumendefekten bei regelrechter Bisslage und geradem Lückenverlauf (Klasse I) festsitzend versorgt werden. Für die Versorgung des zahnlosen Oberkiefers (Klasse IV) wird ein implantatgetragener Zahnersatz empfohlen.

Ausführlich beschreibt der vorliegende Beitrag die prothetische Behandlung eines Spaltpatienten bei ungünstiger anatomischer Ausgangslage mit einer abnehmbaren teleskopierenden Brücke im Oberkiefer.

Allgemeine und zahnärztliche Anamnese

Ein 66-jähriger Patient stellte sich wegen einer gelockerten Brücke im Oberkiefer in der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik der Martin-Luther-Universität vor.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Allgemeinzustand des Patienten gut und es gab keine Hinweise auf akute oder chronische Erkrankungen.

Beim Eingangsgespräch mit der Zahnärztin fiel ein veränderter Sprechklang auf. Vor allem bei den Verschlusslauten („K“) trat das offene Näseln (Rhinolalia aperta) in Erscheinung.

Der Patient berichtete, dass er bereits vor 51 Jahren in der Uniklinik behandelt worden sei. Als damals 15-Jähriger erhielt er eine aufwendige plastische Operation im Bereich des Gaumens. Die plastische Deckung der Gaumenspalte erfolgte mithilfe eines Stiellappens aus der Region des Abdomens und wurde seinerzeit von Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. mult. Erwin Reichenbach vorgenommen. Nach rund 15 Monaten Klinikaufenthalt war die Deckung der Gaumenspalte abgeschlossen. Als Geschenk für die schmerzhaften Tage und Wochen, bekam der Patient eine Brückenversorgung in der Oberkieferfrontzahnregion von der Uniklinik.

Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erhielt der Patient im Oberkiefer eine neue festsitzende Brücke und im Unterkiefer eine einseitige Geschiebeprothese. Aufgrund mangelnden Komforts wurde diese Unterkieferteilprothese vom Patienten jedoch nicht getragen.

Befund

Extraoraler Befund

In der Enface-Aufnahme war zu erkennen, dass die Nasenspitze nach links abwich und der linke Nasenflügel leicht eingezogen war. Die Oberlippe war verkürzt.

Intraoraler Befund

In der Frontalaufnahme (Abbildung 1b) bei geschlossenen Zahnreihen zeigten sich ein Überbiss von 1 mm und eine abweichende Okklusionsebene. In der Oberkieferfrontzahnregion befand sich noch ein Teil einer insuffizienten Brücke von Zahn 12 nach Zahn 23. Die Brückenanker an den Zähnen 24 und 26 waren nach fortgeschrittener Sekundärkaries gelockert und bereits entfernt worden. Die Kronenränder an den Zähnen 11 und 23 wiesen sondierbare Randspalten auf. Im Unterkiefer waren die Zähne 33 und 34 überkront und miteinander verblockt.

In den Seitenansichten bei habitueller Interkuspidation standen die Zähne in Regio 13 und 22/23 in Kreuzbissstellung zueinander. Der Zahn 27 war stark gefüllt und hatte keinen Antagonisten. Wurzelreste waren in Regio 24 und 26 zu finden. Im III. Quadranten und in Regio 25 war bereits eine fortgeschrittene Alveolarkammatrophie eingetreten.

Bei Aufsicht auf den Oberkiefer (Abbildung 2a) imponierte im Bereich des harten Gaumens das Transplantat, das seit über 50 Jahre in situ war. In Regio 21/22 befand sich der knöcherne Defekt der Kieferspalte.

Im Unterkiefer (Abbildung 2b) waren die Zähne 46 und 47 großflächig gefüllt. In Regio 34 und 44 befanden sich lingual beidseits Exostosen (Tori mandibulae). Die parodontale Untersuchung ergab lokalisierte erhöhte Sondierungstiefen an den Zähnen 13, 12, 11, 27, 33, 43 sowie generalisierten Attachmentverlust. Ein Lockerungsgrad I konnte nur bei den unteren Schneidezähnen diagnostiziert werden. Neben den Kronenrändern an den Pfeilerzähnen 12, 11, 23, 33, 34 bestand eine lokalisierte Gingivitis.

Die vorhandenen nicht überkronten Zähne wiesen okklusale Attritionen auf. Der interokklusale Abstand betrug rund 5 mm. Es wurden keine Funktionsstörungen der Kaumuskulatur und beider Kiefergelenke festgestellt.

Röntgenologischer Befund

In Regio 21/22 stellte sich der knöcherne Defekt der Kieferspalte links dar. Metalldichte Verschattungen in Form von Füllungen befanden sich an den Zähnen 16, 46 und 47. Metalldichte Verschattungen in Form von Kronen waren an den Zähnen 12, 11, 23, 26, 34 und 33 zu erkennen. An den cervikalen Kronenrändern 24 und 26 waren Aufhellungsfiguren sichtbar. Eine periapikale Aufhellung zeigte sich an Zahn 24.

Generell war ein horizontaler Knochenabbau eingetreten (Abbildung 3).

Diagnose

Extraoral: verkürzte Oberlippe, leichte Nasendeformation

Intraoral: 1 mm Überbiss, instabile statische Okklusion links, Verlust der Molarenstützone links, verringerte Vertikaldimension, paariger Torus mandibularis

Dental: Oberkiefer mit Schaltlücken, Unterkiefer einseitiges Freiende (Eichner B2)

Parodontal: fortgeschrittene chronische marginale Parodontitis

Funktionell: generalisierte Attritionen, kein Anhalt einer Cranio-Mandibulären Dysfunktion

Prothetisch: insuffizienter Zahnersatz im Oberkiefer und unversorgte Freiendsituation im Unterkiefer

Röntgenologisch: Wurzelreste 24 und 26, Alveolarkammatrophie im Seitenzahngebiet des III. Quadranten, generalisierter horizontaler Knochenabbau, Fehlen des Alveolarfortsatzes in Regio 21/22

Ätiologie und Prognose

Nach der Analyse der intraoralen Situation war Karies als Ursache des Zahnverlusts anzusehen. Der Wurzelrest 26 war nicht mehr erhaltungsfähig. Die Zähne 12 und 24 wurden in ihrer Prognose zunächst als fragwürdig eingestuft. Die Restbezahnung hatte eine gute Prognose.

Vorbehandlung und Therapieplanung

Um verschiedene Behandlungsoptionen beurteilen zu können, mussten zunächst hygienische Mundverhältnisse hergestellt werden. Eine professionelle Zahnreinigung und ein Deep Scaling wurden durchgeführt, die insuffiziente Brücke in der Oberkieferfrontzahnregion entfernt. Der Wurzelrest 26 und der Zahn 12 waren nicht mehr erhaltungsfähig und wurden extrahiert. An Zahn 24 erfolgte eine endodontologische Behandlung. Von Ober- und Unterkiefer wurden Situationsmodelle für die Planung und Bisshebung hergestellt. Mithilfe einer Wachsplatte wurde die Kieferrelationsbestimmung in der gewünschten Vertikaldimension (+ 3 mm) vorgenommen. Anschließend erfolgte die Gesichtsbogenübertragung.

Nach der Modellanalyse wurden gemeinsam mit dem Patienten die durchführbaren prothetischen Versorgungsarten besprochen. In der weiter unten angeführten Diskussion, sind die einzelnen Behandlungsoptionen näher beschrieben. Es wurde folgender Therapieplan erstellt:

Die Rekonstruktion der verlorengegangenen Vertikaldimension sollte in Form einer abnehmbaren teleskopierenden Brücke im Oberkiefer erfolgen. Als Pfeiler sollten die Zähne 16, 15, 14, 13, 11, 23, 24 und 27 herangezogen werden. Da der Patient im Unterkiefer keinen herausnehmbaren Zahnersatz wünschte und gleichzeitig eine Insertion von Implantaten ablehnte, fiel die Entscheidung zugunsten einer Extensionsbrücke aus. Zum Aufbau der Prämolarenstützzone links wurde dafür ein Brückenglied zum Ersatz des 2. Prämolaren 35 angehängt.

Die Detailplanung der prothetischen Rehabilitation ist in Abbildung 4 zu sehen. Die Metallgerüste der prothetischen Versorgung im Ober- und Unterkiefer sollten aus nur einem Legierungstyp (CoCrMo- Legierung) hergestellt werden. Die teleskopierende Brücke sollte mit Komposit und die Extensionsbrücke mit Keramik verblendet werden.

Präprothetische Maßnahmen

Der Zahn 24 hatte eine suffiziente Wurzelfüllung und zeigte röntgenologisch keine apikale Osteolyse. Dieser Zahn wurde im Rahmen der Vorbehandlung mit einem Glasfaserstift (Komet ER Dentin Post; Variolink, Ivoclar Vivadent) und plastischen Aufbau (Multicore flow, Ivoclar Vivadent) versorgt. Es folgte der Austausch der insuffizienten Füllungen an den Zähnen 16, 46 und 47. Das diagnostische Wax-up (Abbildung 5a) mit einer Bisshebung von 3 mm diente als Vorlage zur Herstellung einer laborgefertigten Tiefziehschiene (Abbildung 5b). Diese wurde zur Anfertigung der Provisorien benutzt. Die Oberkieferzähne wurden präpariert und mit einem chairside gefertigten Langzeitprovisorium (Structur, Voco) versorgt. Die im Vorfeld ermittelte Bisshöhe konnte somit präzise eingestellt werden. Für eine zufrieden stellende Ästhetik wurde das Provisorium im Frontzahnbereich mit speziellen Malfarben (Kerr) individualisiert (Abbildung 6).

Im Anschluss an die parodontale Initialtherapie wurde eine geschlossene Kürettage an den Pfeilerzähnen im Ober- und Unterkiefer durchgeführt. Nach der Heilungsphase wurde ein Zwischenbefund erhoben.

Reevaluation

Sechs Monate nach abgeschlossener präprothetischer Vorbehandlung wurde die klinische Situation neu befundet. Der erhobene dentale und parodontale Zwischenbefund (Abbildung 7) zeigte eine deutliche Verbesserung der Sondierungstiefen der betroffenen Zähne. Klinisch gab es keinen Anhalt eines apikalen entzündlichen Prozesses des wurzelkanalbehandelten Zahnes 24. Der Patient kam sehr gut mit der neu eingestellten Bisshöhe zurecht. Es wurden keine funktionellen Beeinträchtigungen festgestellt. Aus parodontal-prophylaktischen Gründen füllten die Brückenglieder den Spaltbereich Regio 22/23 nicht vollständig aus, so dass beim Sprechen Luft entweichen konnte.

Prothetische Maßnahmen

Die Ober- und Unterkiefer Pfeilerzähne wurden nachpräpariert. Der Sulkus wurde mit getränkten Fäden (Racetyptine, Septodont) erweitert, bevor die Zahnstümpfe im Doppelmischverfahren mit Polyether (Impregum, Permadyne) abgeformt worden sind. Im zahntechnischen Labor wurden die Primärteleskope aus CoCrMo-Rohlingen (Co 61,1 Prozent, Cr 32 Prozent, Mo 5,5 Prozent ) gefräst (Abbildung 8). Das Gerüst für die Unterkieferfreiendbrücke wurde aus derselben CoCrMo-Legierung gegossen. Intraoral wurden die Gerüste auf ihre marginale Passung hin mit einer Sonde überprüft. Mithilfe eines dünnfließenden Silikons wurde die interne Passung kontrolliert. Anschließend folgte im Oberkiefer die Fixationsabformung der Primärteleskope mit einem individuellen Löffel und ebenfalls Polyethermaterial.

Dabei wurde besonders darauf geachtet, dass bei der Einprobe und Fixationsabformung der Primärkronen, diese nicht vom Patienten verschluckt oder eingeatmet wurden, da eine Sicherung dieser nicht möglich ist [Olms und Mandla, 2008].

Im Labor wurden das Meistermodell und eine Bissschablone für den Oberkiefer hergestellt. Die neu eingestellte Bisshöhe mit den Provisorien wurde auf die Schablone übertragen. Im Anschluss wurde ein Gesichtsbogen angelegt. In derselben Sitzung wurde die Zahnfarbe mit Hilfe des Vita 3D Masters (Vita Zahnfabrik) bestimmt. In der darauffolgenden Sitzung erfolgte die Ästhetikeinprobe (Abbildung 9). Bisshöhe, Bisslage und Zahnform wurden überprüft. Die Zahnfarbe entsprach zu diesem Zeitpunkt nicht der gewünschten Farbe und die Mittellinie der oberen aufgestellten Schneidezähne wich geringfügig von der Gesichtsmittellinie ab. Nach der Wachseinprobe folgte die Modellation der Außenteleskope sowie des Gerüsts in der Zahntechnik. Im Einstückgussverfahren wurde das Gerüst (Co 63,1Prozent, Cr 28,5Prozent, Mo 6 Prozent ) hergestellt und intraoral auf die Passung kontrolliert. An der Außenfläche der Innenteleskopkronen wurde mithilfe der Funkenerosion eine definierte Rille angelegt. Der passgenaue Friktionsstift (CoCrMo) wurde an der korrespondierenden Stelle im Außenteleskop mittels Laserschweißens fixiert (Abbildung 10b).

Danach wurden die Außenteleskope mit Kompositmaterialien verblendet und die ersetzten Zähne individuell mit Komposit geschichtet. In Regio 12 bis 22 und in Regio 25 und 26 wurden die Gingivaanteile mit rosafarbenem Prothesenkunststoff imitiert, um eine optimale Rot-Weiß-Ästhetik zu erzielen (Abbildung 10a).

Die im Unterkiefer angefertigte Extensionsbrücke im III. Quadranten wurde mit keramischen Massen vollständig verblendet.

Nach Fertigstellung im Labor folgte die Gesamteinprobe. Die Restaurationen in Ober- und Unterkiefer wurden auf optimalen Sitz hin überprüft. Der Approximalkontakt der Unterkiefer-Extensionsbrücke am Pfeilerzahn 33 wurde kontrolliert. Die statische und die dynamische Okklusion mussten geringgradig korrigierend eingeschliffen werden. Die Politur erfolgte mit entsprechenden Polierinstrumenten am Stuhl. Abschließend fand die Kontrolle der Ästhetik sowie der Aussprache statt. Zunächst wurde die Extensionsbrücke im Unterkiefer mit schnellhärtendem Phosphatzement (Hofmann’s Zement) und provisorisch eingesetzter Oberkieferversorgung zementiert. Nach Abbindezeit wurden ebenfalls mit schnellhärtendem Phosphatzement die Innenteleskopkronen befestigt. Im Anschluss folgte die Überschussentfernung und nochmalige Kontrolle der statischen und der dynamischen Okklusion (Abbildung 11). Das Ein- und Ausgliedern der Teleskopversorgung sowie die Reinigung des Zahnersatzes wurden dem Patienten demonstriert.

Bei der Nachkontrolle nach drei Tagen wurde eine professionelle Zahnreinigung zur Entfernung der exogenen Verfärbungen der Unterkieferschneidezähne durchgeführt (Abbildungen 12 und 13).

Zehn Monate nach Behandlungsabschluss zeigten sich klinisch und funktionell keine Beeinträchtigungen. Der Patient kam sehr gut mit seiner herausnehmbaren Bücke im Oberkiefer zurecht. Das CoCrMo- Gerüst ermöglichte eine statisch stabile Sekundärkonstruktion bei graziler Gestaltung. Lippen-, Zungen- und Sprachgefühl waren für den Patienten durch die herausnehmbare Brücke sehr gut gelöst.

In der Nachkontrolle zeigten sich weder gingivalen Rötungen noch ein erhöhter Sulkus-Blutungs-Index. Das sprach für eine gute Mundhygiene und gut reinigbaren Zahnersatz. Mit der spannungsfreien Oberkieferrestauration war ein sicheres Ein- und Ausgliedern möglich.

Diskussion

Der Patient war bis zum Therapiebeginn mit einer festsitzenden Metallkeramikbrücke im Oberkiefer versorgt gewesen. Nach Pfeilerzahnverlust war die bisherige Restauration erneuerungsbedürftig. Die diagnostizierte abgesunkene Bisshöhe verlangte eine Rekonstruktion der Stützzonen. Eine Anhebung des Bisses kann zu Knochenatrophie, Zahnintrusionen, Klappern der Zähne beim Sprechen, Bruxismus und cranio-mandibulären Störungen führen [Hammond und Beder, 1984; Rivera- Morales und Mohl, 1991; Gross und Ormianer, 1994]. Um diese genannten Folgen weitgehend auszuschließen, sollte vor der Anfertigung des definitiven Zahnersatzes die neue Vertikaldimension mit Hilfe von Aufbissschienen oder Provisorien getestet werden [Handel, 2002].

Im Folgenden sollen die prothetischen Therapieoptionen in Ober- und Unterkiefer besprochen werden:

Eine erneute festsitzende Versorgung stellte wegen des bestehenden Kieferkammdefekts in Regio 21/22 und der daraus folgenden eingeschränkten Hygienefähigkeit eine ungünstige Voraussetzung dar. Die Ausgangssituation zeigte eine unbefriedigende Ästhetik im Frontzahnbereich. Die Okklusionsebene wich stark ab, zudem bestanden eine Mittellinienabweichung, eine Diskrepanz der Rot-Weiß-Ästhetik sowie unharmonische Zahnformen.

Festsitzender Zahnersatz in Form von konventionellen Brücken hätte die aufgezeigten Mängel nur bedingt lösen können.

Als herausnehmbarer Zahnersatz für den Ober- und Unterkiefer wäre eine klammerverankerte Modellgussprothese eine einfache und kostengünstige Versorgung gewesen. Als Konstruktionsmerkmal haben Modellgussprothesen große Verbinder, im Oberkiefer das Transversalband und im Unterkiefer in der Regel den Sublingualbügel. Betrachtet man die Ausgangssituation des Patienten, so ist festzustellen, dass im Oberkiefer aufgrund des weichgewebigen Transplantats im Gaumenbereich eine mechanisch belastbare Überquerung mit einem Transversalband nicht möglich gewesen wäre. Im Unterkiefer waren die beidseits vorhandenen Exostosen problematisch.

Die parodontal abgestützte, abnehmbare Teilprothese kann in physiognomischer, phonetischer und mastikatorischer Hinsicht der festsitzenden Brücke gleichwertig eingestuft werden [Reiber, 1999]. Gerade bei ungünstigen anatomischen Voraussetzungen, wie im vorliegenden Fall, ist die abnehmbare Brücke hinsichtlich der Nachahmung der Rot-Weiß-Ästhetik von Vorteil. Zum Reinigen kann die Teilprothese vom Patienten entfernt werden. So ist es möglich, den knöchernen Defekt vollständig abzudecken, damit ein Entweichen der Luft beim Sprechen verhindert werden kann. Die abnehmbare teleskopierende Brücke kann bei Pfeilerzahnverlust ohne größere Maßnahmen erweitert werden.

Ein Nachteil weitspanniger mittellinienübergreifender festsitzender Brücken ist, dass zeitweise diffuse Spannungsgefühle auftreten können [Köneke, 2007].

Für die Anfertigung einer teleskopierenden Teilprothese steht eine Vielzahl von Herstellungsmöglichkeiten zur Verfügung. So können unterschiedliche Arten von Doppelkronen und Materialvarianten verwendet werden. Konventionell werden für den von Doppelkronen getragenen Zahnersatz sowohl Edelmetalllegierungen als auch edelmetallfreie Legierungen kombiniert. Die Verwendung mehrerer verschiedenartiger Legierungen kann zu elektrophysikalischen Phänomenen in der Mundhöhle führen. Deshalb bietet sich der Einsatz gleicher Materialien für die Biokompatibilität an. In den letzten Jahrzehnten haben sich auch die CoCrMo-Legierungen ohne Zusätze von Nickel, Gallium und Beryllium bewährt. Daher wurde in diesem Fall nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus biokompatiblen Gründen allein dieser Legierungstyp (CoCrMo-Legierung) verwendet.

Bislang galt die Anfertigung teleskopierenden Zahnersatzes aus CoCrMo-Legierungen als besondere Herausforderung für den Zahntechniker im Hinblick auf eine präzise Passung und optimale Friktion der Innen- zu den Außenteleskopen. Mithilfe der Funkenerosionstechnik ist es möglich, über eine definierte Rille im Innenteleskop und einen korrespondierenden Friktionsstift im Außenteleskop eine friktive Haftung der Sekundärkronen auf den Primärkronen zu erzielen [Rübeling und Popall, 2007]. Die Haftkraft der Friktionsstifte wird vom Labor auf etwa 7 N voreingestellt und kann bei Bedarf durch einen speziellen Schlüssel aktiviert werden.

Dem Patienten wurde vor rund zehn Jahren eine einseitige Geschiebeprothese für die Freiendsituation im III. Quadranten eingegliedert, die er jedoch nicht trug. Bis zum Untersuchungszeitpunkt gab es keine Hinweise auf eine Cranio-Mandibuläre Dysfunktion (CMD). Eine Restbezahnung bis zum 2. Prämolaren ist für eine Abstützung der Kiefergelenke ausreichend. Die herausnehmbare schleimhautgetragene Prothese zum Ersatz der Seitenzähne kann das Risiko für die Entstehung von CMD nicht minimieren [Käyser et al., 1982; Witter et al., 2007; Sarita et al., 2003].

Eine festsitzende Lösung im Unterkiefer mit dem Therapieziel der Wiederherstellung einer verkürzten Zahnreihe ist in derartigen Fällen ein alternatives prothetisches Konzept [Walter und Luthardt, 2005].

Der Ausgangsbefund zeigte, dass die bereits überkronten Pfeilerzähne 33 und 34 vital waren, keinen Lockerungsgrad aufwiesen und nur einen geringfügigen Attachmentverlust hatten. Ein Indikationsgebiet für Extensionsbrücken besteht im Ersatz des 2. Prämolaren mit dem Ziel eine vollständige Prämolarenokklusion zu erreichen. Eine klinische Untersuchung stellte fest, dass Extensionsbrücken auch auf parodontal geschwächten Pfeilerzähnen gute Langzeitergebnisse aufweisen können [Nyman und Lindhe, 1979]. Die Erfolgsquote lag nach fünf bis acht Jahren bei 92 Prozent.

Die fehlenden Zähne 35 und 36 hätten theoretisch durch Insertion von einem oder mehreren Implantaten und anschließender festsitzender Restauration ersetzt werden können. Zahnersatz auf Implantaten hat nach fünf bis zehn Jahren eine Überlebensrate von 79 - 98,5 Prozent [Gunne et al., 1999].

Zusammenfassung

Der prothetischen Versorgung von Spaltpatienten sollte eine sorgfältige Planung vorausgehen. Dafür ist eine systematische Befunderhebung notwendig. Diese umfasst neben dentalem und parodontalem Status, Funktionsbefund und Modellanalyse auch die Analyse der anatomischen Gegebenheiten. So ist es essenziell, auf Alveolarfortsatzdefekte, Narbenzüge, Restperforationen des Gaumens, Beweglichkeit des Zwischenkiefers und die Physiognomie zu achten.

Bei ungünstiger anatomischer oder dental/ parodontaler Ausgangssituation stellt die abnehmbare teleskopierende Brücke ein bewährtes Behandlungskonzept dar. Die abnehmbare Brücke vereint die Vorteile von festsitzendem und herausnehmbarem Zahnersatz. Gerade bei vertikalen Knochendefiziten ist die konventionelle Brückenversorgung ohne augmentative Verfahren aus ästhetischen Aspekten und aufgrund der Hygienefähigkeit nicht immer adäquat.

Dr. med. dent. Constanze Olms
Dr. med. dent. Arne Boeckler
Prof. Dr. med. dent. Jürgen Setz
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Klinikum der Medizinischen Fakultät
Department für Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik
Große Steinstraße 19
06108 Halle
constanze.olms@medizin.uni-halle.de



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