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01.08.06 / 00:15
Heft 15/2006 Gesellschaft
Arzneimittelspargesetz zeigt Wirkung

Purzelnde Preise

Zuzahlungsfreie Medikamente in der Apotheke hat es seit zehn Jahren nicht mehr gegeben. Anfang Juli hat sich das geändert. Seitdem greift eine neue Stufe des Arzneimittelspargesetzes, die die Festbeträge für 79 Wirkstoffgruppen um 30 Prozent senkt. Produkte, die auf oder unter dieser Preisgrenze liegen, kosten in der Apotheke nichts. Das setzt die Pharmafirmen unter Druck – und lässt die Preise purzeln.



Die Preise für Generika sind in großem Stil gesunken. Von einem Preiskampf will jedoch niemand sprechen. Foto: IS

Vor allem der Generikamarkt ist in Bewegung. Grund: Die Krankenkassen haben die Zuzahlungsgrenze zunächst nur in der Festbetragsgruppe 1 abgesenkt. Dazu gehören Mittel, die denselben Wirkstoff haben. Das Ziel, das die Politik mit dem seit Anfang Mai gültigen Arzneimittelversorgungs- Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) verfolgt, liegt auf der Hand: Bietet ein Arzneihersteller sein Produkt unter der Zuzahlungsgrenze an, muss die Konkurrenz nachziehen. Die Rechnung scheint aufzugehen: Nach Angaben des Verbands der Generikahersteller, Pro Generika, haben die Anbieter ihre Preise in allen 79 Gruppen für insgesamt 2 100 rezeptpflichtige Medikamente gesenkt.

Intensiver Wettbewerb

„Historisch einmalig“ nennt Klaus Vater, Sprecher des BMG, den Preisrutsch bei den Nachahmerprodukten. Für Peter Schmidt, Geschäftsführer von Pro Generika, waren ganz einfach Marktzwänge der Auslöser. „Es ist ganz normale Unternehmensstrategie, die Preise zu senken, um größere Marktanteile zu erzielen“, erklärt er im Gespräch mit den „zm“. Von einem Preiskampf will Schmidt aber nicht sprechen: „Ich würde es eher als ständig stattfindenden Preiswettbewerb bezeichnen. Der hat sich durch das AVWG allerdings deutlich intensiviert.“ Bei den Festbeträgen reagierte die Branche also. Der Verbandssprecher geht jedoch nicht davon aus, dass sich bei den – ebenfalls von der Politik erwünschten – Rabattverträgen viel bewegen wird. Ein Hinweis dafür sei der Ausstieg zahlreicher Firmen aus dem Barmer- Hausarztvertrag.

„Unsere Spielräume sind seit Mai stark eingeschränkt. Vor allem weil das AVWG die bisher üblichen Naturalrabatte verbietet und Barrabatte nur noch bedingt erlaubt“, führt Schmidt aus. Verschärft werde die Situation außerdem durch den seit April anfallenden zehnprozentigen Abschlag auf Generika, den die Hersteller an die Krankenkassen entrichten müssen.

Pro Generika hofft, dass die Eingriffe in den Markt bald ein Ende nehmen. Man habe genug beigetragen, so der Tenor. Nach Verbandsangaben sparte die GKV im vergangenen Jahr durch Nachahmerprodukte rund 3,4 Milliarden Euro. Dagegen sei eine Milliarde Euro verschenkt worden, weil teure patentfreie Erstanbieterpräparate nicht durch Generika ersetzt wurden.

Befürchtungen zerstreut

Bei den Krankenkassen freut man sich über die schnelle Reaktion der Industrie. „Wir hatten die Befürchtung, dass die starke Absenkung der Festbeträge kontraproduktiv wirken könnte und die Unternehmen sie aus Rentabilitätsgründen nicht mitmachen“, erinnert sich Ann Hörath, Pressereferentin beim BKK-Bundesverband. Doch diese Bedenken wurden durch die aktuelle Entwicklung zerstreut: „Das AVWG hat neue Stellschrauben installiert. Patienten können jetzt gleiche Qualität für weniger Geld fordern.“ Die Versicherten zeigten großes Interesse. Auf die Website mit der Befreiungsliste, www.gkv.info, gibt es der BKK zufolge 30 000 Zugriffe pro Tag. Hörath: „Das Preisbewusstsein der Patienten ist gestiegen.“

Wegfallende Zuzahlungen bedeuten auch für die Versicherer weniger Geld in der Kasse. Eine wirtschaftliche Notlage drohe jedoch nicht: „Die neuen Festbeträge sind so berechnet, dass für die Kassen eine Win- Win-Situation entsteht“, erklärt die BKK-Sprecherin. „Außerdem müssen die Hersteller ihre Produkte so günstig anbieten, dass die Kassen trotz der fehlenden Zuzahlung entlastet werden.“

Von den Änderungen betroffen sind Höraths Ansicht nach vor allem die Ärzte: „Sie sind jetzt stärker in der Verantwortung und müssen den Patienten qualitativ gleichwertige, aber günstigere Produkte empfehlen.“ Die Gmünder Ersatzkasse (GEK) sieht in ihrem Arzneimittel-Report 2006 bei den Praxen noch Einsparpotenzial. Zu oft würden teure Analog- und Originalpräparate verordnet, die durch günstige Generika ersetzbar wären. Die GKV verliere dadurch drei Milliarden Euro jährlich. Dr. Roland Stahl, Pressesprecher der KBV, bezeichnet diese Zahl als „theoretische Hochrechnung“. Stahl weiter: „Die deutschen Ärzte sind Weltmeister beim Verordnen von Nachahmerprodukten. Drei Viertel aller generikafähigen Verschreibungen werden auch wahrgenommen.“ Beim verbleibenden Viertel setze man auf Information, etwa auf die Erarbeitung zuverlässiger Softwareprogramme, die Ärzten bei der Auswahl preisgünstiger Verordnungen helfen.

Keine Sonderangebote

Die Apotheker können über die finanziellen Auswirkungen des AVWG noch keine genaue Aussage machen. Die Regelungen seien noch nicht lange genug in Kraft, meint Dr. Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Sie räumt aber ein: „Die Gefühlslage bei den Kollegen ist sehr angespannt.“ Mit einem härteren Preiswettbewerb rechnet die Sprecherin nicht: „Die Preise für rezeptpflichtige Arzneien bleiben ja gleich.“ Wenig Bewegung sieht sie auch bei Sonderangeboten für rezeptfreie Mittel: „Hier wird es eher teurer. Vor allem weil die Naturalrabatte weggefallen sind und diese Ersparnis nicht mehr an die Kunden weitergegeben werden kann.“

Viel Spielraum für Wettbewerb bei den Apothekern sehen allerdings die Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen, Rheinland- Pfalz und Sachsen. Ihr Apotheken-Check 2006 für den Bereich preisungebundene, rezeptfreie Medikamente ergab, dass über 90 Prozent der Apotheken der unverbindlichen Preisempfehlung des Herstellers folgen. Nur ein einziger Anbieter habe die abgefragten Mittel billiger verkauft. Hier hätten die Anreize der Politik noch keine Wirkung gezeigt, schließt der Bericht. Im Gegenteil, es werde „sehr deutlich, dass die angekündigte Schaffung von mehr Preiswettbewerb und sinkende Arzneimittelpreise (...) im Bereich der nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel noch nicht erreicht wurden“.

Weitere Ergebnisse im Internet unter: www.vz-nrw.de/apothekencheck

INFO

Weitere Inhalte des AVWG:

• Die so genannte Bonus-Malus-Regelung soll Ärzte zum kostengünstigen Verordnen anhalten. Wer die erlaubten Durchschnittskosten um mehr als zehn Prozent überschreitet, soll einen finanziellen Ausgleich leisten.

• Naturalrabatte werden verboten, das heißt Hersteller können keine Arzneipackungen mehr kostenfrei an Apotheken abgeben.

• Bis zum 31. März 2008 gilt ein Preisstopp für Arzneimittel, die zu Lasten der GKV verordnet werden.

• Innovative Arzneimittel, die therapeutische Verbesserungen bringen, werden von den Festbeträgen freigestellt. Die Nutzenbewertung übernimmt das Institut für Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).



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