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16.05.13 / 12:00
Heft 10/2013 Politik
Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Quellen des Glücks

Diagnose Parodontitis: Was ist für den Patienten die beste Therapie? Auf dem 59. Zahnärztetag Westfalen-Lippe präsentierten Experten den aktuellen Stand. Einen Kontrapunkt zur Wissenschaft setzte Festredner Dr. Manfred Lütz: In einem „Parcours de Force“ führte er sein Publikum durch seine „Ethik des Heilens“.



Festredner Dr. Manfred Lütz (l.) begeisterte Kammerpräsident Dr. Klaus Bartling und das Publikum der Fortbildungstage in Gütersloh gleichermaßen. Foto: Zahnärztekammer WL

Tagungspräsident Prof. Dr. Hannes Wachtel hatte den Bogen weit gespannt: Angefangen bei Einblicken in moderne Behandlungskonzepte beleuchteten die Referenten das Thema Parodontologie bis hin zu Fragen wie „Wieviel parodontale Entzündung verträgt mein Patient?“ und „Scaling – Parodontalchirurgie – Extraktion: Was mache ich wann?“

3 600 Besucher hatten sich zu den Fortbildungstagen in Gütersloh vom 6. bis zum 9. März angemeldet – laut Kammerpräsident Dr. Klaus Bartling ein neuer Rekord.

Ein göttliches Geheimnis

Dass sich Lebensqualität nicht allein durch Gesundheit definiert, postulierte der Autor, Theologe und Psychotherapeut Lütz in seinem Festvortrag „Lebenslust – über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheit“. Habe man in der Antike der Weisheit und der Erleuchtung den höchsten Wert beigemessen, gelte heute die Gesundheit als kostbarstes Gut. Wie Lütz ausführte, verstand Aristoteles den Zustand des Gesundseins als göttliches Geheimnis. Ärzte seien dazu da gewesen, Krankheiten zu beseitigen, um diesen göttlichen Zustand wiederherzustellen. Lütz: „Auch für Hippokrates gab es nicht Krankheit oder Gesundheit. Für Hippokrates gab es den individuellen leidenden kranken Menschen.“ Heute hingegen glaube man, Gesundheit sei – wie übrigens alles in unserer Gesellschaft – ein produzierbares Produkt. Und das bedeute: „Man muss was tun für die Gesundheit.“ Was die meisten Menschen Lütz zufolge auch kritiklos tun: Gingen 1980 noch 100 000 Frauen und Männer ins Fitnessstudio, waren es im Jahr 2000 schon 4,59 Millionen.

Das Ende der Ethik

Die Gesundheitsreligion habe inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt. „Wenn nämlich der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der kranke, vor allem der nicht mehr heilbar kranke, der behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. Auch alte Menschen werden oft nur als Objekte wahrgenommen – das ist die Ethik des Heilens“, folgerte Lütz: „Früher erwartete man das Heil vom Priester, heute vom Arzt. Diese Ethik des Heilens aber ist das Ende der Ethik.“

Jene Heilssehnsucht produziere eine Pathologisierung und Frustration: „Wir leisten uns gewaltige Verdrängungsapparaturen, sprechen von einer medizinischen Über- versorgung und einer emotionalen Unterversorgung. Aber je mehr Krankheiten wir bekämpfen, desto mehr chronische Krankheiten kommen heraus. Kranke und Behinderte bereichern nicht nur die Gesellschaft, sie machen sie auch leistungsstärker.“

Gesundheit sei ein hohes Gut, aber nicht das höchste. Freiheit bedeute auch die Freiheit zu einem ungesunden Leben. Lütz: „Es geht darum, die Quelle des Glücks zu finden. Doch wer den Tod verdrängt, der verpasst das Leben.“

Info

Tag der offenen Tür

Mit einem Tag der offenen Tür für alle Mitglieder begeht die Kassenzahnärztliche Vereinigung WL im Juli ihr 60-jähriges Bestehen. Neben dem Blick hinter die Kulissen der Selbstverwaltung werden Informationen zu EDV-Systemen und ein wissenschaftlicher Vortrag des Medizinethikers und Zahnarztes Prof. Dr. Dominik Groß geboten. Für eine Presserunde im Anschluss an den offiziellen Teil hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr sein Kommen zugesagt.



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