Dagmar Schnabl et al.
31.01.17 / 00:01
Heft 03/2017 Fortbildung mit CME
Der interdisziplinäre Fall aus KFO, Kieferchirurgie und Prothetik – Teil 2

Rehabilitation einer Dysgnathiepatientin mit Klasse-II-Malokklusion



Zahnaplasien unterschiedlicher Ätiologie können Wachstumsstörungen der Kiefer, Malokklusionen, ästhetische Unzufriedenheit und psychosoziale Probleme bedingen. Anhand eines Fallberichts einer jungen Patientin mit Hypodontie, Distal- und Tiefbiss wird das aufwendige interdisziplinäre Diagnose- und Behandlungsprotokoll für die funktionelle und die ästhetische Rehabilitation erläutert.




Die Prävalenz von Zahnaplasien (Nichtanlage von Zähnen) liegt in Europa bei 2,3 bis 15,7 Prozent, in Österreich bei etwa 9,6 Prozent [Rakhshan, 2015; Volk, 1963]. Hypodontie bezeichnet das Fehlen von bis zu fünf, Oligodontie das Fehlen von sechs oder mehr Zähnen, Anodontie das Fehlen jeglicher Zahnanlagen [Heuberer et al., 2015]. Die Zahnaplasie kann (familiär gehäuft) als isoliertes Symptom vorliegen oder im Rahmen von insgesamt etwa 120 Syndromen (etwa ektodermale Dysplasie, Down-Syndrom, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten) auftreten [Rakhshan, 2015]. Auch exogene Faktoren wie Infektionen, eine Bestrahlung oder ein Trauma können die Ursache für Zahnaplasien sein. Am häufigsten sind – Weisheitszähne ausgenommen – die unteren und oberen zweiten Prämolaren sowie die oberen lateralen Schneidezähne betroffen [Bergendahl et al., 1996; Worsaae et al., 2007; Rakhshan, 2015]. Zahnaplasien können Wachstumsstörungen der Kiefer, Malokklusionen, eine Milchzahnpersistenz, eine ästhetische Beeinträchtigung sowie psychosoziale Probleme zur Folge haben. Die Therapie richtet sich nach dem Alter des/der Betroffenen, der Anzahl der fehlenden Zähne, dem Ausmaß der Dysgnathie und der ästhetischen Unzufriedenheit. Die Therapieansätze reichen von Nichtbehandlung über Kieferorthopädie (Lückenschluss, präprothetische Lückenöffnung), herausnehmbaren oder festsitzenden Zahnersatz, autologe Zahntransplantationen oder dentale Implantate bis zu Umstellungsosteotomien, häufig in Kombination.

Bei einer multiplen Aplasie kann es sinnvoll sein, Implantate zum Beispiel am Gaumen in Form von subperiostalen Onplants® (Nobel Biocare) oder in der interforaminalen Region des Unterkiefers schon vor Wachstumsende einzusetzen, um herausnehmbaren Zahnersatz zu verankern und eine skelettodentale Beeinträchtigung wie zum Beispiel eine anteriore Rotation der Mandibula bei Rücklage der Maxilla zu verhindern [Bergendahl et al., 1996; Bergendahl et al., 2008; Heuberer et al., 2012; Heuberer et al., 2015].

Bei der im folgenden Bericht vorgestellten Patientin war das Wachstum bereits abgeschlossen. Eine Behandlung mit abnehmbaren kieferorthopädischen Apparaturen über mehrere Jahre hatte in ästhetischer und in funktioneller Hinsicht nicht zu einem befriedigenden Ergebnis geführt.

Kasuistik

Diagnose und Behandlungsplanung:
Die 16-jährige Patientin war unglücklich über ihre lückig stehenden Zähne und wünschte eine Verbesserung der durch die Dysgnathie beeinträchtigten Kaufunktion und ihres Aussehens (Porträtbilder en face und seitlich Abbildungen 1a und 1b, enorale Situation Abbildungen 2a bis 2c).

Anhand des klinischen Befunds, des Orthopantomogramms (Abbildung 3), der Durchzeichnung des seitlichen Fernröntgenbildes (Abbildung 4) und der Analyse der einartikulierten Modelle wurden folgende Diagnosen gestellt: skelettale und dentale Klasse II nach Angle (Distalbiss), Tiefbiss, Aplasie der Zähne 12, 14, 22, 34, 42, Persistenz und Infraposition der Zähne 54 und 74, Mikrodontie, starke Attrition der Oberkiefer- und der Unterkiefer-Front- und Eckzähne.

Folgender Therapieplan wurde erstellt:
• Extraktion der persistierenden Milchzähne 54 und 74

• Aufbauen der oberen und der unteren Schneide- und Eckzähne sowie der unteren ersten Molaren auf Normgröße mithilfe von Kunststoffprovisorien

• Kieferorthopädische Vorbehandlung im Unterkiefer:
1. Rotationsausgleich
2. präprothetische Lückenverteilung im Frontsegment
3. Nivellierung und Ausformung des Zahnbogens
4. präprothetische Lückenverteilung im rechten und im linken Seitensegment

• Kieferorthopädische Vorbehandlung im Oberkiefer:
1. Rotationsausgleich
2. präprothetische Lückenverteilung im Frontsegment
3. Ausformung des Zahnbogens
4. präprothetische Lückenverteilung im rechten und im linken Seitensegment

• Bimaxilläre Umstellungsosteotomie mit Bisshebung

• Kieferorthopädische Feineinstellung

• Knochenaugmentation und Implantation im Bereich der Zahnlücken

• Prothetische Versorgung mit vollkeramischen (Teil-)Kronen zur Vergrößerung und Formgebung der zum Teil stark entkalkten beziehungsweise kariösen, sehr kleinen Zähne sowie Implantatkronen zur Etablierung einer stabilen Okklusion

Die Patientin und ihre Eltern erklärten sich nach eingehender Beratung, Aufklärung und Kostenaufstellung bereit, das umfangreiche Programm durchzuziehen.



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