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01.01.04 / 00:15
Heft 01/2004 Gesellschaft
Zahnärzte nach Großbritannien

Reif für die Inseln

Als Zahnarzt nach Großbritannien zu gehen, könnte für manchen deutschen Kollegen eine spannende berufliche Perspektive bedeuten. Viele deutsche Mediziner arbeiten bereits auf den britischen Inseln. Doch dass inzwischen auch deutsche Zahnärzte dringend gesucht werden, ist noch wenig bekannt. Einige britische Dentalketten werben bereits hier zu Lande. Am Beispiel der Praxis-Kette Associated Dental Practices (ADP) aus Surrey soll gezeigt werden, wie man als deutscher Zahnarzt reif für die Inseln wird.




Am 10. Oktober 2003 fand in den Räumlichkeiten der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn erstmalig eine Informationsveranstaltung für Zahnärzte statt, die sich für eine Tätigkeit in Großbritannien interessieren. Während derzeit bereits rund 2 000 deutsche Ärztinnen und Ärzte in Großbritannien arbeiten und damit das größte Kontingent ausländischer Ärzte auf den Britischen Inseln bilden, sind die Beschäftigungsmöglichkeiten für Zahnärzte dort weniger bekannt.

Immerhin 36 Interessenten hatten sich in Bonn eingefunden, um sich eingehend über die Perspektiven zu informieren, die ADP Dental Co.Ltd. aus Reigate in Surrey (Südengland) deutschen Zahnärzten zu bieten hat. Zunächst stellte Chairmann Richard Flaye das Unternehmen ADP (Associated Dental Practices) vor. Es wurde 1985 gegründet und ist seither auf 34 Praxen angewachsen, die rund 145 000 Patienten in Südengland betreuen. Etwa 90 Zahnärzte und 230 weitere Mitarbeiter werden beschäftigt. Wegen der beabsichtigten Expansion der Praxis- Kette hat sich ADP erstmalig dazu entschlossen, auch in Deutschland eine Informationsveranstaltung durchzuführen verbunden mit Bewerbungsgesprächen, die im Anschluss sofort stattfanden und auch von etlichen Teilnehmern genutzt wurden.

Andere Rechtslage

Die Eigenheiten der britischen Situation in der Zahnmedizin und die Philosophie von ADP darzustellen, nahm fast zwei Stunden in Anspruch und erwartungsgemäß ergaben sich in der Diskussion zahlreiche Fragen. Etwas anders als in Deutschland erlaubt es die Rechtslage im Vereinigten Königreich,als selbständiger Zahnarzt für eine Firma wie ADP oder andere zu arbeiten. Es handelt sich dabei nicht um ein Angestelltenverhältnis, sondern um eine freiberufliche Tätigkeit mit einem entsprechenden Contract (Arbeitsvertrag), in dem die Rechtsbeziehungen festgelegt werden. Kleinere Praxen in ländlichen Gebieten sind bei ADP und der neu erworbenen Healy Dental Group in East Anglia nahe Cambridge ebenso vorhanden wie in den größeren so genannten Home Counties in und um London.

Dabei handelt es sich nicht um Privatpraxen, sondern um eine Mischung aus Privatbehandlung und NHS (National Health Service). In Großbritannien werden gegenwärtig 65 Prozent der Einnahmen aus NHSLeistungen erzielt, der Rest kommt aus Privatabrechnungen mit steigender Tendenz. Einzelpraxen und reine Privatpraxen sind in Großbritannien meist weniger bis unrentabel. Daher ist die Teilnahme am Nationalen Gesundheitsdienst unverzichtbar, um sicherzustellen, dass eine ausreichende Anzahl von Patienten für eine Gruppenpraxis zur Verfügung steht. Diese müssen sich registrieren lassen und können dann selbst entscheiden, ob sie mit der meist sehr einfachen Grundversorgung zufrieden sind oder die anspruchsvolleren Versorgungen wählen.

Die Privatbehandlung ist schon allein wegen des geringeren bürokratischen Aufwands rentabler und verschafft den Zahnärzten ein entsprechend höheres Einkommen und eine interessantere Tätigkeit. Dazu gehören die Versorgung mit Veneers oder Implantaten und die ästhetische Zahnheilkunde ganz allgemein, aber auch Kieferorthopädie oder Parodontologie. Das Brutto-Einkommen wird auf 50 000 bis 100 000 Pfund geschätzt und es gibt ein Bonussystem für besonders umsatzstarke Praxen. Die Kosten für die Praxen und deren Ausstattung, die Materialien sowie das Personal sind dabei bereits berücksichtigt. Die Hälfte der erzielten Erträge bleiben zur Investition und Expansion bei ADP, der Rest ist das persönliche Einkommen des Zahnarztes.

Etliche Formalien für die Einwanderungsbehörde UK Immigration Department sind zu berücksichtigen, bevor man eine zahnärztliche Tätigkeit in Großbritannien antreten kann. Zur Erlangung einer Arbeitserlaubnis bedarf es einer Art Fürsprache (References of good standing) zweier Personen, die einem persönliche und berufliche Integrität bestätigen. Der Arbeitsvertrag ist vorzulegen sowie die Registrierung beim GDC (General Dental Council), der für Verwaltungsbelange zuständig ist

Anspruchsvoller Sprachtest

Zwar werden die Examina innerhalb der EU- Länder gegenseitig anerkannt, allerdings ist eine Sprachprüfung zu absolvieren. Diese ist sehr anspruchsvoll und verlangt Englischkenntisse auf sehr hohem Niveau. Es handelt sich um das IELTS (International English Language Testing System). Der Test kann kurzfristig beim British Council, zum Beispiel in Köln oder anderen Großstädten, abgelegt werden und prüft Schreiben, Lesen, Sprechen und Verstehen. Die Kosten liegen bei zirka 160 Euro. Er ist als Level 7 Test (dritthöchste Schwierigkeitsstufe) abzulegen. Die Arbeitserlaubnis (Work Permit) gilt bis zu 48 Monate und ist innerhalb von zwei Wochen erhältlich, wobei man in allen Belangen von ADP unterstützt wird.

Richard Flaye betonte auf der Bonner Veranstaltung die Bedeutung der Registrierung beim GDC (Jahresbeitrag 200 Pfund), da dieser auch das Berufsrecht und die Fortbildungspflicht (Continuing Professional Development) regelt. Wenigstens 250 Fortbildungsstunden sind innerhalb von fünf Jahren nachzuweisen, wobei die Art der Fortbildung im Detail geregelt ist. Der Nationale Gesundheitsdienst zahlt seinen Zahnärzten deren Teilnahme an der Fortbildung mit 52 Pfund pro Stunde für eine begrenzte Anzahl von Stunden.

Ohne Kosten erfolgt die vorgeschriebene Registrierung beim lokalen PCT (Primary Care Trust), einer Art regionaler Gesundheitsverwaltung. Ein weiterer Kostenfaktor ist die Haftpflichtversicherung, für die rund 900 Pfund jährlich aufzubringen sind. Eine Mitgliedschaft im zahnärztlichen beruflichen Dachverband, der British Dental Association (BDA), ist zwar freiwillig, jedoch empfehlenswert. Die meisten britischen Zahnärzte sind dort Mitglieder wegen der vielen Vorteile, wie dem Bezug des BDJ (British Dental Journal) und anderer wichtigen Informationen, etwa dem Private Dental Fee Guide (Private Gebührenrichtlinie). Die Kosten belaufen sich um die 300 Pfund pro Jahr. Auch ein Impfstatus auf eigene Kosten gegen Hepatitis B, Tetanus und Keuchhusten ist nachzuweisen.

Qualitätssicherung

ADP-intern legt großen Wert auf die Clinical Governance, ein Qualitätssicherungssystem. Jeder Zahnarzt muss sich schriftlich verpflichten, diesen Regeln zu folgen. Sie geben vor, die Dienstleistungen am Patienten auf hohem Niveau zu erbringen und ständig zu verbessern, hohe klinische und ethische Standards einzuhalten und regeln die Beziehung zwischen den Praxen, Zahnärzten, Angestellten und Patienten.

Eine rund dreimonatige Einführungszeit – bei regulär 37,5 Wochenstunden Arbeitszeit und jährlich 30 Tagen Urlaub – gehören mit zur Unternehmensphilosophie. Dabei hat man als Newcomer die Möglichkeit, sich mit den doch recht komplizierten NHS-Regeln vertraut zu machen und die private Gebührentabelle kennen zu lernen.

Auch die Praxissoftware erfordert eine Einarbeitungsphase, ebenso die Dokumentation der Krankheitsfälle nach rechtlichen Vorgaben und das Verordnungswesen für Medikamente. Unterstützt wird man durch das Mentoring, bei dem nicht nur praxisübergreifend Hilfestellung erteilt wird, sondern auch eine Kontrolle der Leistungsbereitschaft und anderer Fähigkeiten, wie Kommunikation, fachliche Kompetenz und Teamfähigkeit, stattfindet.

Bei der Wohnungssuche wird Hilfe angeboten. Eine Wohnung schlägt mit rund 600 Euro monatlich je nach Praxisstandort zu Buche. Für die Altersvorsorge sollte man wenigstens nochmals 500 Euro monatlich einkalkulieren.

Natürlich besteht in Großbritannien Steuerpflicht, und der Steuerberater stellt etwa 1 000 Pfund für die Steuererklärung in Rechnung. Ein Beitrag zur Sozialversicherung, der National Insurance, ist zu zahlen, außerdem werden lokale Steuern und Abgaben fällig. Wegen des Steuerstatus als Selbständiger können jedoch nahezu alle Aufwendungen bei der Steuererklärung in Ansatz gebracht werden.

Für diejenigen Zahnärzte, bei denen die sehr informative Präsentation von ADP mit Unterstützung der Bundesanstalt für Arbeit noch offene Fragen hinterließ, ergab sich im persönlichen Bewerbungsgespräch die Gelegenheit zur Klärung. Für die Professionalität, mit der ADP arbeitet, spricht die Tatsache, dass auch Teilnehmern ohne Bewerbungsgespräch in einem Anschreiben weitere Informationen und Unterstützung angeboten wurden.

Der Freiraum für Zahnärzte und Patienten ist in Großbritannien seit der konservativen Regierung Thatcher stetig gewachsen und auch New Labour unter Tony Blair hat nicht die Absicht, diesen zu Beginn teils für alle sehr schmerzhaften Wandel wieder rückgängig zu machen. Für Zahnärzte ergibt sich ein Public-Private-Partnership der besonderen Art, das sich durch die Betonung der Selbstbestimmung des Patienten auszeichnet und dem Berufsstand durch neue Organisationsmodelle größere Spielräume und sicherere wirtschaftliche Verhältnisse gewährt, ohne die ethische Verpflichtung aus dem Blick zu verlieren.

Als Zahnarzt in Großbritannien zu arbeiten, ist bei entsprechenden Sprachkenntnissen eine durchaus interessante Perspektive für diejenigen, denen das hiesige System eine solche nicht mehr bietet oder die eine neue Herausforderung suchen.

ZA Carlheinz Swaczyna
Am Marktplatz 21
47829 Krefeld

So funktioniert der Nationale Gesundheitsdienst NHS im Dentalbereich:

Für die zahnärztliche Grundbehandlung kommt in Großbritannien der National Health Service (NHS) auf, jedoch mit erheblichen Patientenzuzahlungen. Ausgenommen sind sämtliche kosmetischen Behandlungen, VMK-Kronen auf Molaren und Composite-Füllungen mit occlusaler Beteiligung. Da ein großer Bedarf an derartigen Behandlungen besteht, können sie nur auf privater Basis erbracht werden.

Eine Gebührenordnung wie die GOZ gibt es nicht, man orientiert sich nach dem Private Fees Guide der British Dental Association (BDA), einer Art Gebühren-Empfehlungsliste, erstellt danach seine eigene Honorartabelle und legt diese in der Praxis zur Einsicht aus. Da jeder Patient einen Computerausdruck mit den durchgeführten Behandlungen erhält, ist immer klargestellt, was NHS-Behandlung und was Privatbehandlung war. Üblicherweise beträgt das Privathonorar das 2,5- bis dreifache des NHS-Honorars. Für eine Untersuchung mit Zahnsteinentfernung zum Beispiel bezahlt der NHS-Patient 13,20 Pfund, privat kostet diese Leistung – etwa in Edinburgh – zwischen 35 und 50 Pfund.

Für jeden registrierten Patienten muss die NHS Behandlung sichergestellt sein, das umfasst auch Notfälle außerhalb der Sprechzeiten sowie an Wochenenden und Feiertagen. Der Notdienst ist ähnlich wie in Deutschland geregelt, so dass im Rotationsverfahren eine Praxis für einen bestimmten Bezirk oder andere beteiligte Praxen zur Verfügung steht.

Abhängig von Anzahl und Alter der registrierten Patienten erhält die Praxis monatlich eine Summe zwischen 1 000 und 3 000 Pfund als Continuing and Capitation Fee. Sie setzt sich zusammen aus :

• Continuing Care: Abhängig von der Anzahl und dem Alter der registrierten Erwachsenen (18 bis 64 Jahre 0,60 Pfund monatlich; über 65 Jahre 0,66 Pfund monatlich)

• Capitation Fee: Abhängig von der Anzahl und dem Alter der Kinder auf der Liste, zwischen 0,82 Pfund für die jüngsten Patienten und 3,90 Pfund bei den 13- bis 17-Jährigen.

• Items of Service: Honorare für die jeweils ausgeführten Behandlungen, deren Höhe Vertragsbestandteil ist und die ähnlich wie der BEMA in einer Liste, dem NHS-Statement of Remuneration, festgelegt sind. Diese Liste umfasst etwa 300 Leistungspositionen.

Die Leistungen werden täglich elektronisch dem Dental Practice Board zur Abrechnung und Kontrolle übermittelt. Die Auszahlung erfolgt nach Möglichkeit monatlich, kann aber in Abhängigkeit vom Umfang der Behandlung auch bis zu acht Wochen dauern. Übersteigt der Behandlungsumfang 390 Pfund, ist eine Behandlungsgenehmigung vor Behandlungsbeginn erforderlich, die elektronisch angefordert und erteilt werden kann. Liegt der letzte Zahnarztbesuch mehr als 15 Monate zurück, wird der Patient aus der Registrierung in der Praxis gestrichen.

Anders als in Deutschland hat also die Praxis abhängig vom Umfang der Patientenzahl ein kalkulierbares - Fixum, welches zumindest die laufenden Unkosten zu einem Teil abdeckt. Ob der Patient einer Behandlung bedarf oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Rund 26 Prozent der britischen Patienten sind von einer Zuzahlung befreit, ansonsten hat der Patient bei allen NHS-Behandlungen 80 Prozent Selbstbeteiligung, maximal jedoch 360 Pfund pro Behandlungszyklus, zu tragen. Das soll dazu beitragen, dass alle anstehenden Behandlungen vollständig erfolgen, da sonst die Zuzahlung wieder von Neuem beginnt. Oft wird dies durch Zusatzversicherungen der Patienten erleichtert.

Als Besonderheit ist anzuführen, dass Privat- und NHS-Behandlung beim gleichen Patienten kombiniert werden können, jedoch nicht am gleichen Zahn. Einen über NHS wurzelgefüllten Zahn kann man nicht mit einer „Privatkrone“ versorgen. Wünscht also ein Patient eine VMK-Krone auf einem Zahn, der ebenfalls noch wurzelgefüllt werden soll, so muss er auch diese Wurzelbehandlung privat bezahlen.

Zahnärzte im NHS können für sich die Vorteile eines der besten Pensionssysteme in Großbritannien in Anspruch nehmen und bekommen die Pflichtfortbildung größtenteils durch den NHS bezahlt. Dafür haben sie in der Regel zwischen 20 und 30 Patienten am Tag zu behandeln. In den letzten Jahren ist es allerdings für viele Patienten immer schwieriger geworden, Zahnbehandlung über den NHS zu erhalten, da viele der rund 22 000 Zahnärzte zunehmend nur noch Privatpatienten behandeln und ganz aus dem NHS aussteigen, insbesondere im wohlhabenderen Süden des Landes und rund um London.

Kontakte

ADP Associated Dental Practices:
Justine King
Human Resources Manager
Ringley Park House
59 Reigate Rd
Reigate
Surrey RH2 0QT
Tel: 0049/1737/229490
Fax: 0049/1737/229499
E-Mail: justine.king@adpco.net
www.adp-dental.com

ZAV Zentralstelle für Arbeitsvermittlung:
Miguel Peromingo
Villemombler Str. 76
53123 Bonn
Tel: 0228/713-1047
Fax: 0228/713-1180
E-Mail: Miguel.Peromingo@arbeitsamt.de
www.arbeitsamt.de
 



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