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16.04.12 / 12:00
Heft 08/2012 Fachforum
Dentale Traumatologie

Retrospektive Analyse dentaler Traumafälle durch ITN

Schäden dentoalveolärer Strukturen sind ein häufiger Zwischenfall bei allgemeiner Anästhesie (Intubationsnarkose, ITN) und können mit erheblichen Folgen für den betroffenen Patienten verbunden sein.




In der vorliegenden Studie erfolgte von 1990 bis 2004 eine zentrale Dokumentation perioperativer, dentoalveolärer Verletzungen in der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Kooperation mit der Abteilung für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum. Ziel war, derartige Zwischenfälle genau zu untersuchen. Als perioperative Zahnverletzung wurde dabei jede Form sichtbarer Veränderungen dentoalveolärer Strukturen während oder nach einer Narkose definiert.

Material und Methode

Retrospektiv wurden die Daten aus den Anästhesiecharts und aus den Operationsberichten der Anästhesie sowie der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ausgewertet. Im Fokus der Untersuchung standen die Ätiologie und die anschließende Versorgung der Verletzungen sowie die Einschätzung, ob die Verletzung vermeidbar gewesen wäre. Zusätzlich erfolgte eine Analyse der Häufigkeit, der eventuellen Umstände beziehungsweise der Ursachen im Hinblick auf die Narkosesituation sowie eine Übersicht der Verteilung der einzelnen Zahnverletzungsformen.

Ergebnis

Über einen Zeitraum von 14 Jahren wurden 375 000 Narkosen durchgeführt und untersucht, wobei 82 Fälle von perioperativen Verletzungen dokumentiert wurden. Insgesamt waren 103 Zähne betroffen. Die Inzidenz von 0,02 Prozent war sehr konstant mit einem Durchschnitt von 5,5 Ereignissen pro Jahr.

89 Prozent der dokumentierten Verletzungen traten bei geplanten operativen Eingriffen auf. Nur 32,9 Prozent der dokumentierten Verletzungen fanden während der endotrachealen Intubation statt, 8,5 Prozent entstanden während der Extubation. Am häufigsten – mit etwa der Hälfte der Fälle – war der Zeitpunkt des Traumas nicht in Verbindung mit der Intubation oder der Extubation vorzufinden, sondern geschah während der Vollnarkose. 80 Prozent der Zahnverletzungen wurden nach Einschätzung des zuständigen Anästhesisten als „nicht vermeidbar" eingestuft. Die Modalitäten der entstandenen dentalen Verletzungen umfassten dabei Zahnlockerungen, Luxationen, Zahn- oder Kronenfrakturen, Extraktionen, kleinere Beschädigungen der Zahnhartsubstanz sowie Alveolarfortsatzfrakturen (Abbildung oben). Am häufigsten traten mit 39 Prozent Zahn- lockerungen auf, gefolgt von Kronen- und Zahnfrakturen (28 Prozent) sowie von Zahnluxationen (20 Prozent). Oberkieferfrontzähne waren dabei signifikant häufiger betroffen als alle anderen Zähne, wobei die Läsionen dabei insbesondere am oberen linken Schneidezahn auftraten (als mögliche Ursache ist hier die Technik bei der Positionierung des Laryngoskops anzusehen). In 67 Fällen wurde eine präoperativ vorhandene Erkrankung oder strukturelle Schädigung der intraoralen Gewebe dokumentiert. Die Therapie der perioperativ entstandenen Zahnverletzungen erfolgte bei 47 Patienten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus durch den Hauszahnarzt. 27 Fälle wurden bereits im Krankenhaus durch den Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen behandelt oder wurden von diesem an die entsprechenden zahnärztlichen Einrichtungen überwiesen. Bei 45 Prozent war entweder die Extraktion oder gar keine spezifische zahnärztliche Therapie erforderlich. In 47 Fällen waren konservierende oder prothetische Versorgungen notwendig. Entsprechende Zahlen über die dadurch entstandenen Kosten waren nicht Bestandteil der Untersuchung.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass – gemessen an der Vielzahl von Narkosen und dem Spektrum chirurgischer Fachbereiche – die Häufigkeit von Narkose-bedingten Zahntraumata gering ist. Allerdings scheinen Zahnverletzungen während der In-/Extubation oder während der Narkose nicht völlig vermeidbar. Bei der Mehrzahl der betroffenen Patienten wurde bereits bei der präoperativen Beurteilung des Zahnstatus eine bestehende strukturelle Schädigung oder Erkrankungen der dentoalveolären Gewebe dokumentiert. Beim Auftreten perioperativer Zahnverletzungen empfiehlt sich unverzüglich eine zahnärztliche Beurteilung. Ein angemessenes therapeutisches Management ist anschließend indiziert, um ein Fortschreiten der Zahnerkrankung während des weiteren Krankenhausaufenthalts zu vermeiden. Eine spezifische Beurteilung der intraoralen Strukturen sollte vor dem operativen Eingriff insbesondere in Bezug auf bereits vorhandene strukturelle Mängel beziehungsweise Erkrankungen durchgeführt werden, um das Risikopotenzial abschätzen oder noch vorbereitende Maßnahmen treffen zu können. Die Dokumentation (zum Beispiel bereits vorhandene Zahnlockerungen und/oder -verluste durch eine vorhandene parodontale Erkrankung) ist auch ein wichtiges Beweisstück bei später eventuell folgenden Schmerzensgeldforderungen gegenüber dem Operateur beziehungsweise Haftpflichtigen.

Bewusstsein für das Problem, ein interdisziplinäres Konzept für das Management und die ordnungsgemäße Dokumentation sind wichtige Voraussetzungen, um eine angemessene Behandlung und Therapie von perioperativen Zahntraumata zu gewähren. Wichtig sind eine sorgfältige Prüfung und die anschließende Abwägung zwischen dem Nutzen des chirurgischen Eingriffs und der Gefahr einer Verletzung dentoalveolärer Strukturen durch eine Vollnarkose (Fotos oben).

Nur durch eine konstruktive Kooperation zwischen Klinikern (Operateur, Anästhesist) und dem Hauszahnarzt können überhaupt präventiv wirksame Maßnahmen getroffen werden und es kann dann im Falle einer traumatischen Verletzung eine adäquate Therapie erfolgen.

Dr. Anna-Katharina Gieren

Charité-Universitätsmedizin Berlin

CharitéCentrum 3 für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin/

Abteilung für Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin

Aßmannshauser Str. 4-6

14197 Berlin

anna-katharina.gieren@charite.de



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