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16.09.12 / 12:00
Heft 18/2012 Leitartikel

Return to sender



Dr. Jürgen Fedderwitz Foto: KZBV-axentis.de

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

manche Schlagzeile verlangt danach, dass man zweimal darüber nachdenkt: So ging kürzlich eine Meldung durch die Fachpresse, dass die Briten ihr staatliches Gesundheitswesen, den National Health Service (NHS) exportieren wollen. Dadurch soll mehr Geld in das marode System gepumpt werden.

Der deutsche Beobachter reibt sich erstaunt die Augen. Fragen drängen sich auf: Glauben die britischen politischen Entscheidungsträger tatsächlich, ein System im Ausland als Erfolg verkaufen zu können, das selbst im eigenen Land kaum noch Blumentöpfe gewinnen kann, das aufgrund seiner Finanzierung aus Steuermitteln zum Spielball politischer Budgetzwänge wird und das mit allen daraus resultierenden Versorgungsproblemen eher Negatives produziert: Innovationshemmnisse, Rationierungen und Wartelisten. Dieses System mit seinem offenkundigen Schattenmarkt und seinem verstärkten Versorgungstourismus ins Ausland will man exportieren?

Aber reicht es, aus deutscher Sicht den Kopf zu schütteln und allenfalls milde zu lächeln? Das könnte man durchaus tun. Doch mit Blick auf die gesundheitspolitischen Diskussionen hierzulande vergeht einem leicht das Lachen. Zu beobachten ist, dass auch bei uns die Empfänglichkeit steigt für ein staatlich gelenktes Gesundheitssystem.

Vor dem Hintergrund der durch Demografie und wissenschaftlichen Fortschritt auch bei uns geführten Diskussion über finanzielle Ressourcen und Versorgungsmechanismen fallen solche Gedanken bei vielen Gesundheits-politikern, mehr noch bei Politikern, die von Gesundheitspolitik keine große Ahnung haben, schon auf frucht- baren Boden. Man denke nur an die auf breiter Basis geführten Diskussionen um die Bürgerversicherung oder die Tenden-zen hin zur Vereinheitlichung des dualen Versicherungssystems.

Nicht zuletzt die Interventionen des Finanzministers Wolfgang Schäuble beim parlamentarischen Werdegang des Versorgungsstrukturgesetzes zeigen, wohin zumindest bei Politik und Administration leicht, aber auch leichtfertig das Pendel schlägt. Hier hatte Schäuble Gesundheitsminister Bahr finanzielle Daumenschrauben angelegt und einen engen Kostenrahmen bei den Ausgaben verordnet.

Das ist hochgradig bemerkenswert, doch was bei all diesen Konzepten fehlt, ist ein gedanklicher Schwenk in die andere Richtung: Die Tatsache nämlich, dass auch andere Mechanismen greifen könnten, um mehr Spielraum ins System zu bekommen. Etwa durch einen mündigen, selbstverantwortlichen Patienten, der gefordert ist, aus Alternativen zu wählen und Entscheidungen zu treffen, auch finanzieller Art. Der informiert genug ist, um zwischen Therapiealternativen wählen zu können, und der durch diese Wahlmöglichkeit die Chance hat, am medizinisch-technischen Fortschritt teilzuhaben und auf ihn zugeschnittene Therapielösungen zu erhalten. Und das losgelöst vom Korsett einer staatlich ver- ordneten Systematik.

Dieses Beispiel gibt es, zumindest in der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland: Wir Zahnärzte haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das möglich ist und dass unsere Patienten die Vorteile auch erkannt und anerkannt haben. Das ist die Alternative zu staatlich verordnetem Einheitsbrei. Insofern ist auch nur konsequent, dass wir uns als die Anwälte unserer Patienten in einem – zugegeben – immer komplexeren Gesundheitssystem verstehen.

Was den Zielkonflikt im Gesundheitswesen betrifft, einerseits für den Patienten die bestmögliche Gesundheitsversorgung umzusetzen und andererseits die Finanzierbarkeit des Systems zu erhalten, haben wir Zahnärzte also bereits für unseren Bereich einen gangbaren Weg aufgezeigt. Jetzt gilt es, diesen weiter auszubauen und eine Positionierungsstrategie für die Zukunft zu erarbeiten. Wir brauchen keine staatliche Einheitsversicherung, sondern einen gesunden Wettbewerb zwischen den Versicherungssystemen.

Wenn das dann alles klappen sollte, kann man durchaus darüber nachdenken, das System zu exportieren – beispielsweise nach Großbritannien. Aber NHS? Besser: return to sender!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz

Vorsitzender der KZBV



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