sg
01.10.13 / 00:01
Heft 19/2013 Praxis
Crowdinvesting

Risikoreich und spannend

Die Idee, innovative Ideen und Projekte mit dem Kapitaleinsatz vieler privater Investoren zu finanzieren, findet immer mehr Anhänger. Auf Internetplattformen wie Seedmatch oder Innovest finden Anleger und Start-ups zueinander. Für die Investoren birgt das Geschäft Chancen auf Gewinn, aber auch große Risiken. Für die Altersvorsorge eignet sich das Spiel jedoch weniger.




Sie heißen AoTerra oder Sonnenrepublik – junge Startups, die mit Hilfe von vielen Investoren ihre Geschäftsideen realisieren können. Hinter AoTerra verbirgt sich die Idee, Immobilien nach einer neuen Methode mit Wärme und Warmwasser zu versorgen. AoTerra nutzt dazu die Wärme, die Server während der Betriebszeit produzieren. Auf Seedmatch sammelte das Unternehmen eine Million Euro, gegeben von 883 Investoren. Sie lassen ihre Einlage bis 2017 im Unternehmen.

Die beiden Inhaber von Sonnenrepublik stellten ihre Idee auf Innovestment vor. Bei ihrem Projekt handelt es sich um die erste Plattform für modulare Stromversorgung. Sie entwickelten mit ClicCell ein vier-mal-vier Zentimeter großes Solarmodul, das mit anderen Modulen oder Geräten zusammengesteckt werden kann und mit dessen Hilfe sich zum Beispiel Handys aufladen lassen. Für die Finanzierung der Idee gaben 24 Investoren 100 000 Euro. Jetzt warten auf Seedmatch, Innovestment, Companisto und anderen Plattformen viele neue Projekte auf Geldgeber.

Crowdfunding heißt die ursprüngliche Geschäftsidee, die wie so viele andere aus den USA kommt. Kickstarter bietet vor allem der Kreativszene eine Plattform, auf der sie Geld für Projekte sammeln können. Hier tummeln sich Künstler, Musiker und auch Journalisten, die Spender suchen, um ihre Ideen in die Tat umsetzen zu können. Als Belohnung erwartet die Geldgeber dann eine Einladung zur Filmpremiere, eine CD mit Autogramm oder ein Vorabexemplar des neuen Romans. Auch in Deutschland können Künstler, Filmemacher und Autoren über Plattformen wie Sellaband Geld einsammeln. Aufsehen erregte die Aktion der Kölner TV-Produktionsfirma Brainpool. Um den Film Stromberg zu finanzieren, akquirierte das Unternehmen auf einer eigenen Plattform innerhalb von nur sieben Tagen eine Million Euro.

Lockmittel Rendite

Seit zwei Jahren etwa verbreitet sich hierzulande die Idee von Crowdinvesting. Dabei dürfen Anleger, die Geld für Startups locker machen, auf eine Rendite hoffen. Das kann eine Gewinnbeteiligung sein und ein Anteil am Erlös, wenn die Firma von einem Konzern geschluckt wird. Die Methoden, mit denen die Investoren Anteile erwerben können unterscheiden sich je nach Anbieter.

In 2011 startete die erste deutsche Crowdinvesting-Plattform Seedmatch mit Sitz in Leipzig.

Innerhalb von zwei Jahren vermittelte das Portal für 45 erfolgreich platzierte Projekte eine Investitionssumme von mehr als 7,5 Millionen Euro und entwickelte sich zum Branchenprimus. Insgesamt beteiligt sich eine Crowd (Menge) von 16 800 Personen. Mindestens 250 Euro muss jeder Interessierte pro Anteil einzahlen. Unter den auf der Plattform vorgestellten Unternehmen kann der Anleger wählen. Er lässt sich registrieren und erfährt dann Näheres über das Projekt. Er kann sich ein Video anschauen, den Businessplan studieren, das individuelle Investmentangebot prüfen und Fragen an den oder die Gründer stellen. Wer sich für eine Idee begeistert und Geld investieren möchte, sollte wissen, dass sein Kapital in der Regel mindestens fünf Jahre gebunden ist. Danach kann er den Vertrag beenden und bekommt dann seinen Anteil am Unternehmen entsprechend seiner Beteiligung ausgezahlt. Während der Laufzeit wird er an etwaigen Gewinnausschüttungen beteiligt. Alternativ ist die Auszahlung im Rahmen eines Exit-Ereignisses möglich. In diesem Fall wird das Unternehmen verkauft und die Anteilseigner werden ausgezahlt.

Die Beteiligung erfolgt als partiarisches Nachrangdarlehen. Das bedeutet zum einen eine geregelte Gewinnbeteiligung. Zum anderen kann sich der Anteil verändern. Gesetzt den Fall, ein Investor hält einen Anteil von 0,1 Prozent am Unternehmen. Sammelt Seedmatch ein weiteres Mal Geld für das Unternehmen ein, bleibt der Anteil des Investors am Unternehmen in absoluten Zahlen gerechnet gleich, auch wenn sein relativer Anteil auf 0,09 Prozent sinkt – er verwässert. Die Anteilsquote sinkt, aber der Wert bleibt erhalten. Das partiar ische Nachrangdarlehen wird mit einem Prozent verzinst. Der eigentliche Gewinn entsteht am Ende der Vertragslaufzeit, wenn das Unternehmen dank seines wirtschaftlichen Erfolgs seinen Wert gesteigert hat. Daran nimmt der Investor entsprechend seines Einsatzes teil.

Kein Mitspracherecht

Das eingesammelte Geld wird so lange treuhänderisch verwaltet bis genügend Kapital zusammengekommen ist. Erst dann wird das Kapital an das Unternehmen ausgezahlt. Wird die festgesetzte Summe nicht erreicht, bekommen die Investoren ihr Geld zurück. Ein Mitspracherecht bei unternehmerischen Entscheidungen hat die Crowd nicht. Über einen besonderen Zugang auf der Homepage können die Investoren aber Kontakt mit dem Unternehmen aufnehmen, Fragen stellen oder Tipps geben. Die Leitung stellt dort auch die Quartalsberichte und die Jahresabschlüsse ein.

So spannend dieses Investment auch sein mag, Anleger sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie im Fall des Misserfolgs ihr eingesetztes Vermögen als Totalverlust abschreiben können. Dana Melanie Schramm, Sprecherin von Seedmatch rät deshalb: „Wir empfehlen den Anlegern, sich nur dann zu beteiligen, wenn sie genug Kapital haben, um langfristig in eine Vielzahl von Startups zu investieren und so ihr Risiko zu streuen. Anleger sollten also lieber kleine Beträge in viele Startups anstatt hohe Beträge in nur ein oder zwei Unternehmen geben.“ Das gilt für alle Crowdfunding-Beteiligungen wie zum Beispiel auch für Innovestment. Im Prinzip funktioniert auch hierbei die Beteiligung an einem Startup nach demselben Muster. Doch liegt die Mindestsumme bei 1 000 Euro. Der Anteilspreis steht nicht fest, sondern wird mithilfe einer Auktion ermittelt. Christine Friedrich, Direktorin bei Innovestment erklärt den Vorteil einer Auktion: „Mithilfe der Auktion kommt es zu einer marktgerechteren Bewertung des Startups.“

Junge Unternehmen, deren Bekanntheitsgrad noch gering ist, sind schwieriger zu bewerten als bewährte Firmen. Wer sich beteiligen will, setzt sich mit dem Konzept auseinander und kommt zu einer eigenen Bewertung. Schätzen viele Teilnehmer die Chancen hoch ein, steigt der Anteilspreis. Es kann aber auch passieren, dass die Crowd zu einem eher schlechteren Ergebnis kommt mit der Folge, dass die Anteile nicht verkauft werden. Deshalb warnt Friedrich die Startups vor einem zu hohen Startpreis.

Steigt der Anteilspreis während der Auktion schnell an, war er beim Start zu niedrig oder es könnte auch der Versuch einer Manipulation sein. Was in Kunstauktionen manchmal möglich ist, wenn der Verkäufer mithilfe von Unterstützern den Preis treibt, können natürlich auch Freunde des Unternehmers versuchen, in dem sie mitbieten. Steigen sie allerdings nicht schnell genug aus dem Bietgefecht aus, müssen sie zahlen. Jeder Bieter muss sich registrieren lassen und verpflichtet sich, die erworbenen Anteile zu bezahlen.

Kleine und große Anteile

Seit gut einem Jahr bietet Companisto seine Dienste mit Erfolg als Crowdinvesting-Plattform an. Im Gegensatz zu Innovestment setzen sie die Anteilspreise bewusst niedrig an. Interessenten können sich mit Beträgen zwischen fünf und 10 000 Euro an den vorgestellten Unternehmen beteiligen. Je fünf Euro bekommt der Companist eine bestimmte Beteiligungsquote: Je höher des Investment desto höher die Beteiligung.

Eher im großen Stil können sich Anleger über die Bergfürst engagieren. Auf dieser Plattform werden Aktien junger Unternehmen vorbörslich vermittelt. Dazu hat die BaFin die Erlaubnis erteilt. Investoren können mit einem Mindesteinsatz von 250 Euro einsteigen. Das Unternehmen, das über Bergfürst mithilfe neuer Aktien Kapital einsammeln will, ist verpflichtet, einen ausführlichen Prospekt zu veröffentlichen. Diesen muss es von der BaFin prüfen und genehmigen lassen.

Der Aktionär profitiert über den eventuell steigenden Kurs der Aktie vom Erfolg des Unternehmens. An der normalen Börse können die Papiere nicht gehandelt werden. Deshalb richtet Bergfürst einen Handelsplatz ein, auf dem die Aktien ver- und gekauft werden können. Sollte dieses Konzept funktionieren, würde es den Anlegern den Ausstieg aus dem Investment sehr erleichtern.

Die Unternehmen, die über Bergfürst Aktien ausgeben, haben die Startphase bereits hinter sich. Für 2013 stehen nur noch zwei statt der fünf bis sieben Unternehmen auf der Liste von Dennis Bemmann und Guido Sandler, die beiden Gründer der Plattform. Sandler, ehemaliger Vorstand der Berliner Effectenbank, bringt das Know-how für die Finanzen mit. Bemmann, für die Technik verantwortlich, gründete das Internetforum StudiVZ. So schnell jedoch wie die beiden es geplant hatten, ließ sich die Idee nicht umsetzen.

Mitte September sollte mit dem Onlineshop für Heimtextilien Urbanara das erste Unternehmen seine Aktien bei Bergfürst emittieren und drei bis 3,75 Millionen Euro einsammeln. Dabei handelt es sich um eine Firma, die nach eigenen Angaben bereits 25 000 Kunden hat und in diesem Jahr einen Umsatz von fünf Millionen Euro anpeilt. Das Crowdinvesting wäre also eine Anschlussfinanzierung. Ende August (Redaktionsschluss) hatte die BaFin den Wertpapierprospekt allerdings noch nicht genehmigt.

Hohes Risiko

Die beiden Gründer machen keinen Hehl daraus, dass es sich bei der Investition in junge Aktien um ein Hochrisikogeschäft handelt. Das gleiche gilt für den Kauf von Anteilen an Startups auf den anderen Plattformen genau so. Markus Bauer, Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft für Kapitalanlagen warnt: „Diese Unternehmen, die sich über Crowdinvesting Geld beschaffen, bekommen es nicht von der Bank. Werden sie insolvent, rangieren die Ansprüche der Anleger weit hinten. Sie erleiden einen Totalverlust.“ Er rät von diesen Anlagen ab.

Etwas gelassener sieht es Markus Feck, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: „Es geht um Geschäftsideen, die auch mal nicht funktionieren können.“ Er sieht die Chancen für die jungen Unternehmen, warnt aber gleichzeitig, dass es keine Anlage für die Altersvor- sorge ist: „Das ist etwas für Leute, die Spielgeld übrig haben und die wissen, was sie tun. Der Verlust von ein paar tausend Euro darf ihnen nicht wehtun.“

Bislang scheinen es vor allem jüngere Anleger männlichen Geschlechts im Alter von durchschnittlich 37 Jahren zu sein. Sie verfügen über ein Portfolio mit Anteilen von 2,9 Startups. Das ergab zumindest eine Untersuchung, die Seedmatch in Auftrag gegeben hat. Der KfW-Gründungsmonitor zeigt, dass ein Drittel der Unternehmensgründer nach drei Jahren wieder vom Markt verschwinden. Darauf zu hoffen, dass ausgerechnet das gewählte Startup sich als eine Goldgrube à la Google erweist, wäre vermessen.

Marlene Endruweit
Fachjournalistin für Finanzen
m.endruweit@netcologne.de

Info

Adressen im Netz

• Kickstarter: www.kickstarter.com

• Sellaband: www.sellaband.de

• Seedmatch: www.seedmatch.de

• Innovestment: www.innovestment.de

• Companisto: www.companisto.de

• Bergfürst: www.bergfuerst.com

• Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger: www.sdk.org



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