sp
16.02.08 / 00:06
Heft 04/2008 Zahnmedizin
9. Internationales Symposium

Rund um die zahnärztliche Identifizierung

Bereits zum neunten Mal fand vom 4. bis 7. Dezember 2007 an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München unter der Leitung von Oberstarzt Dr. Klaus-Peter Benedix und Oberfeldarzt Dr. Kerstin Kladny das Internationale Symposium „Zahnärztliche Identifizierung“ statt. Bei diesem in Europa in Art und Dauer einzigartigem Symposium tauschten Zahnärzte, Rechtsmediziner und Kriminalisten aus dem In- und Ausland drei Tage lang ihr Fachwissen aus.




Schwerpunkt der alljährlichen Tagung ist natürlich die Identifizierung von unbekannten Toten mithilfe des Zahnstatus. In seinem Referat „Zahnärztliche Dokumentation als Grundlage der Identifizierung“ erinnerte Oberstarzt Dr. Benedix daran, dass gemäß Paragraph 12 der Musterberufsordnung der Bundeszahnärztekammer zahnärztliche Befunde, Röntgenaufnahmen, Krankenhausberichte und Laborbefunde zehn Jahre lang aufzubewahren sind. Auch Planungsmodelle im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung unterliegen – gemäß Paragraf 5 Bundesmantelvertrag/ Zahnärzte – einer Aufbewahrungsfrist von drei Jahren nach Behandlungsende.

Trotz der großen Erfolge der zahnärztlichen Identifizierungen bei den bekannten Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte, wird national und international immer wieder nach Verbesserungen Ausschau gehalten: Kriminaloberkommissar Attila Höhn vom Bundeskriminalamt schilderte in seinem Vortrag die Möglichkeiten der softwareunterstützten Identifizierung anhand des Zahnstatus und ging dabei auf die Software- Veränderungen ein, die sich aus den Erfahrungen mit der Tsunami-Katastrophe vom zweiten Weihnachtstag 2004 ergeben haben.

Dr. Hans-Peter Kirsch, Saarbrücken, empfahl den Einsatz von Intraoralkameras zur zahnärztlichen Befunderhebung bei Massenkatastrophen: hierdurch sei beispielsweise eine einfachere Darstellung von Kunststofffüllungen möglich; insbesondere für die Fälle, in denen die Kiefer zur Postmortem- Befunderhebung in situ verbleiben würden.

Auch die unterschiedlichen Dentallegierungen „verraten“ mitunter die Herkunftsregion der Verstorbenen und „erhöhen“ auf diese Weise die Chance auf eine Identifizierung: Priv.-Doz. Dr. Rüdiger Lessig, Leipzig, stellte in seinem Vortrag die Ergebnisse einer Studie über 35 unterschiedliche Dentallegierungen und deren Herkunftsländer vor.

Forensische Zahnmedizin

Dass „Forensische Zahnmedizin“ nicht nur aus Identifizierungen besteht, konnten die Teilnehmer an der bunten Vielfalt der weiteren Vorträge hautnah miterleben:

Der wissenschaftliche Bogen überspannte die Isotopenanalyse zur Migrationsrekonstruktion durch den Strontiumnachweis in Knochen und Zähnen, den Nachweis von durch Schwangerschaften oder Tbc-Erkrankungen ausgelösten dentalen „Stressmarkern“ (Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen, Freiburg), die forensische Begutachtung von Bissspuren durch Mensch oder Tier aus dem rechtsmedizinischen Alltag (Dr. Dr. Claus Grundmann, Duisburg) und die holographische 3D-Messtechnik zur Herstellung von „Computergesichtern“ (Prof. Dr. Peter Hering, Düsseldorf).

Anhand von Beispielen erläuterte Prof. Hering den Einsatz dieser Techniken sowohl bei Operationsplanungen in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie als auch bei der Fotoidentifikation aus Überwachungskameras (Tankstellen, Bankautomaten, Geschwindigkeitsmessung, Rotlichtverstöße an Ampelanlagen und Ähnliches).

Zahnmedizinische Sachverständigentätigkeit

Um den Zuhörern das erforderliche Wissen für eine zahnmedizinische Sachverständigentätigkeit zu vermitteln, schilderten Reiner Napierala, Direktor der Fachhochschule für Rechtspflege, Bad Münstereifel, und Dr. Dr. Claus Grundmann, Duisburg, die Sachverständigentätigkeit im Gerichtsverfahren aus juristischer und zahnärztlicher Sicht.

Zahnärztliche Sachverständigentätigkeit ist unter Umständen erforderlich bei Verletzungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich, zahnärztlichen Behandlungsfehlern, berufsbedingten Zahnschäden, in der forensischen Altersdiagnostik und bei zahnärztlichen Identifizierungstätigkeiten.

Erläuterungen von Rechtsbegriffen, gerichtlichen Verfahrensabläufen, „Spielregeln“ des Gerichtsverfahrens, mögliche „Todsünden“ des Sachverständigen, Befangenheitsgründe und dergleichen mehr wurden detailliert dargestellt.

Ebenso wurden Unterscheidungsmerkmale zu den Begriffen „Sachverständiger Zeuge“und „Sachverständiger“ ausführlich behandelt. Den Anwesenden wurde dringend angeraten, dass Gerichtsgutachten frei von Fremdworten und übersichtlich gegliedert sein sollten. Dabei sollten sich die Sachverständigen ausschließlich an den vom Gericht gestellten Beweisfragen orientieren.

Vorbereitungsmaßnahmen für zukünftige Einsätze

Als Experte für medizinisch wichtige Informationen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr erläuterte Oberfeldarzt Dr. Hans-Ulrich Holtherm, München, sein berufliches Aufgabenspektrum: Impfempfehlungen, Informationen zu Malaria-Gebieten, Resistenzentwicklungen, besondere Infektionskrankheiten (wie Geflügelinfluenza oder Westnilfieber) und mehr. Durch diesen präventiv-medizinischen Dienst soll eine Minimierung gesundheitlicher Risiken bei Auslandseinsätzen sowohl der Bundeswehr als auch des Bundeskriminalamtes erreicht werden.

Ausblick in die Zukunft

Auch das diesjährige Symposium stand wieder einmal unter der langjährigen und bewährten Leitung der Mitarbeiter der Abteilung VI des Sanitätsamtes der Bundeswehr. Es fand in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München statt.

Die 101 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Finnland und der Schweiz sind anerkannte Experten auf den Gebieten der Forensik sowie Kriminalistik und seit vielen Jahren untereinander – national wie international – bestens bekannt. Die meisten von ihnen haben im Rahmen der Tsunami-Katastrophe vom zweiten Weihnachtstag 2004 bewiesen, dass dieses Symposium eine exzellente theoretische Vorbereitung für die praktische Umsetzung bei internationalen Einsätzen ist.

Termin 2008

Anläßlich des 10. Internationalen Symposiums „Zahnärztliche Identifizierung“ wird in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München vom 3. bis 5. Dezember 2008 eine „Jubiläumsveranstaltung“ mit nationaler und internationaler Beteiligung sowohl militärischen als auch zivilen Experten der Forensik beziehungsweise Kriminalistik stattfinden.

Dr. Dr. Claus Grundmann
Viktoriastr. 8
47166 Duisburg
clausgrundmann@hotmail.com

Dr. Kerstin Kladny
Sanitätsamt der Bundeswehr
Dachauerstr. 128
80637 München



Mehr zum Thema


Anzeige