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01.07.03 / 00:11
Heft 13/2003 Politik
Pfälzischer Zahnärztetag 2003

Runderneuerte Reifen

Rund 200 Zahnärzte machten sich am 24. Mai auf den Weg zum Hambacher Schloß – alle zwei Jahre findet dort traditionell der Pfälzische Zahnärztetag statt. An historischer Stätte blickte die Zahnärzteschaft nach vorn, um über die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems und der Zahnmedizin zu diskutieren.




Mehr denn je hatte das Treffen auf dem Schloss dieses Jahr Symbolcharakter, ging es doch um das Thema „ZukunftsModell ZahnGesundheit“. Eine für Zahnärzte wie Patienten gleichermaßen düstere Zukunft, sollte Ulla Schmidt ihre Reformpläne eins zu eins wahr machen können – das war die einhellige Meinung der Initiatoren der Fortbildungsveranstaltung, Dr. Jürgen Raven, Vorsitzender der BZK Pfalz, und Sanitätsrat Dr. Helmut Stein, Vorsitzender der KZV Pfalz. Aber allen Zukunftsgespenstern zum Trotz: Der Saal war dicht besetzt, die Stimmung gut. Der rege Andrang sei denn auch ein Beweis für den festen Zusammenhalt der Zahnärzteschaft, erklärte Raven bei seiner Begrüßung.

Um im Spiel zu bleiben, komme es jetzt auf die Tatkraft der Zahnärzte an, betonte Dr. Jürgen Fedderwitz, amtierender Vorsitzender der KZBV. Er ging auf den Stand der Entwicklung zur Bema-Umstrukturierung ein und kam dann auf das geplante Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz (GMG) zu sprechen. Nur in Eigenregie könne man verhindern, dass den Zahnärzten wichtige standespolitische Inhalte aus der Hand genommen werden, unterstrich Fedderwitz. So sorge eine aufoktroyierte Zwangsfortbildung garantiert nicht für eine Verbesserung der Qualität, speziell das von der Regierung angestrebte Zentrum für Qualitätssicherung schlage dem Fass den Boden aus. Fedderwitz plädierte deshalb für mehr Eigeninitiative: Er forderte die Zahnärzte auf, sich nicht zu sperren, sondern an den Diskussionen – und damit auch an den Lösungen – konstruktiv mitzuwirken. Tatsache sei, dass das von der Zahnärzteschaft entwickelte Modell der befundorientierten Festzuschüsse einen gangbaren Weg aus der Misere aufzeige und immer mehr an Akzeptanz gewinne.

Dem von Kassen und Verbraucherverbänden viel beschworenen Interessenkonflikt zwischen Zahnärzteschaft und Patienten erteilte Fedderwitz eine klare Absage. Zu Recht fühlten sich die Zahnärzte als Anwälte der Patienten: Nach einer Allensbach-Studie vertrauten rund 70 Prozent aller Patienten in Sachen Beratung und Therapie zuerst ihrem Zahnarzt, nur ein Prozent wende sich dagegen an die Krankenkasse.

Eine schwierige, aber spannende Zeit, urteilte auch Raven. „Es wird versucht, ein altes System rundzuerneuern und als Neuentwicklung zu verkaufen“, kritisierte er: „Runderneuerte Reifen haben jedoch eine kürzere Laufzeit und sind weniger belastungsfähig. Wir wissen das, die Politik anscheinend nicht.“

GMG: Ein Schritt in die Staatsmedizin

Stein ging mit der Gesundheitspolitik der Regierung ebenfalls hart ins Gericht, besonders der GMG-Entwurf erhielt schlechte Noten: Dies sei ein Schritt in die Staatsmedizin. Der mündige Patient wie auch der freiberufliche Arzt und Zahnarzt blieben auf der Strecke, warnte er. Die Zahnärzte hätten mit dem Modell der befundorientierten Festzuschüsse bereits Wege aufgezeigt. „Das passt aber natürlich nicht zu einer Politik, die das Gesundheitswesen planwirtschaftlich durchstylen und die direkte Autobahn vom Gesetzgeber bis zur einzelnen Praxis durchbauen will – mit den Kassen als Streckenwärter!“

Dass Reformen unumgänglich sind, stellte Prof. Dr. Eberhard Wille, Vorsitzender des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, in seinem Vortrag „Perspektiven des deutschen Gesundheitswesens“ klar. Im internationalen Vergleich der Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitsbereich liege Deutschland inzwischen auf Platz drei. Wille sprach sich dafür aus, die Möglichkeiten im eigenen System auszuloten anstatt vollkommen neue Wege zu beschreiten. Die Probleme seien vorwiegend struktureller Natur – insbesondere das Einnahmedefizit der Krankenkassen müsse abgebaut werden. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang, krankenversicherungsfremde Leistungen, wie das Sterbegeld, auf andere Ausgabenträger zu verlagern: beispielsweise über Steuern zu finanzieren. Die Selbstbeteiligung der Patienten müsse darüber hinaus ausgeweitet werden. Wille empfahl außerdem, die „Politik der Verschiebebahnhöfe“ zu beenden. Insgesamt befürwortete er das System der Kopfpauschalen: Die in den absoluten Pauschalbeträgen begründeten sozialen Ungerechtigkeiten könnten mithilfe einer Vermögenssteuer ausgeglichen werden.

Ein Brückenschlag zwischen spezifischen zahnmedizinischen Kernfragen und den allgemeinmedizinischen Auswirkungen gelang Dr. Christof Dörfer, Parodontologe der Uni Heidelberg: In seinem Vortrag ging er der Frage nach, ob Parodontitis die Allgemeingesundheit gefährde. Dabei interessierte ihn besonders, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Schlaganfällen und Parodontitis besteht.



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