jk
16.04.03 / 00:10
Heft 08/2003 Praxis
Hedge-Fonds in Deutschland

Sanktionierte Wertvernichtung

Bundesfinanzminister Hans Eichel weiß offenbar nicht, was er tut. Indem er demnächst den Vertrieb von Hedge- Fonds an Privatanleger zulassen will, gibt er sich liberal. Dass er damit der Wertvernichtung von Vermögen ein Placet erteilt, ist ihm offenbar nicht bewusst.



Mit der Sicherheit ist’s bald vorbei: Wenn es nach den Plänen des Bundesfinanzministers geht, werden Hedge-Fonds bald zu reinsten Kapital-Schredder-Instrumenten. Foto: IS/MEV/zm

Hedge-Fonds rühmen sich damit, auch in schlechten Börsenzeiten (wie derzeit) gute Gewinn einfahren zu können. Kein Wunder: Das Kapital im Fondstopf dient in erster Linie für Wetten auf die Zukunft. Liegen die Wetten, etwa auf fallende Aktienindizes, fallende Währungskurse oder auch fallende Einzelaktien richtig im Trend – nämlich im Trend nach unten – gewinnt der Fonds auch in Börsenbaissen viel Geld, wenn er die richtigen Wetten zum richtigen Zeitpunkt einlöst.

Das Wort „hedge“ (englisch für „schützen“, „bewahren“) ist abgeleitet von der konservativen Strategie, Aktienverluste dadurch zu vermeiden, dass der Investor für die gleichen Papiere Verkaufsoptionen erwirbt. Fallen die Aktienkurse, verdienen die Optionen das verlorene Geld zurück. Steigen die Kurse, verdienen die Aktien Geld, aber die Optionen verlieren es, indem sie allmählich wertlos werden. So kann man Geldvermögen technisch vor Wertverlust schützen, aber nicht nennenswert vermehren.

Wilde Spekulation

Vom Schützen ist bei den Hedge-Fonds neueren Zuschnitts keine Rede mehr. Hier wird wild mit Wettoptionen, also mit substanzlosen, zumeist von Banken künstlich geschaffenen Wettscheinen („Derivaten“) spekuliert, ohne dass die Spekulanten substanziell im Besitz von wahren Werten sind, etwa Devisen oder Aktien. Wegen der unüberschaubaren Risiken war in Deutschland der Vertrieb von Hedge-Fonds an Privatinvestoren verboten. Zu kaufen sind hier zu Lande lediglich Hedge-Fonds-Zertifikate, das heißt wiederum künstlich geschaffene Derivate auf einen Korb voller real (im Ausland) existierender Hedge-Fonds. Emittent dieser Zertifikate sind zumeist Banken, so etwa die Commerzbank mit einem „COMAS II“, die Dresdner Bank mit einem „AI Global Hedge“ oder die Hypovereinsbank mit „Value Vision“.

Nun will das Bundesfinanzministerium den Vertrieb von Einzelfonds freigeben. Warum auch nicht? Mündige und erfahrene Geldanleger wissen schließlich, was sie tun. Aber das Ministerium, das maßgeblich für das Wohl der Volkswirtschaftlich Verantwortung trägt, weiß offenbar nicht, was die Hedge-Fonds tun – zumindest derzeit in der Baisse: nämlich Vermögen vernichten.

Und das geht, an einem Beispiel demonstriert, wie folgt: Die Fondsmanager leihen sich gegen eine relativ geringe Gebühr Aktien (zumeist in großer Zahl) bei Banken, Versicherungen oder Pensionsfonds. Diese Aktien verkaufen sie „leer“, das heißt: Sie verkaufen, was sie in Wirklichkeit gar nicht besitzen. Wenn aber Aktien leer verkauft werden, dann in solchen Massen, dass sie einen Aktienkurs nachhaltig nach unten drücken. Ist ein Titel, zumeist ohne einen wirtschaftlich gerechtfertigten Grund, hochprozentig in die Knie gegangen, kauft der Fonds die ausgeliehenen Aktien zum Discountpreis zurück. Der Ausleiher stellt sie wieder ins Depot. Der Hedge-Fonds realisiert einen fetten Gewinn. Der betroffene Aktientitel aber steht im Kurskeller und beschert allen anderen Aktienbesitzern dicke Verluste. Kenner der Aktienmärkte, so etwa der berühmte und hochverehrte US-Großinvestor Warren Buffet, vertreten die Meinung, dass eine maßgebliche Triebfeder für die seit drei Jahren grassierende Aktienbaisse die Hedge-Fonds sind. Denn: Je stabiler und nachdrücklicher ein künstlich erzeugter Trend sich manifestiert, um so üppiger und sicherer fallen die Gewinne der Baisse-Spekulanten aus.

Hebelkräfte

Wenn nun mit staatlicher Legitimation Anleger-Kapital dafür verwandt werden darf, um die relativ geringen Gebühren für die Ausleihe riesiger Aktienbestände oder auch im Markt etablierter Derivate aufzubringen, werden gewaltige Hebelkräfte freigesetzt. Mit diesen Hebeln lassen sich nicht nur Einzelaktien, sondern auch Aktienindizes oder Währungen in eine gewünschte Richtung steuern. Mit Markt und wirtschaftlicher Realität haben solche Hebelmanipulationen nichts mehr zu tun. Überwiegt eine negative Grundstimmung, wird eben massiv auf Wertvernichtung gewettet – und umgekehrt. Jedes Mal aber kommt es zu hochprozentigen Ausschlägen, derzeit nach unten, vielleicht demnächst auch nach oben.

Banken-Monopol

Dabei spielt sich in Deutschland hinter den Kulissen ein Skandal ab. Hier zu Lande haben die Banken ein Börsenmonopol. Wer Aktien kauft und verkauft, muss eine Bank einschalten und bei dieser Bank ein Depot führen. Wer ein Depot eröffnet, unterschreibt in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zumeist, dass die Bank die Aktien ihres Kunden verleihen darf. Bei der weithin üblichen Girosammelverwahrung kein Problem, auch dann nicht, wenn Bankkunden die massenhaft verliehenen Aktien plötzlich verkaufen wollen, etwa, weil die Kurse stark fallen. Denn im Girodepot liegt immer genügend Material, das sich zuteilen lässt.

Dubiose Spielchen

Beim Aktienverleih an Hedge-Fonds verdient die Bank die Leihgebühr, ohne dass die Aktienbesitzer davon etwas wissen, geschweige denn haben. Mehr noch: Wenn der Hedge-Fonds die ausgeliehenen Aktien verkauft und dadurch massiv ihren Kurs drückt, erleiden die Depotinhaber einen Vermögensschaden. Selbstverständlich bestreiten die involvierten Banken, dass in diesem Fall Ursache und Wirkung zusammengehören. Sie reden sich heraus, das sei der Markt. Und dass er mit ihrer Leihhilfe manipuliert wurde, soll erst einmal jemand beweisen. Und derart dubiose Spielchen will die Bundesregierung auch noch sanktionieren.

Der langjährige Autor unserer Rubrik „Finanzen“ ist gerne bereit, unter der Telefon-Nr. 089/64 28 91 50

Fragen zu seinen Berichten zu beantworten.

Dr. Joachim Kirchmann

Harthauser Straße 25 81545 München



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