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16.02.06 / 00:08
Heft 04/2006 Zahnmedizin
Deutsche Gesellschaft Zahnärztliche Schlafmedizin (DGZS)

Schlaflos in Berlin

Das 5. Symposium für zahnärztliche Schlafmedizin der DGZS fand im Oktober 2005 als Gemeinschaftssymposium mit der European Dental Sleep Medicine Academy (EdeSA) und als Satellitensymposium des Gründungskongresses der World Association of Sleep Medicine (WASM) in Berliner Congress Centrum statt.




Die parallel laufenden Veranstaltungen der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (DGSM) beflügelten den interdiziplinären Austausch unter den einzelnen Fachgruppen, da den Teilnehmern alle Vortragsräume offen standen. Die Bedeutung für die weltweite Schlafmedizin spiegelte sich in den Vorträgen hochkarätiger Referenten wider, welche in dieser Konstellation bisher einmalig zusammenkamen.

Bundesweites „Schlaf“-netz

Die DGZS (Deutsche Gesellschaft schlaftherapeutisch tätiger Zahnmediziner) hat in den vergangenen fünf Jahren ein bundesweites Behandlernetz aufgebaut, damit Patienten und überweisende Mediziner schlaftherapeutisch tätige Zahnmediziner in ihrer Nähe finden können. Grundlage ist der Zertifizierungskurs „Intraorale Geräte bei schlafbezogenen Atmungsstörungen“ für die zahnärztliche Schlafmedizin, mit dem die Tagung startete. Es folgte ein Workshop von Prof. Dr. Helmut Teschler, Essen, zum SBAS Risikoscreening für Zahnmediziner mit praktischen Übungen zur Anwendung des microMESAM® Gerätes. Bei einfachster Handhabung im häuslichen Umfeld erhält man valide Daten mittels Staudruckmessung zur Einschätzung weitergehender Diagnostik.

Die internationalen Gäste aus Belgien (Dr. Miche De Meyer, Gent), den USA (Dr. Robert Rogers, Gibsonia), Großbritannien (Dr. Roy Dookun, Guernsey) und Japan (Dr. Makoto Kikuchi, Tokio) stellten die Entwicklung der schlafmedizinischen Fachgesellschaften und die Vorgehensweise in der Therapie der SBAS des Heimatlandes vor.

Den Höhepunkt bot die erstmalige Verleihung des Meier-Ewert-Preises an den Namensgeber Prof. Dr. Karlheinz Meier-Ewert, Buchenbach, für seine Verdienste um die zahnärztliche Schlafmedizin. Die Rede des Preisträgers überraschte mit detaillierter Erläuterung der Entwicklung der Esmarch-Orthese zur Protrusion der Mandibula. Besonders betonte er die enge Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem Zahnarzt Dr. Schäfer – ohne dessen Hilfe die Esmarch-Orthese niemals entstanden wäre.

Die Thematik des Upper–Airway–Resistance Syndroms (UARS) wurde von Prof. Dr. Karl-Heinz Rühle, Hagen, vorgestellt. Das Leitsymptom ist die Tagesschläfrigkeit bei Thorax- und Abdomenbewegungen ohne Apnoen und Hypopnoen. Daher ist die Gefahr groß, diese schlafbezogene Atmungsstörung bei der Befundung zu übersehen. Bei etwa 63 Prozent der UARS-Patienten kommen periodische Beinbewegungen hinzu. Insgesamt gab er die Zahl der Patienten mit zehn bis 15 Prozent der über 60- Jährigen an. Die Folgen sind eine gestörte Befindlichkeit, kognitive Störungen und die oben genannte Tagesmüdigkeit.

PD Dr. Ingo Fietze, Berlin vermittelte eine Übersicht der derzeitigen OSAS Diagnostik unter kritischer Abwägung der stationären versus einer ambulanten Vorgehensweise. Letztere wird im Hinblick auf eine Reduktion der finanziellen Mittel von den Krankenkassen gefordert und eingeführt, wissentlich, dass sie nicht mit einer stationären Polysomnografie vergleichbar ist. Er unterstrich die Leitlinien der DGZS keine intraorale Protrusionsschiene zur Therapie einer schlafbezogenen Atmungsstörung (SBAS) anzuwenden, ohne eine entsprechende Diagnostik betrieben zu haben. Bemerkenswert waren die Ergebnisse einer von ihm vorgestellten Studie zur Gefährdung durch coronare Herzerkrankungen. Diese nimmt überproportional im Bereich einer Zunahme des AHI (Apnoe-Hypnoe-Index) von 0 auf 10 zu – nicht so stark hingegen bei Steigerung des AHI von 40 auf 50. Die Betroffenen liegen somit im Rahmen einer leichtgradigen Schlafapnoe, die mit intraoralen Protrusionsgeräten erfolgreich therapiert werden kann.

Intraorale Hilfsmittel

Die „Differenzierung intraoraler Hilfsmittel – warum und bei wem?“ nahm Dr. Holger Hein, Großhansdorf, vor. Ziel war es Prädiktoren für einen Therapieerfolg zu finden, was sich im Ergebnis in einer sehr guten Prognose bei lageabhängigen Patienten wiederfand. Im Umkehrschluss ließ sich der AHI bei nicht lageabhängigen Patienten nicht unter den gewünschten Zielwert AHI < 5 einstellen.

Eine zweijährige Verlaufsstudie bei Protrusionsschienen stellte PD Dr. Edmund Rose, Freiburg, vor. In dieser klinischen Fallkontrolluntersuchung wurde die Effektivität der IST®-Apparatur nach Prof. Dr. Rolf Hinz, Herne, bezüglich der respiratorischen Wirksamkeit, der Compliance und der dentalen Nebenwirkungen bei leichter bis mittelschwerer obstruktiver Schlafapnoe untersucht. Der RDI wurde vom Ausgangswert T0: 21,5 ± 13,5 /h auf T1: 11,1 ± 11,8 /h und auf T2: 4,6 ± 5,8 /h gesenkt. Die minimale Sauerstoffsättigung stieg ebenfalls signifikant an. Dentale Nebenwirkungen lassen sich nach dieser Tragezeit feststellen, jedoch sind diese im Ausmaß wesentlich geringer als bei Apparaturen, die nicht zu den Zweischienen-Systemen zählen.

Frühe Kinderbehandlung

Hinz stellte die zahnärztlichen Hilfeleistungen in der Kinderschlafmedizin dar und mahnte die mangelhaft angewandten Möglichkeiten der kieferorthopädischen Frühbehandlung an. Bei etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder eines Jahrgangs liegt eine mandibuläre Retrognathie vor, hinzu kommen Kieferanomalien durch Stützzoneneinbruch und Schmalkiefer, bis hin zum Kreuzbiss. Allen ist die Verringerung des posterioren Airway Space gemein mit der Prognose einer schlafbezogenen Atmungsstörung. Die Folgen sind Konzentrations- und Entwicklungsstörungen. Über die Entwicklung der zahnärztlichen Schlafmedizin in Europa wurde von Dr. Miche De Meyer, Gent, berichtet. Sie zeigte den enormen Zulauf zu den in den einzelnen Ländern gegründeten Fachgesellschaften und Möglichkeiten des Austausches im fachübergreifenden Interessengebiet der Schlafmedizin. Es gilt die interdiziplinäre Denkweise und Therapie weiter zu fördern und auszubauen, damit eine flächendeckende Versorgung von Patienten sichergestellt ist.

Praktiker als Vorreiter

Ebenso erklärte Dr. Robert Rogers, Gibsonia, dass die Initiative in der dentalen Therapie von Patienten mit SBAS von Praktikern und nicht von den Hochschulen ausging. Als Gründungspräsident der Academy of Dental Sleep Medicine (ADSM) beschrieb er den Werdegang der amerikanischen Fachgesellschaft und prognostizierte eine weitere Verbreitung der Behandlungsmöglichkeiten unter den Kollegen.

Weitere Vorträge liefen über die Frage der genetischen Determination im Bezug auf eine obstruktive Schlafapnoe (Prof. Dr. Kingman Strohl, Cleveland), die Effektivität von intraoralen Apparaturen im Rahmen einer Übersichtsarbeit und Vorabergebnisse einer randomisierten Studie (Dr. Aarnoud Hoekema, Groningen), die erweiterten Richtlinien zur Therapie mit intraoralen Geräten bei SBAS seitens der ADSM (Prof. Dr. Max Hirshkowitz, Houston), die Rolle der Zahnmedizin in der Therapie der obstruktiven Schlafapnoe (PD Dr. Makoto Kikuchi, Tokio), den Therapieerfolg von intraoralen Geräten, ihren Nebenwirkungen und die Compliance der Patienten (Prof. Dr. Marie Marklund, Umea).

Dr. med. dent. Markus Heise
Körnerstraße 6, 44623 Herne
Markus_Heise@t-online.de
www.praxis-hinz.de



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