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16.03.13 / 12:10
Heft 06/2013 Gesellschaft
Krank auf der Autobahn

Schnelle Hilfe für Brummifahrer

Für Berufskraftfahrer ist es im Krankheitsfall oft schwer, unterwegs und in unmittelbarer Nähe zur Fahrtstrecke einen Arzt oder Zahnarzt zu finden – ohne wertvolle Zeit zu verlieren und damit Ärger mit dem Arbeitgeber zu riskieren. Verschiedene Initiativen wollen hier sinnvolle Unterstützung gewähren, zum einen durch Hilfe zur Selbsthilfe bei weniger gravierenden Beschwerden, zum anderen durch den Aufbau von flächendeckenden Netzen zur speziellen Versorgung der Fahrer unter Berücksichtigung ihrer besonderen Arbeitssituation.




Der durchschnittliche Kraftfahrer ist 44 Jahre alt, 1,80 Meter groß und mit 95 Kilogramm Körpergewicht etwas übergewichtig. Außerdem leidet er berufsbedingt häufig unter Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden, Herzerkrankungen sowie Gelenk- und Kreislaufbeschwerden.

Dies sind der Zeitschrift Fernfahrer zufolge die zentralen Ergebnisse einer im Frühjahr 2010 im Rahmen einer Diplomarbeit erfolgten Online-Umfrage unter 200 Lkw-Fahrern. Demnach gaben 41 Prozent der Teilnehmer an, unter Rückenbeschwerden oder Bandscheibenschäden zu leiden. 22 Prozent hatten Übergewicht oder nahmen während ihres Jobs an Gewicht zu, 14 Prozent klagten über Gelenkbeschwerden und 13 Prozent zeigten typische Stresssymptome.

Langes Sitzen und Termindruck

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der AOK sowie der Bundesagentur für Güterverkehr (BAG) in Köln. Der Kölner Agentur zufolge meldeten sich im Jahr 2009 über 20 Prozent der Fahrer krank. Die BAG wie auch die AOK ermittelten ferner, dass Kraftfahrer verglichen mit anderen Branchen bei den krankheitsbedingten Arbeitsausfällen deutlich über dem Durchschnitt liegen. Grund für den hohen Krankenstand sind vor allem stundenlanges Sitzen, Arbeitsüberlastungen sowie der ständige Termindruck. Gleichzeitig klagen viele Fahrer über eine medizinische Unterversorgung während der Berufsausübung.

„Treten während der Arbeitszeit gesundheitliche Beschwerden auf, fehlt dem Fernfahrer in der Regel die Zeit, einen Arzt oder Apotheker anzusteuern“, erklärt Dr. Peter Ruf aus Kappelrodeck. Der Allgemein- und Betriebsarzt hat daher eine Reiseapotheke und eine kleines medizinisches Handbuch konzipiert, die es Brummifahrern ermöglichen sollen, Bagatellerkrankungen zu erkennen und sich unterwegs zu versorgen.

Der knallrote Plastikkoffer mit der Aufschrift „Truckers Bordapotheke“ enthält Verbandsmaterialien sowie Medikamente zum Beispiel zur Behandlung von Kopf- oder Zahnschmerzen, leichten Infekten, allergischen Reaktionen und Mittel zur Wunddesinfektion.

Das dazugehörige 70-seitige (reise)medizinische Handbuch, die RuF-Fibel, klärt die Fernfahrer wiederum auf anschauliche und verständliche Weise über unterschiedliche Krankheitsbilder auf und macht deutlich, bei welchen Symptomen es sich um einen ernst zu nehmenden Notfall handelt, der umgehend professioneller ärztlicher oder zahnärztlicher Hilfe bedarf. Die LSB Speditions GmbH im badischen Kappelrodeck hat ihre zwölf Fahrer bereits mit dem Erste-Hilfe-Set ausgerüstet.

„Die Ausrüstung soll in erster Linie als Hilfe zur Selbsthilfe bei den kleinen alltäglichen Befindlichkeiten und Erkrankungen dienen“, betont Ruf. Denn mehr Sicherheit in der Gesundheit von Lkw-Fahrern garantiere auch mehr Sicherheit im Straßenverkehr und schärfe das Bewusstsein dafür, dass sich manche Erkrankungen durch einen vernünftigen Umgang mit dem eigenen Körper verhindern lassen, so der badische Arzt.

Ruf betont, dass die Bordapotheke den Arztbesuch in dringenden und akuten Notfällen nicht ersetzen kann, sondern lediglich die zeitliche Lücke bis zum notwendigen Arztbesuch schließen soll.

DocStop bietet Arzt- und Zahnarztnetz

Hier setzt ein weiteres, speziell auf die Bedürfnisse von Lkw-Fahrern zugeschnittenes Angebot, die Initiative „DocStop für Europäer“, an. Bei diesem Ansatz handelt es sich um eine medizinische und zahnmedizinische Unterwegsversorgung, die es Fernfahrern ermöglicht, mit ihrem Fahrzeug direkt einen DocStop-Partner, das heißt eine Arzt- oder Zahnarztpraxis beziehungsweise ein Krankenhaus, anzufahren (die zm berichteten mehrmals, siehe etwa zm 17/2012, S. 44). Deutschlandweit steht dank der Initiative, die 2007 als europäisches Pilotprojekt gestartet wurde, inzwischen ein Netz von über 300 ärztlichen und zahnärztlichen Anlaufstellen zur Verfügung, die sich dazu bereit erklärt haben, Berufskraftfahrer bei Bedarf vorrangig zu behandeln, um deren Ausfallzeiten so gering wie möglich zu halten. Die Praxen und Krankenhäuser befinden sich zumeist in unmittelbarer Nähe von Rastplätzen oder Autohöfen beziehungsweise von Autobahnausfahrten. Ziel der Initiative ist es, innerhalb von ganz Europa entlang der Autobahnen ein Netz von kooperierenden Ärzten, Zahnärzten und Krankenhäusern aufzubauen.

Die Behandlung von aus Deutschland stammenden Fernfahrern wird entweder wie bei jedem normalen Arzt- oder Zahnarztbesuch unter Vorlage einer gültigen Krankenversicherungskarte abgerechnet. Berufskraftfahrer aus anderen europäischen Ländern können ihre Europäische Krankenversicherungskarte nutzen.

In eine ähnliche Richtung wie DocStop denkt auch die Gewerkschaft ver.di. Sie bemängelt die schlechte medizinische Versorgung der durch Lärm, langes Sitzen, Staus, Temperaturschwankungen, Konkurrenz- und Zeitdruck belasteten Fahrer und regt daher an, an allen europäischen Autobahnen in der EU ein Netz von speziellen Gesundheitszentren für Berufskraftfahrer aufzubauen.

Das Konzept für dieses Vorhaben stammt aus Italien. In dem Pilotprojekt „Zentrum für Kraftfahrergesundheit“ in Sterzing am Brennerpass sollen für die Lkw- Fahrer in den Ruhepausen unter anderem Check-ups, aber auch spezifische ambulante und stationäre Behandlungen angeboten werden. 

Die ver.di-Vertretung Nordhessen will darüber hinaus künftig die Voraussetzungen für ein Zentrum für Kraftfahrergesundheit am Autobahnkreuz Kassel analysieren.

Petra Spielberg
Altmünsterstr. 1
65207 Wiesbaden

Info

Bitte um Unterstützung

DocStop bittet Zahnärzte um Unterstützung, sich an der Initiative zu beteiligen und für die Behandlung von Fernfahrern zur Verfügung zu stehen. Mehr dazu unter www.docstoponline.eu .

Über eine Hotline (01805/112024) können die Trucker sich nach dem nächstliegenden Doc-Stop-Partner erkundigen. Auf der Webseite gibt es eine Arzt- und Zahnarztliste als Download.



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