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16.09.12 / 12:40
Heft 18/2012 Politik
Versorgungsforschung

Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis

Wie kann die Zahnmedizin an die Medizin andocken? Wie werden zahnmedizinische Leistungen an den Patienten herangebracht? Wie sehen künftige Behandlungsbedarfe aus? Auf diese Fragen kann die Versorgungsforschung Antworten geben. In der Zahnmedizin ist dieser Forschungszweig in Deutschland noch jung (siehe auch zm 16/2012, Seite 42-43). Dennoch haben sich die zahnärztlichen Bundesorganisationen schon lange mit diesen Aspekten beschäftigt. Eine Standortbestimmung aus standespolitischer Sicht.



Was hat Wissenschaft mit dem Praxisalltag zu tun? Darauf gibt die Versorgungsforschung Antworten. Foto: Vario Images

Was heute unter dem Label „Versorgungsforschung“ läuft, ist teilweise alter Wein in neuen Schläuchen, kommentierte der wissenschaftliche Leiter des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), Dr. Wolfgang Micheelis, vor einiger Zeit im Zahnärzteblatt Baden-Württemberg (11/2011). Denn was in der Vergangenheit unter dem Begriff Compliance-Forschung oder Public-Health-Forschung zusammengefasst wurde, wird jetzt in der Wissenschaft unter neuen Fragestellungen betrachtet: Wie wird der zahnärztliche Alltag mit seinen Problemen abgebildet? Inwieweit bestimmen Kosten-Nutzen-Aspekte oder Qualitätskriterien politische Entscheidungsprozesse? Auch die medizinische Soziologie und Psychologie gehören dazu.

Heruntergebrochen auf die Zahnmedizin ist die Anwendungspallete breit: Dazu zählen das Monitoring und die ökonomischen Aspekte von Karies und Zahnbetterkrankungen, die Abschätzung von zukünftigen Behandlungsbedarfen, die Evaluation von Präventions- und Therapiestrategien, die Beurteilung gesundheitspolitischer Entscheidungen auf die zahnmedizinische Versorgungsrealität, die Qualitätsforschung oder die Untersuchung des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Zwar ist der Forschungszweig in Deutschland im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien noch jung und es gibt Nachholbedarf. Betrachtet man aber die Aktivitäten von BZÄK und KZBV, so haben sich die zahnärztlichen Bundesorganisationen schon lange mit versorgungswissenschaftlichen Aspekten beschäftigt. Hier sind vor allem die Aktivitäten des gemeinsam von BZÄK und KZBV getragenen IDZ, aber auch weitere Aktionsfelder zu nennen.

Zahlreiche Aktivitäten

Zu den wichtigsten Beispielen gehören die oralepidemiologischen bevölkerungsrepräsentativen Deutschen Mundgesundheitsstudien DMS I bis IV, durchgeführt vom IDZ, die die Prävalenzen von Zahn- und Munderkrankungen, Analysen zum Versorgungsgrad, zum Mundhygieneverhalten, zur Soziodemografie oder zum Inanspruchnahmeverhalten zahnärztlicher Dienstleistungen generiert haben.

Gut entwickelt ist auch die sogenannte Outcome-Ebene, die Untersuchung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität. Mit Hilfe des Messinstruments des Oral Health Impact Profile ist es möglich, mundgesundheitsbezogene Lebensqualität zu messen. Das Instrument ist sowohl in der zahnmedizinischen Forschung als auch in der klinischen Praxis anwendbar. Konkret angewendet wurde es beispielsweise in einer Feldstudie zur Zahnbehandlungsangst und Lebensqualität und bei einer Untersuchung zur Patientenorientierung und -zentrierung im Versorgungssystem.

Ein weiteres Beispiel ist die Leitlinienentwicklung und die Frage nach leitliniengestützter Therapie im Praxisalltag. Das IDZ hat dazu mit der Zentralstelle Zahnärztliche Qualitätssicherung (ZZQ) eine Evaluationsstudie durchgeführt und darin verschiedene Pilotleitlinien (Fissurenversiegelung, Fluoridierung) auf ihre Praxistauglichkeit im Alltag untersucht.

Handlungsbedarf

Was den Versorgungsalltag angeht, ist die Untersuchung des IDZ zu den strukturellen Systemveränderungen nach Einführung des befundbezogenen Festzuschusssystems aufschlussreich. Hier wurden die allokativen und distributiven Wirkungen des Systems untersucht mit dem Ergebnis, dass eine weiteres Monitoring in diesem Bereich notwendig sei, um die Auswirkungen bei Patienten und beim Zahnarzt weiterzuverfolgen.

Auf vielen Feldern herrscht nach Auffassung von BZÄK und KZBV aber noch Handlungsbedarf in Sachen zahnmedizinischer Versorgungsforschung. Zu nennen ist vor allem die weitere Anbindung der Zahnmedizin an die Medizin – hier sind bereits maßgebliche Impulse gesetzt (siehe Kasten).

Wichtig ist es, dass das Themenspektrum der Versorgungsforschung auf praxisrelevante Bereiche eingegrenzt wird. Auch die Bereiche Qualität, die subjektiven Bedürfnisse von Patienten, das Thema Benchmarking, die wachsende Ökonomisierung oder der Einfluss von größeren Versorgungseinheiten auf den Praxisalltag sollten berücksichtigt werden.

Mundgesundheitsziele

Eine bedeutende Rolle in der Zahnmedizin spielt die Definition von Gesundheitszielen, erklärt Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der BZÄK. So habe die FDI 2003 globale Mundgesundheitsziele für das Jahr 2020 definiert. Die BZÄK habe 2004 auf dieser Grundlage nationale Ziele erarbeitet. Damit war Deutschland das erste Land weltweit, das die Zielempfehlungen der nationalen Ebene angepasst habe. Jetzt habe die BZÄK neue Zielempfehlungen erarbeitet, die auf dem Versorgungsforschungskongress in Dresden erstmals vorgestellt werden sollen. Damit werde festgelegt, dass die Mundgesundheit weiter gefördert und eine Reduktion der Auswirkungen von Zahn-, Mund- und Kiefererkrankungen auf die Allgemeingesundheit und auf die psychosoziale Entwicklung erreicht werden solle. Oesterreich: „Im Vordergrund steht die lebensbegleitende Prävention in allen Bereichen der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.“

AuB-Konzept

Was den Versorgungsalltag angehe, so hätten die Mundgesundheitsstudien eine wichtigen Aspekt zutage gebracht, so der KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz: den großen Versorgungsbedarf bei pflegebedürftigen und behinderten Menschen. Wichtig sei, zu dieser Patientengruppe neue Zugangswege im Sinne einer aufsuchenden Prophylaxe zu finden. Die KZBV habe zusammen mit der BZÄK rechtzeitig mit dem Konzept zur Alters- und Behindertenzahnheilkunde (AuB-Konzept) reagiert und Lösungen angeboten. Die Politik hat den Handlungsbedarf erkannt und erste Schritte für den Bereich der stationären Einrichtungen eingeleitet. Was jetzt fehle, sei der Einstieg in ein konsequentes Versorgungs- und Präventionsmanagement mit vorsorge- orientierten Leistungen für diese Patientengruppe. Fedderwitz: „Wir fordern die Umsetzung unseres Gesamtkonzepts Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter.“pr

Am 24.09. wird das Institut der Deutschen Zahnärzte eine Studie zur Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen veröffentlichen. Darin wird erstmalig eine systematische Datenlage zum Thema geschaffen. Mehr dazu auf www.zm-online.de und im Bericht im nächsten Heft.

INFO

Kongress in Dresden

Vom 27. bis zum 29. September 2012 findet der von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Gesundheitswissenschaften und Public Health (DVGPH) und dem Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung (DNVF) veranstaltete 11. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung und 4. Nationale Präventionskongress im Deutschen Hygiene-Museum Dresden statt. Mit der Ausrichtung des Kongresses wird sichtbar, dass sich die Zahnmedizin weiter an die medizinische Versorgungsforschung andockt.

Das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) wird mit Workshops auf dem Kongress vertreten sein. An der Abschlussdiskussion werden BZÄK-Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Oesterreich und der KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz teilnehmen. Oesterreich wird außerdem im Rahmen der Vortragsreihen die von der BZÄK verabschiedeten Mundgesundheitsziele in Deutschland vorstellen.

Mehr unter: www.dkvf2012.de



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