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01.07.03 / 00:11
Heft 13/2003 Praxis
Die Zahnheilkunde der Etrusker

Schöne Gebisse mit tadellosen Zähnen

Die Etrusker, ein fast vergessenes Volk, lebt durch die Entdeckung der Nekropolen weiter. Faszinierend sind die bunten Wandmalereien und Grabbeigaben von hoher Kunstfertigkeit. Die Funde beweisen, dass die Etrusker großen Wert auf Ästhetik und Kosmetik legten.




Bei Funden in einem Heiltempel der etruskischen Stadt Veji fand sich eine Unzahl von Weihegaben (Donarien). Darunter gab es Körperteile oder auch geöffnete Körper mit Darstellungen (Votive) der Organe aus gebranntem Ton, wohl zur Bitte um Genesung. Zu diesen Donarien zählen auch aus Ton gebrannte makellose Zahnreihen mit roten Lippen. Diese Darstellungen zeigen uns, dass die Etrusker offensichtlich Wert auf ein schönes Gebiss mit tadellosen Zähnen legten. Neben vielen Abbildungen und Funden ärztlicher Instrumente gibt es Beispiele, die eine zahnärztliche Tätigkeit hoher Kunstfertigkeit bekunden. Deshalb wurde in dieser Richtung seit langem geforscht.

Bei den Funden befinden sich erstaunliche prothetische Arbeiten. Diese bestehen teils aus Goldbändern oder Goldringen, die miteinander verlötet waren und dazu dienten, die künstlichen Zähne zu fixieren. Die Zähne steckten in den Ringen und Bändern und waren darin mit Stiften von labial nach lingual vernietet. Die Goldbänder beziehungsweise Ringe umfassten die natürlichen gesunden Nachbarzähne als Haltepfeiler für die künstlichen Zähne. Sie waren sehr robust (rund einen Millimeter dick) ausgelegt und an der Oberfläche sehr glatt, was auf die hohe Kunst etruskischen Metallbearbeitung hindeutet. Da reines Gold weich ist, ließen sie sich problemlos an den Pfeilerzähnen adaptieren. Als Ersatzzähne wurden zum Teil Zähne von Toten genommen, an denen die Wurzel abgetrennt war, aber auch Tierzähne von Kälbern oder Ochsen wurden verwendet. Diese wurden manchmal in der Mitte eingekerbt, wenn sie zu breit waren, sodass sie dann zum Ersatz zweier Zähne zu gebrauchen waren. Dabei wurde der Ersatzzahn aus einem Schneidezahn eines Kalbes hergestellt, der vor dem Durchbruch des Zahnes aus dem Kiefer geschnitten wurde. Durchgebrochene Zähne eines Rindes sind nach kurzer Zeit schon so abgekaut, dass sie keine scharfe Schneide mehr haben und so zum Ersatz menschlicher Schneidezähne nicht taugen würden. Eine andere Art war die Schienung lockerer Zähne mit Goldbändern (rund drei Millimeter breit), die sich an der Basis über dem Zahnfleisch eines jeden Zahnes befanden und von denen spiralförmig verdrehte Drähte von vestibulär nach lingual liefen, um die Zähne stabilisierend zu verbinden. Dieses Prothesenmaterial wurde in etruskischen Gräbern gefunden und befindet sich jetzt in verschiedenen italienischen und ausländischen Museen: Archäologisch Etruskisches Museum, Florenz, Nationalmuseum Tarquinia, Nationalmuseum der Villa Giulia in Rom, Universitätsmuseum in Gent (Belgien), Öffentliches Museum Liverpool (England).

Kosmetische Zwecke

Das Material ist nicht sehr umfangreich, da die Nekropolen schon früh von Grabräubern geplündert wurden, die natürlich vornehmlich das Gold raubten. Jedoch reichen die Einzelheiten, die die einzelnen Stücke charakterisieren, aus, um uns einen Eindruck zu vermitteln, wie perfekt und fortschrittlich diese Technik, die viel mit der Goldschmiedekunst gemein hat, gewesen ist. Diese Prothetik diente kosmetischen Zwecken und der Sprache, jedoch kaum der Kaufunktion.

Die Funde des etruskischen Ersatz- und Stützwerkes beschränken sich auf einen relativ kleinen Bezirk des Landes, der vom heutigen Orvieto im Norden bis nach Civita Castellana und von da nach Cervetri und Corneto im Westen reicht. Die reichsten Funde stammen aus der Gegend von Corneto, aus deren Gräberstadt auf dem Monterozzi, die zur uralten Etruskerstadt Tarquinia gehörte, der vornehmsten der etruskischen Zwölferstadt. Immer neue Funde in der Nekropole brachten Überraschungen, obwohl schon vor 2000 Jahren Grabräuber den größten Teil des Goldes geplündert hatten. Die wenigen Stücke jedoch, die erhalten geblieben sind, vermitteln uns die Kunstfertigkeit der etruskischen Handwerker in dieser Region.

Blick ins Museum von Florenz

Interessante Beispiele birgt das Archäologische Etruskische Museum in Florenz. Zur Sammlung gehören einige Zahnkronen, die in Urnengräbern gefunden wurden und bis auf den Schmelz zerfallen sind. Man vermutete, dass einige von ihnen entweder aus Gold, Terrakotta, Stein oder aus Schmelz, der von Zähnen großer Tiere gewonnen wurde, durch entsprechende Bearbeitung hergestellt wurden. Diese Kronen dienten sicherlich dazu, Wurzeln oder kariöse Zähne zu bedecken.

Von ganz anderer Art sind die Zahnkronen, die isoliert in Vetulonia aufgefunden wurden. Einige von ihnen weisen eine grüne Färbung auf. Es handelt sich wahrscheinlich um menschliche Kronen, die nur bis auf den äußeren Überzug – den Zahnschmelz – erhalten geblieben sind. Das Dentin im Inneren ist völlig verschwunden.

Die Autoren, die sich näher mit diesen Kronen befassten, haben unterschiedliche Erklärungsansätze. Manche vermuten, dass es sich um Überreste menschlicher Zähne handelte. Andere meinen, dass es sich um Versuche der Herstellung von Kapseln handelte, die aus der äußeren Hülle (Schmelz) von menschlichen Zähnen hergestellt wurden oder dass es sich wegen der grünen Färbung um Kapseln handelte, die aus metallischem Material hergestellt wurden.

Da es sich aber bei den in Vetulonia gefundenen fünf grünen Kronen um menschlichen Schmelz handelt, nimmt man an, das dieser vielleicht länger mit Bronze in Kontakt war und deshalb die grünliche Färbung angenommen hat. Die Kronen dienten wohl vornehmlich zum Überziehen kariöser Zahnstümpfe. Der Kontakt zu Bronze könnte damit zusammenhängen, dass die Kronen in Vetulonia in Resten von Feuerbestattungen gefunden wurden, in denen sich auch Gegenstände aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Eisen und Bernstein befanden.

Die Bestätigung, dass es sich nicht um Metallkronen handelte, auch wenn sie grün sind, sondern um menschlichen Schmelz, dessen grünliche Färbung von Oxidationsvorgängen verursacht wurde, lieferte der Fund eines phönizischen Skeletts aus dem 10. Jahrhundert. Phönizien und Etrurien hatten in der damaligen Epoche rege Handelsbeziehungen. Das Skelett wird im archäologischen Museum der damaligen amerikanischen Universität von Beirut (Libanon) aufbewahrt und ist bekannt als „das Exemplar von Torrey“. Sämtliche Knochen des Phöniziers sind grün und waren die einzigen mit dieser Farbe unter zwanzig Skeletten. Hier spielten wahrscheinlich ebenso Oxidationsvorgänge eine Rolle, die durch die Luftdurchlässigkeit des Bodens und die dabei befindlichen metallischen Gegenstände verursacht wurden.

Dr. Klaus Simon
Mitglied des Arbeitskreises
Geschichte der Zahnheilkunde
Nordendstraße 64
80801 München

INFO

Die Etrusker

Die Etrusker wurden von den Griechen „thyrrhenoi“ (deshalb heute thyrrhenisches Meer) und von den Römern „tuci“ oder „etruschi“ genannt. Funde datieren bis zum 10. Jahrhundert v. Chr.. Die Herkunft der Etrusker ist nicht eindeutig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien. Wahrscheinlich waren es Einwanderer aus Kleinasien, die ihre hohe Kultur, Schrift, Wirtschaft, Handel und Metallgewinnung mitbrachten. Der letzte etruskische König von Rom war Tarquinius Superbus, der 510 v. Chr. starb. Danach wurden die Etrusker von den Römern unterworfen und wurden größtenteils zu römischen Staatsbürgern.

Durch die Entdeckung der etruskischen Nekropolen wurde man auf sie aufmerksam. Erstaunlich sind die fröhlichen, bunten Wandmalereien und die metallenen Grabbeigaben von hoher Kunstfertigkeit. Es gibt viele Grabfunde in Museen der Toskana. Das Hauptausbreitungsgebiet der Etrusker war in etwa das Gebiet der heutigen Toskana bis nach Rom. Aber auch aus Süddeutschland oder Österreich sind Funde bekannt.

INFO

Arbeitskreis Geschichte der Zahnheilkunde

Der Arbeitskreis ist ein freiwilliger Zusammenschluss von interessierten und engagierten Zahnärzten und Wissenschaftlern, die sich mit der Geschichte der Zahnheilkunde beschäftigen. Weitere Interessenten sind willkommen.

Das nächste Treffen findet statt am 18. Oktober 2003 in Aachen anlässlich der Jahrestagung der DGZMK.

Kontakt:
Dr. Wibke Knöner
An den Marschwiesen 1
30519 Hannover
Tel. und Fax: 0511/860 86 96
E-Mail: wknoener@web.de

Sigrid Kuntz
Jülicher Str. 8, 50674 Köln
Tel.: 0221/240 14 16
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