spk
01.05.09 / 00:14
Heft 09/2009 Medizin
Multiple Sklerose

Schon Kinder sind betroffen

Nicht nur Jugendliche und Erwachsene können an einer Multiplen Sklerose erkranken, auch Kinder können dieses Krankheitsbild entwickeln. Das aber ist wenig bekannt, die Diagnose wird daher bei Kindern oft erst spät gestellt. Damit werden möglicherweise wertvolle Therapiechancen vertan.




Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass es bei der Multiplen Sklerose auf eine Frühtherapie ankommt, um weiteren akuten Krankheitsschüben und vor allem der Progression von Behinderungen entgegenzuwirken. Das aber setzt voraus, dass die Erkrankung frühzeitig diagnostiziert wird, möglichst schon bei den ersten Krankheitszeichen, also dann, wenn per definitionem noch gar nicht gesichert ist, dass eine manifeste Multiple Sklerose vorliegt.

Die Neurologen plädieren inzwischen für eine konsequente immunmodulierende Behandlung, wenn MS-typische Symptome auftreten und in der Bildgebung entsprechende Veränderungen im Gehirn erkennbar sind. Denn Studien zeigen, dass durch die frühzeitige Gabe von Interferon die weitere Krankheitsprogression aufzuhalten ist, so hieß es beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg.

Frühtherapie verhindert spätere Behinderungen

Dort wurden als Beleg die Daten der BENENewly Emerging Multiple Sclerosis For Initial Treatment) vorgestellt. In dieser Studie wurden 468 Patienten mit einem ersten MS-Schub und MS-typischen Befunden in der Kernspintomographie zwei Jahre lang oder bis zum Auftreten eines erneuten Krankheitsschubes und damit einer klinisch gesicherten MS placebokontrolliert mit Interferon beta-1b behandelt. Es entwickelten dabei 85 Prozent der Patienten unter Placebo eine klinisch gesicherte MS. Nur etwa halb so groß war die Manifestationsrate bei einer Interferonbehandlung, berichtete Professor Dr. Norbert Sommer aus Göppingen.

Es schloss sich eine offene Studienphase an, in der allen Patienten die Interferonbehandlung angeboten wurde. Dabei zeigte sich ebenfalls ein deutlich geringeres Krankheitsrisiko bei Patienten in der ursprünglichen Placebogruppe gegenüber jenen Patienten, die bereits initial mit Interferon beta-1b behandelt worden waren. In der Verumgruppe wurde zudem eine um 40 Prozent geringere Gefahr der Progression von Behinderungen gemessen am EDSS (Expanded Disability Status Scale) gesehen. „Die Daten unterstreichen die hohe Bedeutung einer Frühtherapie“, betonte Sommer in Hamburg.

Das scheint auch für Kinder und Jugendliche zu gelten, allerdings dauert es nach Professor Dr. Jutta Gärtner, Göttingen, oft vergleichsweise lange, ehe bei jungen Menschen mit entsprechenden Symptomen die Diagnose einer MS gestellt wird. „Die betroffenen Kinder haben meist schon mehrere MS-Schübe hinter sich, ehe eine spezifische, immunmodulierende Therapie einsetzt“, bedauerte die Neurologin.

Wie relevant die Problematik ist, machte sie in Hamburg deutlich: „Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 200 Kinder und Jugendliche neu an einer Multiplen Sklerose.“ Es ist dabei zwischen zwei Krankheitsformen zu unterscheiden, der MS des Kindes- und Jugendalters, die vor dem 16. Lebensjahr auftritt, sowie der so genannten „True Childhood MS“, bei der sich die Erkrankung sogar schon vor dem 10. Lebensjahr manifestiert.

Klinische Studien bei Kindern fehlen noch

Inwieweit Heranwachsende tatsächlich von einer konsequenten Immunmodulation profitieren, ist letztlich noch offen, da entsprechende Studien im Kindes- und Jugendalter noch fehlen. „Es gibt hierzu großen Handlungsbedarf“, mahnte Gärtner. Die Interferone sind nach ihren Worten für die Behandlung ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen und ganz allgemein orientieren die Neurologen sich bei der Therapie der Kinder an der Erwachsenenmedizin. „Das aber ist eine unbefriedigende Situation, wir brauchen dringend spezifische Daten für das Kindes- und Jugendalter“, so Gärtner.

Bislang bleiben bei der Therapie die besonderen Probleme der Altersgruppe, zum Beispiel Wachstum und Pubertät, weitgehend unberücksichtigt. Um das Defizit zu beheben, wurde in Göttingen im vergangenen Jahr das „Deutsche Zentrum für Multiple Sklerose im Kindes- und Jugendalter“ gegründet, das sich primär der Diagnostik und Therapie von Kindern und Jugendlichen mit MS widmet. Das Zentrum ist außerdem Ansprechpartner für die Betroffenen wie auch ihre Angehörigen in allen Fragen rund um die MS im Kindes- und Jugendalter.

Christine Vetter
Merkenicher Straße 224,
50735 Köln



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