zm-online
01.04.06 / 00:15
Heft 07/2006 Leitartikel

Schwere Geburt und saure Milch



Dr. Jürgen Fedderwitz Vorsitzender der KZBV Foto: KZBV

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die schwere Geburt war abzusehen. Und das „Kind“ war übertragen, als es am 1. März das Licht der Welt erblickte. Ein Wunschkind war es eh nicht. Schon die Zeugung war ein Unfall. Offensichtlich hatten die Krankenkassen nicht aufgepasst, als die Politik ihnen und der KZBV seinerzeit (eigentlich sogar gemeinsam) auferlegte, das frisch etablierte Festzuschusssystem seriös zu validieren. Sie kamen zu diesem Auftrag wie die Jungfrau zum Kinde. Die „Verwandtschaft“ stand hilfreich zur Seite: „Frontal 21“, Stern und Bild – alle geißelten frühzeitig das rauhe und sozialpolitisch zu unwirtliche Umfeld, das die Festzuschüsse bescherten. Pech nur, dass die flinke Phalanx nicht verfangen mochte: Zu bemerken waren die zu vermeldenden Einsparpotentiale der Kassen, zu deutlich auch die Fallzahlrückgänge in den Praxen, zu „ehrlich“ die Zahnärzte bei der Rechnungsstellung. Und keine Beschwerden von den Patienten.

Im Spätherbst glaubte man gar an vorzeitige Wehen, als der Ersatzkassenreport die Kernaussagen des KZBV-Festzuschussberichtes bestätigte. So gingen die Krankenkassen also zum 1. März ins Wochenbett des GBA, um ihr Jüngstes vorzustellen: Ein Gutachten, das die Kassen bei einer Hamburger Fachfirma in Auftrag gegeben hatten. Es ist alles andere als ein klar strukturiertes, transparent aufgebautes Papier. Im Gegenteil: Es ist schwer durchschaubar, noch schwieriger nachvollziehbar: Zahlenkolonnen und erläuternde Texte passen meist nicht zusammen. Auch ist nicht erkennbar, wie die Erfassung der Daten erfolgte, von welchen Kassen aus welchen Bundesländern die Daten stammen und ob daraus zuverlässige Aussagen für das gesamte Bundesgebiet abgeleitet werden können. Genau weiß man nur: Die Analyse der Kassen bezieht sich auf die HKP-Daten aus dem Zeitraum August und September 2005 und Versorgungen aus den Vergleichsmonaten in 2004.

Zwei Abrechnungsmonate, davon einer als „Urlaubsmonat“, sollen herhalten für einen Systemverriss – können aber nicht! Durch das gesamte Gutachten ziehen sich Aussagen zu Kostensteigerungen, die durch Daten nicht gedeckt werden. Man suggeriert Vergleichbarkeiten, weist aber das nötige Zahlenmaterial nicht aus. Vermeintliche Anstiege des GOZ-Anteils werden nicht nachgewiesen, im Text aber trotzdem behauptet. Und wieder stehen die Paten bereit: Bild berichtet schon Wochen vorher von 37 Prozent höheren Kosten für die Patienten.

Die KZBV-Daten sagen da etwas ganz anderes: Unter Berücksichtigung der GOZ-Anteile aus den Mehrkostenvereinbarungen in 2004 ergibt sich ein Plus von 5,2 Prozent. Nimmt man die darin enthaltenen Anteile für Suprakonstruktionen heraus, da es in 2004 ja keinen Kassenzuschuss gab, so ergibt sich eine Steigerungsrate von gerade mal 2,4 Prozent. Das verwundert nicht, denn zum einen hat sich der in 2005 von der Zahnärzteschaft gewählte durchschnittliche GOZ-Steigerungssatz gegenüber 2004 nicht verändert, zum anderen ist aber bereits in 2005 jede dreißigste Neuversorgung eine implantatgestützte oder implantatgetragene – was auch die Kassenanalyse bestätigt (übrigens ein Beleg für das erfolgreich umgesetzte Ziel der Politik, die Patienten am medizinischen Fortschritt teilhaben zu lassen). Natürlich stellen sich die Pressepaten taub und blind, wenn im Kassengutachten davon die Rede ist, dass „eine große Mehrheit (der Patienten, Anm. d. Red.) sich vom Zahnarzt hinsichtlich der Versorgungsmöglichkeiten gut informiert fühlte und auch auf preiswerte Regelversorgungen hingewiesen worden war“.

Letztlich bleiben den Kassen nur die altbekannten populistischen Politforderungen: Eine Bematisierung ermögliche andersartige Leistungen, zumindest aber eine Begrenzung des Steigerungsfaktors. Schließlich „betrug der GOZ-Anteil am zahnärztlichen Honorar 62 Prozent, der BEMA-Anteil nur noch knapp 38 Prozent“. (Zitat: Kassengutachten) Da tut man so, als ob in 2004 der Anteil Null oder nur sehr klein war, jetzt aber das Festzuschusssystem zuschlägt. Was für ein Bauernfang! Jeder weiß, wie hoch schon in den letzten Jahren der Anteil an Mehrkostenfällen bei Neuversorgungen war.

Es bleibt zu hoffen, dass das BMG bei der bisherigen Linie bleibt, wonach – wie es ja auch das Gesetz vorsieht – der GBA das Festzuschusssystem überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Die KZBV hatte schon im Herbst die Handlungsfelder aufgezeigt und wird ihre Vorschläge machen. Auch die Krankenkassen sind hier gefordert. Ihr Gutachten ist da nicht hilfreich, mögen Sie es auch noch so hätscheln. Für dieses Kind gilt: Zu lange gekreißt, unter Schmerzen geboren und die Milch ist schon sauer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der KZBV



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