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16.04.12 / 12:40
Heft 08/2012 Gesellschaft
Heinrich Friedrich Wilhelm Braun

Sein Leben für die Zahnmedizin

Die Verdienste des Geheimen Medizinalrats Prof. Dr. med. habil. Dr. h. c. Heinrich Friedrich Wilhelm Braun für die Weiterentwicklung der Zahnmedizin sind heute fast in Vergessenheit geraten. Durch wissenschaftliche Gründlichkeit verhalf er der Lokalanästhesie in der Zahnheilkunde zu einem neuen Stellenwert. Er setzte die Bedeutung der Schmerzausschaltung zur Zahnextraktion der Entdeckung der Narkose für die Chirurgie gleich.




Am 1. Januar jährte sich der 150. Geburtstag des Wissenschaftlers Heinrich Braun. Er wurde 1862 als drittes Kind einer Kaufmannsfamilie in Rawicz (Posen) geboren. Da die Eltern früh verstarben, wuchs er bei Verwandten auf, kam mit neun Jahren nach Dresden in ein Internat und besuchte das Vitztumsche Gymnasium. Seine Vorlieben gehörten der Musik und den Naturwissenschaften. Die Liebe zur Musik „wurde schließlich so heftig, daß ich ernstlich vorhatte, mich ihr nach der Reifeprüfung ganz zu widmen“ [1].

Auf Rat der Angehörigen wählte er dann doch das Medizinstudium, das ihn – den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend – an verschiedene Universitäten führte, so nach Straßburg, Greifswald und Leipzig, wo er 1887 das Studium abschloss und im gleichen Jahr promovierte.

Während des Studiums famulierte Braun in der chirurgischen Klinik bei Prof. Carl Thiersch (1822–1895, Chirurg in Leipzig) und führte schon als Student Narkosen durch. Die Tätigkeit entwickelte bei ihm das Interesse für die Verfahren der Anästhesie und für deren praktische Anwendung.

In seiner dreijährigen chirurgischen Ausbildung in der Volkmannschen Klinik in Halle hospitierte er bei Prof. Maximilian Oberst (1849–1925, Chirurg in Halle). Hier lernte er erstmalig die Anwendung der örtlichen Betäubung kennen, nicht ahnend, welche Bedeutung dies für seine weitere wissenschaftliche Arbeit haben sollte. Oberst „wendete schon 1889 bei Fingeroperationen das mit seinem Namen verbundene […] Betäubungsverfahren“ [1] an.

Braun strebte nach wissenschaftlicher experimenteller Arbeit. 1894 habilitierte er an der Leipziger Universität extern bei Thiersch mit der Arbeit „Untersuchungen und Bau der Synovialmembran und Gelenkknorpel, sowie über die Resorption flüssiger und fester Körper aus den Gelenkhöhlen“ [1].

Um sich mehr seinen wissenschaftlichen Untersuchungen widmen zu können, ging Braun als Oberarzt an das neu erbaute Diakonissenhaus in Leipzig und hielt dort Vorlesungen über örtliche Betäubung.

Seine experimentellen und klinischen Erfahrungen auf dem Gebiet der allgemeinen und örtlichen Schmerzausschaltung veröffentlichte er 1897, vier Jahre später folgte seine Arbeit „Über Mischnarkosen und deren rationelle Verwendung“ [2]. Die darin aufgeführten Grundgedanken über Mischnarkosen haben bis heute Gültigkeit.

Pionierarbeit

Auf Grundlage des Junker´schen Narkoseapparats entwickelte Braun ein Gerät, mit dem man erstmalig Chloroformdampf, Ätherdampf oder ein Gemisch aus beiden zusätzlich zur Atemluft verabreichen konnte, so wurde die Steuerung der Narkose möglich. Dieser Apparat galt seinerzeit als unübertroffen und wurde auf dem 30. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie am 11. April 1901 in Berlin vorgestellt. Er ging als „Braunscher Narkoseapparat“ in die Geschichte ein und fand in vielen Ländern Eingang in die tägliche Praxis [4].

Seit dem Jahr 1895 beschäftigte sich Braun, angeregt durch die Zusammenarbeit mit Oberst, mit der örtlichen Betäubung. Insbesondere das 1894 erschienene Buch „Schmerzlose Operationen“ von Carl-Ludwig Schleich (1859–1922, Chirurg in Berlin) ließ Braun die noch zu lösenden Probleme erkennen.

Schleich genoss seinerzeit den Ruf als Entdecker der Lokalanästhesie. Bei gründlicher Analyse der Leistungen vieler Mediziner zur Begründung und Entwicklung der örtlichen Betäubung ist dieser Ruf Schleichs jedoch umstritten. So war ihm die bei Oberst in Halle angewandte Anästhesie an Fingern und Zehen nicht bekannt, zumindest fand sie in seinem Lehrbuch keine Beachtung. Schleich war vielmehr der Ansicht, „Echte regionäre Anästhesie kann nur central ausgelöst von den Stellen der Gefühlsapperception (Gehirn – und Rückenmark). […] thatsächlich sind wir praktisch ausser Stande, […] Nervenleitungen von anatomischen Prädilectionstellen aus (Knochenpunkte, Plexus, Durchtritte aus Knochenostien) zu erreichen“ [6].

„Der Wunsch, nach einer brauchbaren Form der Lokalanästhesie war so groß, dass jede neu entdeckte Anwendungsform von Arzneimitteln auch sofort auf diesem Gebiet versucht wurde. […] Allen diesen Bemühungen fehlte indessen das Punktum saliens, ein geeignetes Arzneimittel“ [5] schrieb Braun über die Zeit intensiver Experimente mit Adrenalin.

Selbstversuche

„Im Jahre 1895 und den folgenden Jahren suchte ich mit einem meiner Schüler (Heinze) der Infiltrationsanästhesie experimentell näher zu kommen, weil ich gefunden hatte, dass das, was Schleich über solche Versuche mitteilte, einer Nachprüfung nicht standhielt […]. Wir haben gemeinschaftlich eine sehr große Zahl von Substanzen aller Art in wässriger Lösung uns selbst eingespritzt und haben geprüft, wie die Substanzen die kutane Sensibilität beeinflussen. Meine mit Narben bedeckten Vorderarme sind noch heute die Zeugen dieser Untersuchungen“ [1].

Probleme dabei waren die Toxizität des verwendeten Kokains und die Beschränkung der Anwendung an Körperregionen, die abgebunden werden mussten, um die erforderliche Blutleere zu erreichen.

„Eines Tages im Frühjahr 1900 las ich in einer Wochenschrift, es sei aus den Nebennieren von Schlachttieren ein Extrakt gewonnen worden, welcher, örtlich angewendet, die Blutgefäße verengt und die Gewebe blutleer macht […].Wenige Tage später hatte ich mir eine Probe dieses Extraktes verschafft, setzte davon einer dünnen Kokainlösung zu, spritze die Mischung in meinen Vorderarm und beobachtete eine örtliche Betäubung von bis dahin unbekannter Intensität, Ausdehnung und Ausdauer. […] Ich stürzte mich mit Feuereifer auf das neue Problem und suchte zu ergründen, weshalb denn ein Betäubungsmittel soviel örtlich wirksamer ist in Geweben, deren Blutkreislauf unterbrochen ist“ [1].

An der Isolierung des Nebennierenextrakts waren viele Forscher beteiligt, Otto von Fürth (1867–1938 Arzt und Chemiker in Wien) nannte es 1898 Suprarenin. In seinen vielen Forschungsversuchen fand Braun heraus, dass diese Wirkstoffe nicht nur die Gewebe anämisch macht und damit die parenchymatöse Resorption herabsetzt, sondern dass sie die Intensität und die Dauer der Anästhesie erhöhen.

Die richtige Mischung

Braun ließ sich von der Londoner Firma Parke, Davis Co Adrenalin schicken. Nur sie konnte dieses Präparat herstellen. Die eigentliche Lösung musste jeder Arzt vor der Operation selbst herstellen. Die Vorschrift dazu veröffentlichte Braun: „Als Lösungsmittel für das von der Firma Parke, Davis Co in London fabrizierte basische Adrenalinum purum dient folgende Mischung:

Acidi hydrochlorici puri 0,2

Natrii chlorati 0,8

Aquae destillatae 100,0

10 ccm dieser Mischung werden im Reagenzglas zum kochen erhitzt, 1 cg Adrenalinum purum wird hineingeschüttet, nochmals aufgekocht.“ [8]

Ab 1904 stellte das Farbenwerk Hoechst eine Substanz her, die unter dem Namen Suprarenin vertrieben wurde. Zusammen mit der Leipziger Firma Heynemann entwickelte Braun einen Kasten, in dem alles zur Herstellung dieser Lösung untergebracht war [3].

Nach und nach wurden die verschiedenen Applikationsgebiete erarbeitet. „Die technische Vollendung gelang mir zuerst bei den Operationen an den Alveolarfortsätzen“ [1]. Gerade an den Kieferknochen hatten Schleichs stark verdünnte Kokainlösungen versagt. Braun konnte nachweisen, dass einzelne große Nervenstränge leicht zu unterbrechen sind: „[...] sicher mit der Hohlnadel zu treffen […] wenn ihre Lage irgendwie durch Knochenpunkte fixiert ist, dass weit größere Übung notwendig ist, wenn sie mitten in Weichteilen gelegen sind“ [7].

Anerkennung

1923 verlieh ihm die Universität Marburg ehrenhalber Titel, Rechte und Würden eines Doktors der Zahnheilkunde [3]. Zahnmedizinische Gesellschaften luden ihn wiederholt zu Tagungen ein, um die neuesten Erkenntnisse zu erfahren.

Braun setzt die Bedeutung der Schmerzausschaltung zur Zahnextraktion der Entdeckung der Narkose für die Chirurgie gleich.

1905 erschien die erste Auflage des Handbuchs „Die Lokalanästhesie, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und praktische Anwendung“. In diesem Buch fasste Braun die in umfangreichen Experimenten und wissenschaftlichen Untersuchungen sowie in praktischen Anwendungen gewonnenen Erfahrungen zusammen.

Welche Bedeutung dieses Buch hatte, zeigen die bis 1951 herausgegebenen neun Neuauflagen sowie Übersetzungen ins Englische 1913 und 1924. Es war das Verdienst Brauns, durch wissenschaftliche Gründlichkeit der Lokalanästhesie einen neuen Stellenwert zu verschaffen. Am 9. Januar 1906 trat er die Stelle des Direktors des Königlich Sächsischen Krankenstifts in Zwickau an, wirkte dort 22 Jahre, um – nach einem Jahr Verlängerung über die Pensionsgrenze hinaus – aus einem arbeitsreichen Arbeitsleben auszuscheiden. Sechs Jahre lebte er in Überlingen am Bodensee. Am 26. April 1934 verstarb Heinrich Braun.

Alle Leistungen Heinrich Brauns aufzuzeichnen ist in diesem Rahmen nicht möglich. Erwähnt werden sollen:

• 1913 erste Auflage einer fünfbändigen chirurgischen Operationslehre gemeinsam mit Prof. August Bier (1861–1949, Chirurg in Greifswald, Bonn und Berlin) und Geh.-Rat Prof. Hermann Kümmel (1852–1937, Chirurg in Hamburg)

• die Einführung der offenen Wundbehandlung

• die Braunsche Beinlagerungsschiene

• die Schrift über die Aus- und Weiterbildung der Assistenzärzte in Krankenanstalten

Visionen

Zu seinen weiteren Verdiensten gehört außerdem der Bau eines neuen Krankenhauses am Rande der Stadt Zwickau. Der Bau begann 1913, wurde durch den Ersten Weltkrieg mehrfach unterbrochen und erst 1921 fertiggestellt. Braun hat alle Gebäude selbst entworfen. Es entstand der „Zwickauer Pavillionstil“. Als Neuerungen galten die zentrale Operationsabteilung mit kleinen Operationssälen und die Unterbringung der Röntgenabteilung im gleichen Haus, die Ausrichtung großer Dosquet´scher Fenster nach Süden für genügend Licht und Frischluft. Das Modell des Zwickauer Krankenhauses war Objekt der Gesundheitsausstellung 1926 in Düsseldorf. Zwickau wurde dadurch über Jahre zum Mekka der Krankenhausarchitekten.

Der Lebensweg von Heinrich Braun ist beeindruckend. Er erhielt viele Würdigungen und war über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Trotz aller Erfolge blieb er stets bescheiden und stellte die Gemeinschaft über das persönliche Ansehen.

Für die Medizin und die Zahnmedizin hat er Außerordentliches geleistet und den Zahnärzten die Ausübung ihres Berufs erleichtert. Der Patient – insbesondere der Schmerzleidende – standen zeit seines Lebens im Fokus seiner Arbeit.

Dr. Ute Hoffmann

Karl-Gaugele-Str. 22

08060 Zwickau



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