jt
16.02.14 / 00:01
Heft 04/2014 Praxis
Linkshändigkeit

Seitenwechsel – eine Frage der Gewöhnung

Das wichtigste Werkzeug eines Zahnarztes ist die Hand. Doch spielt es auch eine Rolle, welche? Früher war es verpönt, die linke Hand zu benutzen und auch Zahnärzte mussten sich der Welt der Rechtshänder bedingungslos unterwerfen. Glücklicherweise hat die Industrie sich hier in den vergangenen Jahren bewegt. Zahnärzte können heute erfolgreich arbeiten – egal mit welcher Hand.




„Das macht man mit der schönen Hand.“ Diesen Satz kennen sicher viele aus ihrer Kindheit, die einfach alles mit links anfingen. Linkshänder zu sein war unnormal und gehörte der vorherrschenden Meinung zufolge umgewöhnt. Vor allem die heute über 40-Jährigen, werden sich daran erinnern. Die Umerziehung auf die rechte, die vermeintlich schöne Seite, war absolut üblich.

Etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung sollen, laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin, linkshändig sein. Die erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder geht jedoch wegen der nicht gesicherten diagnostischen Abklärung der Händigkeit von einer deutlich höheren Zahl aus. Und sie steigt: Laut einer Langzeitstudie am University College London (ULC) lässt sich der Zuwachs auf gegenwärtig elf Prozent beziffern. Die Begründung: Linkshänder werden nun nicht mehr „umerzogen“. Grundsätzlich darf die angeborene Händigkeit nicht umgeschult werden. Allerdings existieren für Kindertagesstätten und die elterliche Erziehung keine Vorschriften zum Thema Händigkeit. Auch die Lehrpläne in den Grundschulen (Ausnahme: Bayern) bieten keine expliziten Hinweise zum Umgang mit linkshändigen Kindern. Andere Untersuchungen des ULC zeigten darüber hinaus, dass ältere Frauen häufiger Linkshänder gebären.

Jeder 20. Zahnarzt ist ein Linkshänder

Im Alltag heißt es für Linkshänder, sich in einer Rechtshänder-Welt zurechtzufinden. In manchen Bereichen, in denen linkshandgerechte Werkzeuge, Instrumente, Maschinen, Arbeitsmittel fehlen, bedeutet es für die Betroffenen nach wie vor größere Anstrengungen. Das betrifft vor allem Arbeiten mit normierten Dreh- und Schraubbewegungen.

Doch es hat sich etwas getan. Inzwischen hat sich eine ganze Industrie darauf spezialisiert, Produkte für Linkshänder herzustellen und zu vertreiben, in Kindergärten, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen werden etwa spezielle Scheren bereitgehalten. Einige Läden haben sich auf Produkte für Linkshänder spezialisiert und bieten sie in Online-Shops an.

Die Mehrheit arbeitet mit Standardgeräten

Nicht nur der Alltag ist für Linkshänder inzwischen leichter geworden, auch das Berufsleben lässt sich für sie passend gestalten. Anne Schwarz ist Diplom-Psychologin mit eigener Praxis in Bonn und erklärt: „Linkshänder haben einfach andere Begabungen und Talente“. Linkshändige Menschen gelten häufig als besonders assoziationsfähige, ideenreiche und differenzierungsfähige Menschen. Es gibt sogar „typische“ Jobs, die für einen Linkshänder geeignet sind. Wenig überraschend kommt hier die zahnmedizinische Assistenz ins Spiel, die einen rechtshändigen Zahnarzt perfekt von links unterstützen kann.

Wie in anderen Berufsgruppen, gibt es Linkshänder natürlich auch unter den Zahnärzten. „Linkshändige Zahnärzte sind eine zahlenmäßige Minderheit, Schätzungen gehen von circa fünf Prozent aus. Und es ist zu beobachten, dass die Mehrheit der Linkshänder dazu bereit ist, sich mit Standardgeräten und -instrumenten zu arrangieren und dennoch hochwertige Arbeit zu leisten“, sagt Krista John, zertifizierte Beraterin für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder aus Coburg. „Und dies, obwohl komplette Behandlungseinheiten und eine überschaubare Auswahl an Handinstrumenten speziell für Linkshänder vom Dentalhandel angeboten werden.“

John hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Sinn für die Belange der Linkshänder unter den Zahnärzten – und vor allem in der Dentalindustrie – zu schärfen. Sie greift dafür auf praktische Erfahrungen in der Zahnarztpraxis ihres Mannes, Interviews mit betroffenen linkshändigen Studenten und Zahnmedizinern, Informationsaustausch mit Studienberatern an bayerischen Universitäten sowie mit Dentalfirmen zurück. Denn: Linkshänder zu sein bedeutet nicht nur einfach, dass diese Menschen alles „anders herum“ machen. Die angeborene Händigkeit korrespondiert jeweils mit der gegenüberliegenden leistungsstärkeren Hirnhälfte. Linkshänder haben also eine dominante rechte Hirnhemisphäre. Wer dann vorwiegend mit der rechten Hand komplexe Tätigkeiten ausführt, überfordert seine schwächere, linke Hirnhälfte.

Der oder die Umgeschulte muss also verstärkt Kompensationsleistungen erbringen und mehr Energie in seine Arbeit investieren. Man weiß heute, dass die Umschulung der Händigkeit zu zahlreichen Störungen führen kann, vor allem was die Gedächtnisleistungen, Konzentrationsfähigkeit und feinmotorische Fähigkeiten angeht. „Sowohl Umschulung als auch Rückschulung auf die dominante Hand bedeuten einen massiven Eingriff ins menschliche Gehirn mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen“, betont John. Daher empfiehlt sie, dass sich linkshändige Zahnärzte ganz individuell entscheiden, welche Praxisausstattung für sie die richtige ist.

Die Industrie reagiert mit Linkshänderprodukten

Inzwischen gibt es bei vielen Herstellern Behandlungseinheiten für Linkshänder. So sind etwa Behandlungseinheiten von KaVo komplett symmetrisch aufgebaut, können also je nach Wunsch für einen Rechts- oder Linkshänder montiert werden. Wie Susanne Vieweger, International Senior Produktmanager bei KaVo, erklärte, gilt es, diese Problematik schon in der Entwicklungsphase einer Einheit zu berücksichtigen. Den Bedürfnissen von Linkshändern gerecht zu werden, scheint bereits in der Lehre ein wichtiges Thema zu sein, denn: „Wenn Universitäten solche Aufträge ausschreiben, ist immer ein gewisser Anteil an Linkshänder-Einheiten gefordert.“ Sirona bietet sogenannte „Turn-Einheiten“, die per Knopfdruck von einer Rechts- auf eine Linkshänder-Einheit umgestellt werden können. Wichtig sei, dass der Wechsel möglichst schnell funktioniert, so Susanne Schmidinger, Director of Product Marketing bei Sirona. Neben den Marktführern bieten unter anderem auch Anthos, Castellini, DKL Chairs oder Ultradent Behandlungseinheiten für Linkshänder an.

In anderen Ländern Europas sind die Schwerpunkte häufig andere. „In Schweden beispielsweise spielt die Ergonomie am Arbeitsplatz eine extrem große Rolle“, erläutert Schmidinger. „Das ist unserer Auffassung nach auch richtig so. Das beginnt sicher bei der Einheit an sich, ist dort aber noch nicht abgeschlossen. Dazu gehören die Kopfstützen für den Patienten, die Möglichkeiten der Patientenlagerung sowie die Positionierung des Behandlers ebenso dazu.“

Dr. Sigrid Frank aus Besigheim praktiziert gemeinsam mit ihrem Mann ausschließlich an Rechtshänder-Einheiten – als Linkshänderin. „Für mich ist das kein Problem. Ich bin es seit meiner Kindheit gewohnt, dass alles ’falsch’ herum ist. Irgendwann entwickelt man für sich entsprechende Abläufe und kommt damit gut zurecht.“ Da kommt ihr ein flexibel drehbarer Traytisch sehr entgegen. „Ich kann als Linkshänderin sehr gut mit klassischen Instrumenten arbeiten, es ist wirklich nur eine Frage der Gewöhnung.“ Ihrem Zahnmedizin studierenden Sohn, auch er ein Linkshänder, zeigt sie derzeit auch, wie das funktioniert: „Winkelstücke und Instrumente links zu halten, ist nicht so schwierig. Wichtig ist die richtige Position zum Patienten. Ich arbeite sehr viel von vorn in der sieben bis acht Uhr-Position.“

Schläuche an den Turbinen sind oft zu kurz

Aneliya Schulz aus Nürnberg ist ebenfalls mit ihrem Mann in eigener Praxis tätig und musste in ihrer Assistenzzeit als Linkshänderin an einer Rechtshänder-Einheit arbeiten. Sie empfand das als sehr anstrengend: „Gerade nach langen Behandlungen konnte man schon Muskelkater bekommen.“ Sie haderte mit den für sie nicht ausreichend langen Schläuchen an den Turbinen. Hier wünscht sich Schulz mehr Achtsamkeit auf Seiten der Hersteller. Sie selbst habe aber auch beobachtet, dass viele Patienten gar nicht reagierten, wenn sie von links arbeitet: „die meisten sind wahrscheinlich viel zu aufgeregt, um darauf zu achten.“ Beide Zahnärztinnen haben sich nicht auf ein Fachgebiet spezialisiert, wenngleich Aneliya Schulz einräumt, ungern endodontische Behandlungen mit Handinstrumenten durchzuführen, denn dafür spezielle, für Linkshänder geeignete Instrumente anzuschaffen, lohne sich aus ihrer Sicht nicht. „Ich mache selbst viele prothetische Arbeiten, auch chairside.“

Britt Salewski
Fachjournalistin für Zahnmedizin
redaktion@salewski.biz



Mehr zum Thema


Anzeige