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16.08.11 / 00:12
Heft 16/2011 Politik
Meldeverfahren bei Epidemien

Seuchenmeldung via Schneckenpost

Opposition, Ärzte und EU-Abgeordnete kritisierten das deutsche Krisenmanagement während der Ehec-Epidemie scharf: zu viel Kompetenzgerangel unter den Behörden, zu viel Zeitverlust bei den Meldewegen. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat reagiert. Das Meldeverfahren soll angekurbelt warden.



Foto: Fotolia.com - PNetzter/Meinardus

Die angestrebte Konkretisierung im Infektionsschutzgesetz bleibt jedoch weit hinter den Erwartungen der Experten zurück. In einem Referentenentwurf des BMG heißt es lediglich, dass das Gesundheitsamt „unverzüglich“ die zuständige Lebensmittelüberwachungsbehörde zu informieren habe.

Auf dem 7. Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin ließen führende Wissenschaftler ihrem Ärger über das ineffiziente Meldesystem freien Lauf. Um auf einen potenziellen neuen Erreger schnell und souverän reagieren zu können, sei es unausweichlich, eine gründliche Auswertung der jüngsten Krise vorzunehmen und – neben anderen Faktoren – in erster Linie über den Status quo der Meldewege zu diskutieren. „Die sind veränderungs- und optimierungsbedürftig“, monierte Prof. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), gleichzeitig Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover. Denn „die nächste Epidemie kommt bestimmt“, sagte er mit Blick auf die gerade abebbende Ehec-Epidemie. Der Mikrobiologe verwies zur Bestätigung auf die starken Kräfte der Keime: „Die Rekombinationsfähigkeiten der Mikroorganismen sind schier unendlich.“ Doch bis ein gemeldeter Fall den Weg von der Quelle bis zur entsprechenden Stelle beim Bund genommen hat, vergeht wertvolle Zeit – bis zu dreizehn Tage. Bitter-Suermann: „Das gleicht dem Tempo einer Postkutsche.“ Im Internetzeitalter ist das wie Schneckenpost. Maßgeblich ursächlich für die „lange Leitung“ seien die föderalen Strukturen des öffentlichen Gesundheitsdienstes. So durchlaufe ein gemeldeter Fall per Post [!] mindestens sieben Instanzen, bis es tatsächlich zu einer Meldung gemäß des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) beim Bund kommt:

• Arzt
• Gesundheitsamt
• Landesgesundheitsamt
• Landesministerium
• Bundesbehörde I
• Bundesbehörde II
• Robert Koch-Institut

Am Anfang der Kette stehen die Ärzte (ambulant/stationär, klinisch – und labordiagnostisch), gefolgt von den zuständigen Gesundheitsämtern. Trifft die Meldung im entsprechenden Amt an einem Freitagnachmittag ein, bleibt schon mal die Zeit stehen: „Dort gibt es meist keinen Wochenenddienst“, kritisierte Bitter-Suermann. Sprich, die Meldung liegt mitunter über 48 Stunden unangetastet im Briefkasten der Behörde. In dieser Zeit könne der Infizierte theoretisch bereits mitsamt Erreger auf einen anderen Kontinent geflogen sein. Oder der Erreger könne auch auf anderen Trägern, wie etwa Lebensmitteln, in kurzer Zeit über weite Strecken verbreitet werden. Zudem entstehe in einer von Ressortzuständigkeiten dominierten Meldekette ein regelrechtes Chaos. Das werde umso größer, je schneller sich eine Epidemie über Kreis und Landesgrenzen ausbreitet.

Deshalb sprachen sich Bitter-Suermann und Kollegen für eine Zentralisierung aus, um das Kommunikationswirrwarr auf den Meldewegen zu beseitigen: Konkret sollte ein Koordinations- und Lagezentrum beim Bund etabliert werden. De facto erfülle das Robert Koch-Institut (RKI) bereits diese Funktion. Bitter-Suermann: „Nur am RKI existiert rund um die Uhr das gesamte epidemiologische und infektiologische Know-how zur Risikoabschätzung und Bewältigung sowie die personelle Taskforce.“

Die Landesbehörden müssten sich diesem koordinierten und standardisierten Verfahren unterordnen und darüber hinaus die entsprechenden personellen Kapazitäten bereithalten.

Ein weiterer Aspekt: die Überwachung (Surveillance) der Sterblichkeit. Sie sei für die Suche nach einer Infektionsquelle in einer Epidemie – und damit für die notwendigen Präventionsmaßnahmen – essenziell, bisher allerdings nicht ausreichend schnell und exakt. Der MFT-Präsident befand darüber hinaus die klinischen Kapazitäten (Vorhaltefunktion) der Bundesländer für Epidemien als unzureichend verfügbar und die Information darüber bei Bund und Ländern als lückenhaft. Schließlich müsse die Meldetechnik endlich elektronisch ablaufen. Bitter-Suermann: „Noch gleichen die Wege einer Katastrophe.“

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht den langen Meldeweg per Post als eine Ursache für die starke Ausbreitung der Krankheit. Er kündigte bereits im Juni eine Untersuchung im Gesundheitsausschuss an. Die Kliniken müssten in Zukunft jeden Fall direkt per Mail an das RKI melden, so Lauterbach gegenüber dem Sender „n-tv“.

Auch wenn die akute Phase der Epidemie überstanden ist, beginnt für die Patienten jetzt erst die Zeit der Nachsorge. Viele Ehec-Kranke werden lebenslang unter den Folgen leiden, sind stark nierengeschädigt und/ oder benötigen ein Spenderorgan.

INFO

Ausgleich für Kliniken

Der Verband der Universitätsklinika (VUD) fordert, dass der Bund die Übernahme von Mehrkosten bei akuten Versorgungsproblemen gesetzlich regelt. Neben Epidemien zählen dazu Transplantationen und die Frühchenversorgung. VUD-Generalsekretär Rüdiger Strehl betonte, dass das Krankenhausfinanzierungssystem nicht planbare Extremfälle nicht abdecke. Mit großem Arbeits- und Kostenaufwand hätten die Universitätsklinika, besonders in Hamburg, Kiel und Hannover, die Ehec-Epidemie geschultert. „Es kann nicht sein, dass die Kliniken auf den erheblichen Mehrkosten in Millionenhöhe sitzen bleiben“, erklärte Strehl.

Der VUD verlangt für Kostenausreißer separate Einzelfallabrechnungen jenseits der Fallpauschalen. Auch Preisabschläge seien bei Extremfällen unangebracht. Leidtragende seien die leistungsstarken Krankenhäuser, gerade die Universitätsklinika als Spitze der Versorgungspyramide. „Sicherheit für die Krankenhäuser ist aber nur durch eine gesetzliche Klarstellung des Bundes zu erreichen, da sonst die Uniklinika vom Wohlwollen der Kostenträger abhängig sind und in Einzelverhandlungen mit den Krankenkassen eintreten müssen“, sagte Strehl.

Ehec-Patienten müssten zudem sehr lange ambulant nachbehandelt werden – am besten in den Universitätsklinika, wo die primäre stationäre Versorgung erfolgte und das klinische und wissenschaftliche Know-how vorhanden sei. Für eine Hochleistungsmedizin wie bei der Ehec-Epidemie müsse auch die Finanzierung von Geräten, Technik, Bauten und Reservekapazitäten bereitgestellt werden. So hätten die betroffenen Kliniken akut neue Beatmungsund Dialysegeräte kaufen und zusätzliche Isolierbereiche einrichten müssen, Intensivstationen seien wochenlang blockiert gewesen. Strehl: „Diese Kosten müssen übernommen werden. Die Hochleistungskrankenhäuser brauchen Pufferkapazitäten.“



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