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16.08.13 / 00:01
Heft 16/2013 Gastkommentar

Sicherheit im globalen Web

Die NSA-Affäre hat ein anderes Licht auf die Bemühungen um Datensicherheit geworfen. Bittere Erkenntnis: Nichts ist perfekt – aber jenseits von Geheimdiensten oder kriminellen Übergriffen gilt weiter der Primat des Datenschutzes, meint Dr. Jutta Visarius, gesundheitspolitische Fachjournalistin, LetV Verlag, Berlin.




Auch die Kanzlerin will nicht, dass ihre Gesundheitsdaten bekannt werden und ihre Gesundheit öffentlich diskutiert wird. So zumindest Angela Merkel auf ihrer letzten großen Pressekonferenz vor den Sommerferien. Verständlich, eine öffentliche Diskussion über seine Gesundheit will wohl niemand! Aber wird nach den Snowden-Veröffentlichungen noch irgendjemand ernsthaft versichern können, dass es einen sicheren Datenschutz geben kann?

Was die NSA und andere Geheimdienste können, bringen sicher auch clevere Hacker zustande. Sollten die Warner vor einer digitalen Versendung und Speicherung von Patienten- und Arztdaten Recht behalten? Ja und nein.

Ein modern strukturiertes Gesundheitswesen wird ohne Telematik nicht auskommen, und es gibt keinen Weg zurück vor das Web. Das wäre illusorisch und auch ein wenig naiv. An den meisten unserer Gesundheitsdaten, insbesondere unseren Daten zur Zahngesundheit, ist auch niemand ernsthaft interessiert. Aber die von Angela Merkel dürften die Öffentlichkeit aus reinem Voyeurismus interessieren. Interessanter wird es für die Öffentlichkeit zum Beispiel bei Daten aus der Psychotherapie. Ist ein Politiker oder ein Wirtschaftsboss psychisch überhaupt fähig, seinen Job ordentlich zu erledigen, wird dann sicher in aller Öffentlichkeit diskutiert. An solchen Fragen haben auch die Geheimdienste ein hohes Interesse, denn hier liegt ein Schatzkästlein mit Munition für Erpressungen, und Geheimdienste sind bekanntermaßen nicht gerade zimperlich.

Aber alles dies haben wir schon vor Jahren ausführlich diskutiert. Geändert hat sich nur, dass es heute kein Potenzialis, sondern ein Realis ist.

Wie kann man das Dilemma zwischen der Notwendigkeit zur Kommunikation und der Privatsphäre des Einzelnen auflösen? Zurück zur Postkutsche, zum guten alten Brief?

Auch der bietet keine Sicherheit, denn wir wissen heute, dass auch Briefe und Telefone überwacht werden. Auch das händische Übermitteln von Gesundheitsdaten bietet keine Sicherheit, denn die Schwachstelle ist der Mensch. Jeder kann Informationen weitergeben oder sogar verkaufen. Geheimdienste haben auch in der Vergangenheit Daten ausgespäht, Telefone angezapft, Briefe gelesen. Die Schwachstelle war, ist und bleibt der Mensch.

In Deutschland haben wir Gesetze, die eine derartige Überwachung verbieten, die unsere Daten schützen, und die Bundeskanzlerin sagt zu Recht, in Deutschland gelten deutsche Gesetze.

Das sehen einige, vielleicht sogar deutsche Geheimdienste anders. Zurzeit erleben wir nicht nur eine massive Auseinandersetzung um Datensicherheit und den Schutz der Privatsphäre, die Vorgänge weisen auf ein viel weitergehendes, grundsätzliches Problem. Können in einem globalisierten Datenaustausch, einem globalen Internet, nationale Gesetze überhaupt noch durchgesetzt werden? Oder benötigen wir nicht vielmehr internationale Abkommen zum Schutz der Privatsphäre jedes Bürgers auf dieser Welt?

Besteht angesichts vieler Staaten mit einem anderen Rechtsverständnis als dem unseren überhaupt die Möglichkeit, derartige Abkommen zu treffen? Wie viel ist dem Weltbürger seine Sicherheit, wie viel ist ihm seine Privatsphäre wert? Unversehens hat die große Weltpolitik Einfluss genommen auf im Verhältnis dazu Petitessen wie die Sicherheit der Daten deutscher Patienten, Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und andere.

Unsere Daten sind nach den deutschen Sicherheitsbestimmungen dennoch sicher, soweit irgendetwas im Leben sicher sein kann – aber eben nicht vor Geheimdiensten und professionellen Hackern.

Mit diesem Rest an Unsicherheit werden wir leben müssen, wie mit so vielen Unsicherheiten im Leben. Nobody and nothing is perfect!

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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