sg
16.06.09 / 00:11
Heft 12/2009 Praxis
Anleihen für jedes Risiko

Sicherheit statt Rendite und umgekehrt

Nach wie vor fühlen sich die Anleger stark verunsichert. Steigt die Börse oder brechen die Kurse wieder ein? Sinken die Zinsen noch weiter? Anleihen bieten derzeit noch Gelegenheiten, Kapital günstig zu investieren. Doch sollten Anleger ihre Wahl sehr sorgfältig treffen, um sich vor möglichen Verlusten zu schützen.




0,5 Prozent für Tagesgeld und 1,5 Prozent für Festgeld mit einer Laufzeit von einem Jahr – Konditionen in dieser Größenordnung sind derzeit die Regel. Viele Anleger, die größere Summen unterbringen möchten, wollen sich mit diesen Angeboten nicht zufrieden geben – auch wenn bei einer Inflationsrate von nahe null Prozent und einer Rendite von etwa einem Prozent im Schnitt mehr übrig bleibt als noch vor einem Jahr. Damals lagen die Zinsen bei rund drei Prozent und die Geldentwertung bei 2,8 Prozent. Wahrscheinlich wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen noch einmal senken. Dann werden auch die Banken ihre Sparzinsen flugs nach unten anpassen. Die Rendite wird also in etwa gleich bleiben.

Auf der Suche nach hohen Zinsen und bei möglichst 100-prozentiger Sicherheit entdecken Investoren die Anleihen. Diese Wertpapiere haben viele Namen: Sie heißen auch Schuldverschreibungen, Renten oder im Englischen Bonds. Gemeint ist immer dasselbe: Es handelt sich um Kredite, die die Anleger einer Firma, einem Bundesland oder einem Staat geben. Dafür bekommen sie einen Schuldschein. Sein Nennwert – zum Beispiel 100 oder 1 000 Euro – beschreibt die Summe, die der Käufer bei Fälligkeit des Papiers zurückbekommt. Für seine Forderung zahlt ihm der Schuldner regelmäßig Zinsen.

Firmen-Schuldscheine

Mit besonders attraktiven Konditionen statten derzeit renommierte Unternehmen ihre Schuldscheine aus. Sie wenden sich inzwischen gern auch an private Investoren, weil sie dringend Geld benötigen, um fällige Investitionen in Gang zu setzen. Die Banken tun sich immer noch schwer mit der Kreditvergabe. Deshalb bieten die Emittenten die Wertpapiere statt in einer Stückelung von 50 000 Euro auch in Portionen zu je 1 000 Euro an. So ermöglichen sie die Anlage kleinerer Beträge. Anfang März haben große Unternehmen wie Eon, Lufthansa, Daimler, Bayer und Merck Schuldscheine emittiert, die auch für private Anleger von Interesse sind. Die Finanzstrategen in den Unternehmen gehen davon aus, dass diese ihre Anleihen bis zum Ende der Laufzeit halten und einfach verlässlichere Gläubiger sind. Allerdings dürfte sich dieser Trend mit dem Abklingen der Krise wieder umkehren und die Emittenten werden zur 50 000er Stückelung zurückkehren. Der Vorteil für die Schuldner besteht in den niedrigeren Kosten und dem geringeren Aufwand. Schon jetzt hat BMW eine Anleihe mit einem Kupon von 4,625 Prozent und einer kurzen Laufzeit bis zum 29. Oktober 2010 ausgegeben, für die sich vor allem Großinvestoren interessieren.

Berater konsultieren

Grundsätzlich sollten Anleger, die in Unternehmensanleihen investieren wollen, sich vertrauensvoll an einen unabhängigen Berater wenden. Denn für einen Laien sind die Risiken einfach nicht zu überschauen. Allenfalls geben die Noten der Rating-Agenturen einen ersten Anhaltspunkt für die Bonität der Anleihen. Dabei gilt: Je höher die Note (AAA = Bestnote) desto niedriger die Rendite. Vor der Anlage sollte man sich umfassende Informationen über das Unternehmen seiner Wahl einholen. Robert Bauer, Partner und Rentenspezialist bei der Vermögensberatung Packenius, Mademann und Partner in Düsseldorf, kann sich für Corporate Bonds – so heißen die Firmenpapiere im Fachjargon – begeistern. Er sieht gute Chancen, mit seriösen Papieren eine attraktive Rendite zu erzielen: „So lag zum Beispiel der Kurs der 7,375 Fresenius Medical-Anleihe im November letzten Jahres bei 91,6 Prozent, die Rendite war bei 10,6 Prozent. Jetzt liegt der Kurs bei 105 Prozent und die Rendite immerhin noch bei fünf Prozent. Der Kunde hat bis jetzt einen Gewinn von 10 Prozent gemacht.“ Die Anleihe läuft bis 2011 und verfügt sogar nur über ein BBB-Rating, die unterste Grenze für ein Investment-Papier. Überhaupt empfiehlt der Experte nur kurz laufende Anleihen. Für seine Kunden hält er sich an die Regel, Anleihen so zu kaufen, dass jedes Jahr eine fällig wird. Dann kann er die frei werdenden Beträge immer zu marktgerechten Konditionen anlegen. Die Gefahr, dass bei einer Inflation die im Depot gehaltenen Papiere uninteressant werden, ist damit gebannt. Banken hingegen empfehlen ihrer Kundschaft lieber den Kauf von Rentenfonds, die aus der eigenen Werkstatt stammen. Das bringt satte Gebühren in die Kasse. Allerdings muss der Käufer sich dann mit dem vom Manager zusammengestellten Mix zufriedengeben.

Generell skeptisch steht Verbraucherschützer und Anlagenexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg dem Thema Anleihen gegenüber. Er warnt ausdrücklich vor den Risiken, die er in diesen Zeiten als besonders groß einschätzt. Speziell Unternehmensanleihen sind ihm suspekt: „Bei diesen Papieren trage ich immer ein Risiko. Ich kann doch heute nicht wissen, ob es zum Beispiel Daimler in fünf Jahren noch gibt.“ Rentenspezialist Robert Bauer hält dagegen: „Sollte es Daimler tatsächlich in fünf Jahren nicht mehr geben, heißt das, dass 70 000 Arbeitsplätze wegfallen, dazu noch dreimal so viel bei den Zulieferern. Dann haben wir wohl ganz andere Probleme.“

Fest- und Tagesgeld

Anleger, die lieber auf Nummer sicher gehen, können ihr Geld in deutsche Staatsanleihen oder in die Tagesanleihe des Bundes anlegen. Damit verzichten sie zwar auf ein paar Renditepunkte. Dafür zahlen sie keine Gebühren, vorausgesetzt, sie vertrauen die Papiere der Bundesschuldenverwaltung an. Die Zinsen für die Tagesanleihe liegen derzeit bei knapp 0,6 Prozent. Das ist mehr als die derzeitige Inflationsrate. Sie lag im Mai bei null Prozent. Niels Nauhauser empfiehlt daher eher eine Anlage in Fest- oder Tagesgeld. Die Sicherheit der Bankeinlagen hält er dank der Garantien der Bundesregierung für gleich hoch. Und für Festgeld mit einem Jahr Laufzeit zahlen die Von Essen Bankgesellschaft 2,75 Prozent, die Ziraat-Bank 2,65 Prozent und die Mercedes-Benz-Bank 2,60 Prozent für jeweils 10 000 Euro (Stand: Mitte Mai 2009). Zu einer längeren Laufzeit würde Nauhauser auch nicht raten. Denn es ist abzusehen, dass die Zinsen irgendwann wieder steigen. Und dann gilt der Einwand von Robert Bauer: „Aus dem Festgeld kann man nicht heraus, aber Anleihen kann ich jederzeit wieder verkaufen.“

Mehr Renditen als die heimischen Papiere versprechen so manche ausländischen Staatsanleihen. Doch auch hier gilt wie für die Unternehmensanleihen: je höher der Zins desto größer das Risiko. So brachten österreichische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit Anfang des Jahres Renditen von 3,8 Prozent (Deutsche Anleihen lagen bei 2,9 Prozent.), irische sogar 4,6 Prozent. Alle Staaten verfügten damals über ein AAA-Rating. Allerdings kämpfen die Österreicher mit ihren Krediten, die sie an osteuropäische Unternehmen und Staaten vergeben haben. Die Iren leiden unter einer Immobilienkrise und der Staat hat sich an großen heimischen Banken beteiligt – das Rating liegt jetzt bei AA-plus. In ihrer Not pumpten große Investoren wie private Anleger viel Geld in Staatsanleihen, mit dem Gedanken an eine sichere Investition. Inzwischen sinken die Renditen und die Kurse steigen. Sich zu den derzeitigen Konditionen auf zehn Jahre festzulegen, scheint nicht sehr empfehlenswert. Denn die expansive Geldpolitik vieler Staaten schürt die Inflationsgefahr. Dann werden die Zinsen wieder anziehen. Carsten Mumm, Finanzanalyst bei der Conrad Hinrich Donner Bank in Hamburg, hält das Risiko bei ausländischen Staatsanleihen für überschaubar: „Unseres Erachtens besteht nicht die Gefahr, dass ein dem Euroraum angehörendes Land seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Im Zweifel dürften andere Staaten des gemeinsamen Währungsraums dafür Sorge tragen, dass eine mögliche Zahlungsunfähigkeit verhindert wird.“

Anleihen der Bundesländer

Einen Aufschlag bei den Zinsen bieten die Anleihen, die die Bundesländer emittieren. So lagen die Renditen für fünfjährige Papiere Mitte Mai mit 3,3 Prozent um etwa 0,8 Prozentpunkte über denen der Bundesanleihen. Vor Beginn der Krise betrug dieser Spread nur 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte. Zwar gilt auch hier die Devise: je höher die Rendite desto höher das Risiko. So bewerten die Rating-Agenturen Standard & Poors sowie Moodys den unterschiedlichen Verschuldungsgrad der Länder mit Abschlägen. Doch dank dem Finanzausgleich der Länder fällt dieser Aspekt so gut wie unter den Tisch. Die Rating-Agentur Fitch vergibt deshalb für alle Länder ein einheitliches AAA. Experten begründen den Risikoaufschlag mit der geringeren Liquidität dieser Papiere. Deshalb lassen sich institutionelle Investoren nur mit einem Bonus locken. Private Anleger können die Papiere jederzeit über die Börse kaufen und verkaufen. Sie handeln meistens mit kleinen Mengen. Wie für andere Anlagen empfehlen sich auch hierbei eher die Anleihen mit kurzer Restlaufzeit. So läuft eine mit fünf Prozent verzinste Bayern-Anleihe noch bis zum 26. Juni 2012, die Rendite lag Anfang Mai bei 2,71 Prozent. Ein Niedersachsen-Papier, Zins 4,25 Prozent, Laufzeit bis zum 24. September 2013, rentierte mit 3,13 Prozent.

Eine ziemlich sichere Sache ist auch der Kauf staatsgarantierter Unternehmensanleihen wie sie die Commerzbank oder die Bayern-LB herausgeben. Dazu Carsten Mumm: „Bei diesen Anleihen ist das Ausfallrisiko mit dem einer deutschen Bundesanleihe vergleichbar.“

Staatsanleihen

Gegen die Gefahren der Geldentwertung können sich ängstliche Anleger schon jetzt absichern, in dem sie einen Teil ihres Kapitals in inflationsindexierte Staatsanleihen stecken. Dabei hängen der Zinssatz und die Rückzahlung von der Entwicklung des Verbraucherpreisindex des Euro-Raums (ausgenommen Tabakprodukte) ab. Die im Englischen Linker genannten Papiere sollen das eingesetzte Kapital vor Geldentwertung schützen. Das funktioniert, indem sich der niedrige Grundzins regelmäßig um die Inflationsrate erhöht. Am Ende der Laufzeit zahlt der Schuldner den Nennwert plus den Ausgleich für die Geldentwertung zurück. Auf diese Weise bleibt die Rendite der Anleihe gleich. Bei Anleihen ohne Inflationsschutz sinkt die tatsächliche Rendite sobald die Zinsen steigen. Ob sich die Anlage in einen Linker lohnt, hängt von der zu erwartenden Höhe der Inflation ab. So rentiert sich der Kauf der bis April 2016 laufenden Bundesanleihe mit Inflationsschutz dann, wenn die Inflation höher als 1,6 Prozent ausfällt. Doch kämpft die Wirtschaft zurzeit eher mit deflationären Tendenzen, das heißt mit einer Aufwertung des Geldes. Mit einer steigenden Inflation kalkulieren viele Experten erst in eineinhalb bis zwei Jahren. Da macht es mehr Sinn, größere Summen auf verschiedene kurz laufende Anlagen wie Anleihen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit oder in Festgeld zu verteilen. Wird ein Betrag fällig, kann er zu marktgerechten Konditionen wieder angelegt werden.

Marlene Endruweit
m.endruweit@netcologne.de

INFO

Die wichtigsten Kennziffern für Anleihen
Zins, Kurs, Laufzeit und Emittent sind die wesentlichen Merkmale einer Anleihe:

Zins

Der so genannte Kupon gibt Auskunft über die Höhe der Zinsen, die der Emittent in regelmäßigen Abständen – meist einmal im Jahr – an seine Gläubiger zahlt. Beträgt der Zins fünf Prozent, bekommt der Anleger fünf Euro pro Jahr und 100-Euro-Anleihe. Wie hoch die Zinsen ausfallen, bestimmt der Emittent. Er richtet sich nach den Marktgegebenheiten. Emittenten mit guter Bonität müssen für die Kreditaufnahme weniger zahlen als weniger gute Schuldner. Es gibt auch Anleihen, für die keine Zinsen gezahlt werden. Diese Null-Kupon-Anleihen oder Zerobonds starten mit einem niedrigen Kurs. Am Ende der Laufzeit werden sie zu 100 Prozent ausgezahlt. Die Zinsen sind dann im Kurs enthalten.
 
Kurs

Der Kurs einer Anleihe schwankt. Er hängt von der Höhe des Zinskupons und seinem Verhältnis zum aktuellen Marktzins ab. Ist die Anleihe mit einem höheren Zins ausgestattet als zum Beispiel der geltende Festgeldsatz, investieren die Anleger in die Anleihe. Als Folge davon steigt der Kurs. Er fällt, wenn der Marktzins steigt, die Anleihe wird also billiger. Anleger, die zu einem günstigen Kurs einsteigen und bis zum Ende der Laufzeit durchhalten, kassieren die Zinsen und am Ende den Nennwert, der gleich 100 Prozent gesetzt wird. Meistens entspricht ein Nennwert von 100 Prozent auch 100 Euro.
 
Laufzeit

Jeder Emittent entscheidet selbst, wie lange eine Anleihe laufen soll. Deshalb reichen die Laufzeiten von einem Jahr bis zu 30 Jahren und mehr. Dabei sind die Papiere in kurze (ein bis zwei Jahre), mittelfristige (bis zu acht Jahren) und lang laufende (bis zu 30 Jahren und mehr) eingeteilt. Schuldner, die mit steigenden Zinsen rechnen, bevorzugen Langläufer. Sie wollen sich den niedrigen Zinssatz über eine möglichst lange Zeit sichern.
 
Rendite

Rendite und Kurs einer Anleihe entwickeln sich gegenläufig: Steigt der Kurs, sinkt die Rendite und umgekehrt. Wie hoch die Rendite ist, hängt zum einen vom Verhältnis Marktzins zum Kupon ab. Zum anderen bestimmt das Rückzahlungsrisiko, mit dem die Anleihe behaftet ist, die Rendite. Eine deutsche Staatsanleihe, die als sehr sicher gilt, wirft nur eine geringe Rendite ab. Südamerikanische Anleihen zum Beispiel oder ungarische locken mit höheren Renditen. Sie sollen Investoren davon überzeugen, das Risiko, dass die Anleihe am Ende der Laufzeit möglicherweise nicht zurückgezahlt wird, zu akzeptieren.

Bonität des Emittenten
Die Zinshöhe und damit die Rendite einer Anleihe hängt stark von der Bonität des Emittenten ab. So gilt die Bundesrepublik Deutschland als sehr zuverlässiger Schuldner. Rating-Agenturen wie Moody’s, Fitch und Standard&Poors beurteilen die Bonität von Emittenten. Sie vergeben Noten für deren Kreditwürdigkeit. Dabei gilt AAA als Bestnote. Von Papieren, die schlechter als BBB bewertet sind, sollten Anleger aus Sicherheitsgründen unbedingt die Finger lassen.



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